18.10.2012

Erzählen: Materialismus des Unkörperlichen

Ich habe ein schlechtes Gewissen: in letzter Zeit erreichen mich immer wieder Anfragen zu meinem Skript über das Plotten von Kriminalfällen. Dieses ist (fast) deckungsgleich mit meinem veröffentlichten Artikel, also nicht besonders lang. Und wer diesen Artikel gerne auf Papier haben möchte, kann sich den auch aus dem Blog kopieren.

Nun habe ich in den letzten Jahren meine Arbeit zur Logik (Schuldeutsch: Argumentationslehre) intensiviert. Ihr habt das ja mitbekommen, wenn ihr meine Artikel verfolgt. Auch meine rhetorischen Analysen sind, ich hoffe, auch das ist deutlich geworden, wesentlich stärker auch an den argumentativen Gängen der Texte ausgerichtet.
Mein Artikel über den Krimiplot war nun an einigen, wenigen Elementen der Logik ausgerichtet. Abgesehen davon hatte ich zu der Zeit weder die Logik von Kant, Hegel, noch Dewey gelesen, so dass ich heute über dieses Thema (Plotten) ganz anders, auf jeden Fall differenzierter sprechen kann.

Wo aber liegt nun das Problem? Warum ist dieser Artikel, den ich vor vier Jahren veröffentlicht habe, für mich heute so kritisch?
Das liegt unter anderem daran, dass ich mittlerweile zwei logische Schichten in der Konstruktion eines Krimis sehen. Auf der einen Seite gibt es die Logik der Gegenstände; hier stimmt mein Artikel noch. Aber es gibt auch eine Logik der Ereignisse. Und diese thematisiere ich überhaupt nicht.
Die Logik der Ereignisse kann natürlich nicht ohne die Gegenstände geschehen. Es muss sich, wie in guten Erzählungen üblich, immer um konkrete Ereignisse handeln, also solche, die tatsächlich in der Welt passieren. Trotzdem sind Ereignisse keine Gegenstände. Sie „existieren“ zwischen den Körpern; in einer sehr glücklichen Wendung bezeichnet Michel Foucault dies als einen „Materialismus des Unkörperlichen“ (in: Die Ordnung des Diskurses, Seite 37).
Ein Problem dieser Logik der Ereignisse ist auch, dass sie keine Qualitäten zu haben scheinen. Gegenstände sind grün (Äpfel), kalt (Eis), schwer (Waschmaschinen), usw. All dies kann man Ereignissen nicht zuschreiben.
Damit kann ein konstruierter Fall in einem Krimi auf zwei sehr unterschiedliche Weisen gesehen werden. Es ist klar, dass ich, wenn ich von der Logik der Gegenstände ausgehe, den Krimiplot über Spuren und Indizien konstruiere, oder, allgemeiner gesagt, über die Bedingung von Merkmalen (zum Beispiel über die Bedingung von Merkmalen eines Tatortes). Auf der Ebene der Ereignisse gibt es aber keine Spuren und Indizien und deshalb muss sich die Ereignislogik eines Krimis ganz anders darstellen.

Nun könnte man natürlich sagen: das ist doch egal. Mir reicht es, wenn ich die Logik der Gegenstände für meinen Krimiplot benutze. Allerdings werden Autoren, die genau dies tun, meiner Ansicht nach immer bei den teilweise sehr seltsamen Konstruktionen der Sherlock Holmes-Geschichten landen. Die andere Form des Krimis, nämlich die einer fast reinen Ereignislogik, sehe ich zum Beispiel in den Büchern von Simenon, aber auch von Elizabeth George. Die Gegenstandslogik für sich funktioniert zwar in der Wissenschaft ganz gut, aber nicht in Geschichten.
Ich habe immer wieder versucht, diese Gegenstandslogik durch eine gewisse Ironie zu vermitteln, aber das hilft natürlich nicht dem unsicheren Schriftsteller. Im Gegenteil: es verunsichert nur noch viel mehr. Und so war auch meine Erfahrung mit dem Text, bzw. Artikel: der erfahrene Schriftsteller fand den Artikel gut, und hat oftmals in irgendeiner Weise gesagt: so mach ich das schon immer. Aber für den unerfahrenen Schriftsteller hat der Text eher wenig Hilfen geboten.
Mir selbst war allerdings der Unterschied zwischen einer Gegenstandslogik und einer Ereignislogik  auch nicht so klar; und das hat mir die Vermittlung (die gute didaktische Darstellung) so schwer gemacht. Andererseits ist es gar nicht so einfach, zwischen diesen beiden Logiken zu vermitteln. Es ist ja auch nicht so, dass die Ereignislogik für mich neu ist. Dazu habe ich mich einfach viel zu lange mit Deleuze und Foucault auseinandergesetzt. Oder zum Beispiel mit Husserl, dessen Erfahrungsbegriff dicht an den Ereignisbegriff herankommt. Trotzdem: erstens bin ich in dieser Arbeit gar nicht auf die Idee gekommen, Deleuze hinzuzuziehen und zweitens dürfte es sogar recht schwierig sein, zwischen diesen beiden Logiken so zu vermitteln, dass auch der unbedarfte Leser daraus Nutzen ziehen kann.
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