08.08.2008

Zirkuläres Fragen

Und noch ein Aufreger!
Zirkuläre Fragen fragen den Zirkel der sich wechselseitig bedingenden Ereignisse ab.
Lang, Anne M.: Systemische Frage-Intervention, in: Rauen, Christopher (Hrsg.): Coaching-Tools, Bonn 2004
Nein, nein, nein.
Denn was Anne Lang als zirkuläre Frage vorstellt, ist in Wirklichkeit nur eine Frage nach der Möglichkeit, die Frage nach einer Hoffnung oder einer Befürchtung:
"Was geschieht dann, wenn Sie so vorgehen, weiter in der Kommunikation?"
Nicht nur ist das keine zirkuläre Frage, sondern sie ist auch so unkonkret gestellt, wie eine zirkuläre Frage niemals vorgehen darf. Es sei denn, man weiß schon, worüber man spricht.

Was also ist eine zirkuläre Frage?

Mehrere Perspektiven

Zirkuläre Fragen werden immer in Mehrpersonensystemen angewendet. Familien sind dafür ein Beispiel. Der Therapeut oder Coach bringt durch die zirkuläre Frage neue Informationen in ein System aus mehreren Perspektiven.
Deshalb kann ich eine zirkuläre Frage nie anwenden, wenn ich als Coach einem einzelnen Klienten gegenüber sitze.

Hypothesen als (un-)heimliche Mitspieler
Eine zirkuläre Frage fragt immer nach Hypothesen einer Person über eine andere Person des Systems. Solche Hypothesen fragen
  1. nach dem, was das Verhalten des Befragten beim anderen auslöst: "Herr Conradi, was glauben Sie, denkt Frau Stievke über Ihr Beharren auf eine Zusammenlegung der Abteilung A mit Abteilung B?";
  2. nach dem, was das Verhalten einer Person B bei einer Person C auslöst: "Herr Kornappel, was glauben Sie, was Frau Stievke über Herrn Conradis Beharren denkt, Abteilung A und B zusammenzulegen?"
Das heißt auch, dass die Fragen immer nur die anwesenden Personen betreffen. Damit aber werden die heimlichen Mitspieler einer sozialen Situation ins Spiel gebracht, aufgedeckt, verhandelbar. Manchmal sind da ganz fantastische Aufreger dabei. So könnte Herr Kornappel sagen:
"Frau Stievke denkt eigentlich: Was für ein Mist, dass Herr Conradi auf diese Idee gekommen ist. Jetzt werfe ich dem aber mal ordentlich Knüppel zwischen die Beine!"

Zirkuläre Gesprächsführung
Zirkuläre Gesprächsführung heißt, dass nicht ein einzelner Mensch befragt wird, sondern dass der Coach oder Therapeut zwischen den Beteiligten wandert und dabei sozusagen das Netzwerk aus Hypothesen aufdeckt, das hinter dem Symptom liegen könnte. Liegen könnte: denn eigentlich stellt der Coach/Therapeut dieses Netzwerk erst her. Es gibt hier einen deutlichen Unterschied zwischen dem Unbewussten der Psychoanalyse, das ja schon vorher immer da war, laut Psychoanalyse, und der Latenz der Systemtheorie, die eine Strukturmöglichkeit eines Systems ist. Die Latenz wird sozusagen zur gleichen Zeit entdeckt, in der sie verschwindet, oder - anders gesagt -: eine mögliche Struktur wird erst wahrgenommen, wenn sie eine reale Struktur geworden ist, und damit natürlich nicht mehr nur möglich ist.

Die Kunst des zirkulären Fragens ...
besteht darin, die Fragen so zu stellen, dass am Ende des Interviews eine konstruktive Lösung steht. Bringt man zu rasch Aufreger hinein, knallt das dem Coach/Therapeut um die Ohren. Das heißt, der Coach muss abschätzen können, wie belastbar ein Mehrpersonensystem im Moment ist, welche Themen es gerade noch aushält. Im Unterschied zu Familiensystemen, die oftmals bis zum Zerreißen dramatisieren und einen massiven Symptomträger ausbilden, sind Berufsgruppen durch allerlei Anpassungen, Hinterbühnen und angstvolle Rituale des Verschweigens vergiftet.
Wer hier gräbt, bringt diese Angst hervor; und wenn hier mehrere Personen entdecken, dass sie sich selbst aus dem Spiel raushalten können, indem sie einen Buhmann finden, einen, der bisher falsch gespielt hat, dann kann das zirkuläre Fragen statt zu einer Lösung zu einer Symptomidentifikation führen, die einen Mitspieler rasch rauskickt. Dadurch wird zwar das Symptom nicht gelöst, aber man gönnt sich für eine gewisse Zeit eine Entlastung.
Man kann dieses Verhalten ja manchmal bei Lehrern beobachten: ein bestimmter Schüler ist der Buhmann; sobald dieser die Klasse verlässt, entwickelt sich ein anderer Schüler zum Buhmann und Symptomträger, möglicherweise einer, der bisher garnicht auffällig war.

Wenn man doch mit einer Person ein zirkuläres Interview führen möchte, dann vielleicht so, wie ich es HIER vorgeschlagen habe.
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