04.08.2008

Sehnsucht und Intention

Ich habe heute auch noch, ganz nebenbei, Zitate zum Thema Emotion herausgeschrieben.
Folgende sind mir - unter vielen anderen - in die Hände gefallen:
Als Sehnsucht ist das Meinen emotional, als Intention logisch, dieses Ineinander an der Wurzel des Meinens gibt den Grund ab, weshalb legitim gesagt werden muss: das Nicht im Nicht-Haben hält es auch logisch nicht bei sich aus. Weshalb auch weiterhin jeder logische Bezug, statt in der Luft zu schweben oder gar tautologisch leer zu sein, in der Auseinandersetzung eines Emotional-Intensiven sich befindet.
Bloch, Ernst: Tübinger Einleitung in die Philosophie, Frankfurt am Main 1996, S. 244
Im Meinen also liegt eine Dialektik zwischen Sehnsucht und Intention, zwischen Emotionalität und Logik, die unaufhebbar ist, also keine klassische Synthese bilden kann. Hier haben wir eine ähnlich stolpernde Bewegung, die Erstarrung in der Logik, das Wischiwaschi der reinen Sehnsucht (von Bloch als "verfaulter Subjektivismus" geziehen), und dessen Ineinander im Meinen:
Denn eben das Meinen als Nicht-Haben ist das Meinen als Sehnen und zugleich logisch fassbar als Intendieren.
ebd.
Bloch macht dies an dem Urteil (S ist P) deutlich. Gras ist grün, das heißt nicht, dass dieses Urteil wahr oder falsch sein kann, sondern es ist, wie Bloch schreibt, begründet in dem "ist" als "erste Wegbildung", als "versuchte Bestimmung". In dem "ist" steckt mehr Sehnen als die logische Form glauben macht.
So schreibt Bloch auch spöttisch wie mahnend:
Derart ist alles Logische so auf Intensives bezogen, wie dieses das Logische zu seiner Erschließung braucht. Wer in den feinen Strichen der Logik nicht die Unruhelinien der Sehnsucht aufgezeichnet sieht, wer in dieser scharfen Seismographie nicht das Beben unter der Rinde, die Spannungen des Umtreibenden hört, verwechselt die Logik mit einem Herbarium von Redeblumen oder auch nur, positivistisch, von Tautologien.
ebd., S. 245
Darin findet sich noch der Beginn, den Bloch setzt:
Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.
ebd., S. 13
Im Meinen findet man dieses Emotionale, Herausgehende und dieses Intentionale, Hineinholende als einen fortlaufenden Prozess. Blochs existentielle Kategorie darin ist das Nicht-Haben, in dem das Nicht sich zwischen das Existieren und das Sich-selbst-Besitzen stellt und so die Bewegung nach außen, das Sehnen bewirkt. Zugleich intendiert der Mensch im Haben, im Etwas-anderes-haben, sein Sich-selbst-haben, und insofern ist jeder Besitz nur auf zweideutige Weise zur Selbstdefinition geeignet.
Nicht nur das Wer, auch das Was, insgesamt also: die Urbeziehung Subjekt-Objekt, sind im Nicht als Nicht-Haben angelegt; intensives, tendentielles Nicht-Haben also ist der dynamisch-materielle Ursprung alles zeiträumlich Gehabten. Und das Nicht bleibt dem Gehabten; gerade bewegte Materie ist nicht das, was liegt und besitzt, sondern was sich dauernd in Prozess befindet, dauernd bis auf weiteres in ihm umgebildet wird und umgebildet werden kann. Bewegung setzt und verändert den Stoff der Natur, Arbeit an ihm setzt und verändert den Stoff der menschlichen Geschichte.
ebd., S. 248
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