03.08.2008

Souveränität

Mal wieder sind zwei Rezensionsexemplare bei mir eingetrudelt. Das eine - Schlagfertig. Die 100 besten Tipps von Matthias Nöllke - ist wirklich brauchbar (ins andere habe ich noch nicht reingeschaut). Nöllke beginnt sein Buch mit der Frage nach der Souveränität. Souveränität sei das Ziel der Schlagfertigkeit. Diese Betrachtungsweise fand ich interessant, vor allem deshalb, weil ich schon einmal eine ähnliche Meinung geäußert hatte, aber noch nicht so klar gesehen habe, wie sich Unabhängigkeit zur Schlagfertigkeit verhält. - Unabhängigkeit hatte ich es genannt, Souveränität bei Nöllke.

Da ich mich diese Woche mit einer Vorgesetzten gekabbelt hatte, war dieses Thema für mich besonders interessant. Diese Vorgesetzte habe ich immer als sehr fair, sehr offen, ruhig, strukturiert und kompetent wahrgenommen. Unser Gespräch drehte sich um einige vorangegangene Gespräche, in denen ich mich, nun, unwohl gefühlt hatte.
Und hier haben wir zum ersten Mal aneinander vorbei geredet. Bisher war immer ein sehr intuitives Vertrauen von meiner Seite da, da ich immer die Erfahrung gemacht habe, dass diese Vorgesetzte mich intuitiv versteht. Und an diesem Punkt haben wir uns nicht einigen können. Es ging um folgendes:
Ich habe die Gespräche nach Punkten durchforscht, bei denen ich meine Lerndefizite gesehen habe. Die Vorgesetzte fand, dass ich mich zu schlecht bewerte und mir dadurch selbst Knüppel zwischen die Beine werfe.
Meine Antwort darauf war Ja und Nein. Ich kenne diese Phasen von mir, in denen ich mit solchen "Lerndefiziten" hadere; in denen ich auf der Suche bin; in denen ich alle kreativen Möglichkeiten nutze, dieses Lerndefizit auszugleichen. Je nachdem, wie tief mich das berührt, kann ich da schon mal dünnhäutiger sein.
Andererseits bin ich ein sehr hartnäckiger Lerner. Eines der schönsten Komplimente, die ich in meinem Leben erhalten habe, war folgendes: "Du willst das nicht nur wissen, du willst das auch leben." Und das trifft es vielleicht sehr gut. Ein gewisser Perfektionismus, eine gewisse, sehr undiplomatische Ehrlichkeit, ein Misstrauen gegen alle Menschen, die sich nur positiv verkaufen.
Schließlich musste ich das Gespräch mit der Vorgesetzten sogar abbrechen. Ich habe einfach konstatiert, dass wir im Moment aneinander vorbei reden. Womit ich übrigens sehr zufrieden war.
Nun scheint diese Situation der Vorgesetzten aber Mühe zu bereiten. Mir ist zum ersten Mal aufgefallen, dass diese hochintelligente Frau tief unter ihrer tollen Kompetenz auch unsicher ist.
Damit kam ein ganz anderes Thema wieder hoch: dieses Alles-positiv-sehen. Diese Haltung habe ich noch nie gemocht. Ich bin ein Problemlerner. Probleme ziehen mich an und müssen lange und gründlich umgewälzt werden. Ich kann nicht ohne Probleme, auch wenn sie mich manchmal umwerfen. Auf der anderen Seite ermöglicht mir diese Haltung, eigentlich, zu meinem Nicht-Wissen, zu meinen Fehlern zu stehen (was immer auch Fehler heißt: es ist ein Begriff, den ich nicht sonderlich ernst nehme). - Die Vorgesetzte hat nun, wohl mit sehr viel Disziplin und Einsatzbereitschaft, eine geradezu perfekte Berufsrolle aufgebaut. Eine, der ich lange eine tiefe Bewunderung entgegengebracht habe. Jetzt hat sie ein wenig Risse bekommen. Es menschelt dann doch irgendwo, tief untendrunter. Was ja sehr sympathisch ist.
Aber es ist ganz klar: diese Vorgesetzte, die sich mit so viel Engagement, mit Zärtlichkeit um ihre Mitarbeiter kümmert, kann sich selbst Fehler wohl nicht verzeihen und hatte deshalb Probleme damit, dass ich so mit meinen eigenen Schwächen umgegangen bin. Vielleicht kann ich hier sogar einen kleinen Teil dessen zurückgeben, was ich bei ihr gelernt habe.

So konnte ich auch nur nicken, als ich bei Nöllke las:
Positives Denken verträgt sich nicht gut mit Souveränität. Zwanghafte Zweckoptimisten sind nun geradewegs das Gegenteil von souverän.
Nöllke, Matthias: Schlagfertig. Die 100 besten Tipps, Planegg bei München 2007, S. 18
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