06.08.2018

Entstellte Ähnlichkeit

Ungünstig ist es in unserer schnelllebigen Zeit, ein Buch zu empfehlen, dass bereits zwanzig Jahre alt ist; doch gibt es Bücher, in die sich jedes Mal von neuem ein Jetzt der Erkennbarkeit einschreibt. Und nicht ganz unzufällig ist es, dass sich diese Figur nicht nur im Lesen zu erkennen gibt, sondern auch als Theoriestück von der Autorin behandelt wird.
Denn das Jetzt der Erkennbarkeit offenbart sich darin, dass sich jedes Mal, sobald man zu einem reichen, tiefen und dichten Buch zurückkehrt, eine andere Konstellation den Weg in die Erinnerung zurückweist. Aber ich gebe es zu: diese andere Konstellation habe ich mir billig erkauft. Zu lange ist es her, dass ich mich intensiv mit diesem Buch beschäftigt habe. Seitdem sind die Zwillingstürme und viele tausend Menschen durch einen feigen Terroranschlag vernichtet worden, habe ich das Studium beendet und bin dem Sohn nach Berlin gefolgt, hat Chantal Mouffe gegen die kosmopolitische Illusion geschrieben, die Schröder-Regierung die Arbeitslosenhilfe reformiert, und Jacques Derrida starb, erwarb ich die Gesamtausgabe von Kant und begeisterte und verzweifelte an dieser Lektüre; die Immobilienblase platzte, und Judith Butler schrieb über die Macht der Geschlechternormen. Ich kehrte in den Schuldienst zurück und beschäftigte mich nebenher mit dem Programmieren. Metz und Seeßlen veröffentlichten Blödmaschinen und Rahel Jaeggi Kritik von Lebensformen und Martha Nussbaum Politische Emotionen. Der Rechtsruck erreichte die deutsche Demokratie und wurde dann auch, einige Jahre später, von einer breiteren Bevölkerung wahrgenommen. Ich las Hannah Arendt.
So ist die Rückkehr zu Sigrid Weigels Monographie über Walter Benjamins theoretische Schreibweise auch eine Neuentdeckung. Sigrid Weigel, mittlerweile emeritierte Professorin, forschte und forscht über ikonische Präsenz und epistemischen Gehalt von Bildern und den Schnittstellen zwischen Psychoanalyse und Neurophysiologie. Ersteres arbeitet an den Erkenntnismöglichkeiten, die in unserer zunehmend visuellen Welt durch Bilder erzeugt werden; zweiteres greift (auch) auf die nicht ganz überraschende Erkenntnis zurück, die der Neurologe Gebhard Roth in seinem Buch Bildung braucht Persönlichkeit äußerte: dass es zwischen der Hirnforschung und der Psychoanalyse erstaunlich viele Analogien gäbe.
Das Buch allerdings, welches mittlerweile aus dem offiziellen Verlagsprogramm heraus genommen wurde, geht in zum Teil minutiöser Lektüre den Verschiebungen sprachlicher Bilder in Walter Benjamins Gesamtwerk nach, von den Jugendschriften über die stärker an Messianismus und Ästhetik orientierten Aufsätze bis hin zu seiner materialistischen und gedächtnistheoretischen Wende; und kann dadurch die Entwicklung von Benjamins Schreibweise anhand der Verschiebung von diesen sprachlichen Bildern aber auch die Reifung der benjaminschen Theorie nachzeichnen.
Zeichnen der erste und der zweite Teil zum einen den Wandel der Gedächtnistheorie nach, zum anderen jene Leib- und Bildräume, die sich aus der literarischen Figur der Allegorie entwickeln, wird im dritten Teil auf die Gegenwärtigkeit des benjaminschen Denkens Bezug genommen.
Wie mächtig Benjamins Denken ist, mag man daran sehen, wie er die Gedächtnistheorie aus ihrer falschen Objektivität herausholt. Ohne dies je so gesagt zu haben, kann auch bei Benjamin das menschliche Gedächtnis nicht die Vergangenheit in sich hüten: das Gehirn operiert immer aktuell (Heinz von Förster). Diese neurophysiologische Erkenntnis nimmt Benjamin vorweg, indem er die Objektivität des Erinnerns anzweifelt und dem ein Jetzt der Erkennbarkeit entgegensetzt. Diese Umkehrung ist zwar nicht gänzlich neu, und durch Nietzsche, Freud und Bergson glücklich vorbereitet, doch in dieser Schärfe und Tiefe dies für die Kulturwissenschaften fruchtbar zu machen Benjamins herausragender Verdienst.
Freilich, dieses Buch, von Weigel geschrieben, zieht nur einige Fäden aus dem Volumen, welches Benjamin uns hinterlassen hat. Sie erleichtern die Lektüre des Originals ungemein. Das ist ihr Verdienst. Es ist als Monographie philosophisch, ohne selbst zu philosophieren; die Autorin zeichnet nach, fasst zusammen, erläutert und lässt Benjamin selbst sprechen.
Mit einem gewissen Unglück steht allerdings der letzte Teil da. Die Aktualität Benjamins wurde mittlerweile auf vielfache Weise weiter gewandelt. Ist das erste Kapitel des letzten Teils Michel Foucault gewidmet, so liegen seit einigen Jahren die gesammelten Schriften und die Vorlesungen der Öffentlichkeit vor; ganz zu schweigen von der immens gewachsenen Sekundärliteratur. Sie erforderten einen genaueren, besseren Vergleich.
Ebenso scheint die politische Realität Benjamin zu überholen, wenn auch in umgedrehter Richtung. Denn was Hannah Arendt 1943 schrieb, »dass die Zeitgeschichte eine neue Gattung von Menschen geschaffen hat – Menschen, die von ihren Feinden ins Konzentrationslager und von ihren Freunden ins Internierungslager gesteckt werden«, schien zwei Jahre später für lange Zeit keine politische Option mehr zu sein; sie ist es wieder, sie wird dreist und unter dem Namen der Realpolitik diskutiert und ausgehandelt und bewerkstelligt. So wenig damals wie heute das Entsetzen integrierbar, so wenig ist Benjamin inaktuell. Dies natürlich kann das Buch nicht mehr sagen. Aber es kann ein Fundament legen, wo das Schweigen nicht mehr ausreicht, gegen die Entmenschlichung aufzustehen, ohne die Lust auf Erkenntnis aufzugeben.