25.07.2012

Shostakovitch und Sarah Quigley: Der Dirigent

Neulich haben mir Thao und Daniel Der Dirigent von Sarah Quigley geschenkt, ein Buch über die Zeit, als Shostakovich seine siebte Sinfonie komponierte, die sogenannte Leningrader. Das Buch habe ich noch nicht fertig lesen können, aber es zumindest angefangen. Insgesamt erscheint es mir ordentlich geschrieben, obwohl auch sehr konventionell.
Dem Buch liegt eine CD mit der Sinfonie bei, eingespielt von dem Russian Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Dmitri Jablonski. Ich selbst habe die gesamte Einspielung der Sinfonien von Kirill Kondrashin, seit ich sechzehn bin. Damals hatte ich übrigens Probleme mit meiner Mutter deswegen, weil sie meinte, ich habe mein Geld für nutzlose Dinge ausgegeben.
Shostakovitch war lange Zeit mein Lieblingskomponist. Insbesondere einige seiner Streichquartette mag ich sehr.
Die Einspielung, die dem Buch beiliegt, ist sehr zu empfehlen. Die siebte Sinfonie selbst mag ich nicht so sehr. Sie ist mir zu manieristisch. Vor allem das lange Crescendo aus dem ersten Satz ist - nun - recht gezwungen wirkend. Es soll, angeblich, den Vormarsch der nationalsozialistischen Truppen auf Leningrad darstellen. Die Zerfaserung in ein groteskes Forte sei dann die zerstörerische Kraft der deutschen Truppen während der Leningrader Blockade. Ich weiß nicht, ob diese Deutung von Shostakovich selbst kam. Seine fünfte Sinfonie soll sogar per Parteibeschluss interpretiert worden sein. Sie hieß damals ganz offiziell "Die Sozialistische". Sieht man sich die prekäre Lage an, in der Shostakovich während der Regierung Stalins steckte, so ist diese teilweise rücksichtslose Vereinnahmung einiger seiner Werke unverständlich. Einige Zeit hat Shostakovich, aus Angst vor einer Verhaftung, immer mit einem gepackten Koffer am Bett und in voller Kleidung geschlafen.

Besonders zugesetzt hat ihm auch Andrei Schdanow, Mitglied des ZK.
Barthes schreibt über den Schdanowismus und dessen repressive Kulturpolitik:
Der Mechaniker, der Ingenieur, sogar der Benutzer sprechen das Objekt; der Mythologe hingegen ist zur Metasprache verurteilt. Diese Ausschließung hat bereits einen Namen; sie ist das, was man als Ideologismus bezeichnet. Der Schdanowismus hat ihn beim frühen Lukàcs, in der Marrschen Linguistik, in Arbeiten wie denen von Bénichou oder Goldmann heftig verurteilt (im übrigen ohne zu beweisen, dass er einstweilen vermeidbar wäre) und ihm den Vorbehalt eines Realen entgegengesetzt, das der Ideologie unzugänglich ist, so wie Stalin zufolge die Sprache. Gewiss löst der Ideologismus den Widerspruch des entfremdeten Realen durch eine Amputation, nicht durch eine Synthese (während der Schdanowismus ihn überhaupt nicht löst): Der Wein ist objektiv gut, und gleichzeitig ist die Güte des Weins ein Mythos. Darin liegt die Aporie. Der Mythologe versucht, so gut er kann, aus ihr herauszukommen: Er befasst sich mit der Güte des Weins, nicht mit dem Wein selbst, ganz wie sich der Historiker mit der Ideologie Pascals, nicht mit den Pensées beschäftigt.
Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Frankfurt am Main 2011, S. 315.
Und bei Adorno findet sich folgendes Urteil:
Seitdem haben die Schdanows und Ulbrichts mit dem Diktat des sozialistischen Realismus die künstlerische Produktivkraft gefesselt nicht nur sondern gebrochen; die ästhetische Regression, die sie verschuldeten, ist gesellschaftlich wiederum als kleinbürgerliche Fixierung durchsichtig.
Adorno, Theodor: Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main 1973, S. 376.
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