17.08.2017

Jahrespläne

Seit vier Wochen sitze ich über dem Jahresplan 2017/18. Ziel dieses Jahresplanes ist, zum einen die Themen der verschiedenen Fächer enger zu verknüpfen, zum anderen bestimmte Methoden systematisch über das Jahr hinweg aufzubauen. Ein Beispiel: der Rahmenlehrplan sieht in der dritten Klasse in Sachkunde das Thema ›Bauen und Wohnen‹ vor; hier sollen unter anderem spezifische Berufe betrachtet werden, die für den Hausbau notwendig sind. Dazu eignet sich in der Mathematik parallel mit geometrischen Formen zu arbeiten, in Englisch entsprechende Vokabeln einzuüben, und in Deutsch zum Beispiel das Textmuster Beschreibung und in der Grammatik Lokaladverbien zu behandeln. Zudem lassen sich hier gut einfache Fachwörter einführen, die die Kinder dann im Wörterbuch nachschlagen können. Ein Aspekt betrifft auch ein geschichtliches Thema, nämlich Wohnen in der Steinzeit. Hier hatte ich die Idee, dass man dies etwas ausweiten könnte, und in drei Arbeitsgruppen einmal Wohnen in der Steinzeit, wohnen im alten Rom und Wohnen in einer mittelalterlichen Burg behandeln könnte. Zu allen drei Themen habe ich nämlich schöne Bücher, aus denen sich die Kinder ohne großen Rechercheaufwand informieren können.

Der Berliner Rahmenlehrplan

Besonders begeistert mich im Moment auch die Arbeit mit den Berliner Rahmenlehrplan. Das ist ein durch und durch moderner Rahmenlehrplan, der sich in seinen Schwerpunktsetzungen zwar nicht offiziell an den Ergebnissen der Neurophysiologie orientiert, sich aber gut daran anschließen lässt. Ich kenne nun die ganz alten Rahmenlehrpläne aus Berlin nicht, aber die aus Hamburg, und die waren in den neunziger Jahren längst nicht so kompatibel. Hier hat sich glücklicherweise einiges in der Bildungslandschaft getan. Nach wie vor muss man allerdings den Zustand der Schulen in Berlin bemängeln: hier wäre bei vielen dringend mindestens eine Renovierung nötig, wenn nicht gar ein ganz anderer Gedanke, wie pädagogische Räume auszusehen haben.

Informatikunterricht

Der Medienbegriff

Ein besonderes Augenmerk liegt bei mir auf dem Informatikunterricht. Dieser ist in der Grundschule ein Teilaspekt des Sachkundeunterrichts. Zudem, was mir vorschwebt, habe ich bisher wenig Literatur gefunden. Drei Artikel aus dem Bereich haben mich besonders genervt, weil diese den Fachbereich Informatik vornehmlich von dem der Medienkompetenz abgrenzen wollten. Das ist zum Teil sinnig, aber eben nur dann, wenn man den Bereich Computerwissen auch gut ausgestalten kann.
Ein grundlegendes Problem dabei ist, dass der Begriff Medium je nach Theorie eine andere Bedeutung besitzt, oder sogar innerhalb einer Theorie mit unterschiedlichen, kontrastierenden Bedeutungen belegt wird. Wenn ein Artikel dann versucht, gleichzeitig Abgrenzungen vorzunehmen, aber auch den Medienbegriff möglichst umfassend zu handhaben versucht, können eigentlich nur recht schwammige Aussagen entstehen.

Didaktik des Programmierens

Mir fehlen immer noch Artikel zum Programmieren mit Grundschülern. Dabei wäre dies, beim heutigen Stand der Software und den Angeboten der Software-Hersteller, ein leichtes, dies umfangreicher zu erforschen. Viele Programme dazu gibt es kostenlos, und manche Sachen, wie zum Beispiel HTML und CSS, lassen sich über das Herumexperimentieren leicht in den Unterricht einbauen.

Mögliche Lernziele

Provisorisch habe ich mir also folgende Lernziele gesetzt: bis zum Ende der vierten Klasse können die Schüler in Grundlagen HTML und CSS, und eventuell sogar ein wenig Javascript einbauen, zumindest nach Vorlage. Sie können einfache Programme zur Automatisierung von Rechenoperationen in Python schreiben, arbeiten selbstständig mit einem Textverarbeitungsprogramm und veröffentlichen Sachtexte auf einem klasseneigenen Blog.
Bis zum Ende der sechsten Klasse sollen die Kinder dann einfache Anwendungen mit einer grafischen Oberfläche in Python erstellen können. Zudem sollen sie mithilfe eines Präsentationsprogrammes einen Lehrfilm produzieren und auf YouTube veröffentlichen. Ganz hübsch wäre es natürlich auch, aber das hängt von den finanziellen Mitteln der Schule ab, wenn die Kinder Erfahrungen mit dem Programmieren von Robotern machen könnten. Doch das ist tatsächlich auch viel der Sensationalität von Robotern geschuldet; ein übliches oder alltägliches Berufsfeld für Programmierer ist das nicht.
Ich habe auch noch einige andere Ideen im Kopf, wie etwa, einige unterstützende Grafiken für Arbeitsvorgänge zu erstellen, und diese ganz explizit an der grafischen Beschreibungssprache UML auszurichten, so dass die Kinder explizit, aber implizit ein wichtiges Instrument des Programmierens kennenlernen.
Aber das sind noch alles sehr offene Überlegungen. Hier werde ich mich langsam vortasten müssen. Gerade in der Grundschule scheint das Programmieren noch absolutes Neuland zu sein, obwohl es zahlreiche Kinder gibt, in ihrer Freizeit bereits einiges an Erfahrung gesammelt haben und recht erfolgreich eigene kleine Programme geschrieben haben. Insofern bin ich ganz entspannt, was den Einbau in den allgemeinen Unterricht angeht.

06.08.2017

Ästhetische Erfahrung in fiktionalen Texten

Man kommt gelegentlich auf sehr seltsamen Umwegen zu Themen zurück, mit denen man sich schon lange beschäftigt hat. Und kann daran merken, dass man ein Thema immer noch nicht gründlich genug durchdacht hat. Eigentlich wollte ich noch einmal genauer die Aufgaben betrachten, die Schüler bewältigen müssen, wenn sie Texten Zwischenüberschriften geben oder diese nach ihren wichtigsten Aspekten zusammenfassen. Da bei beiden eine Vorstellung von dem Beschriebenen eine wichtige Rolle spielt, bin ich dann zur ästhetischen Erfahrung gekommen; und habe alte Artikel wieder hervorgekramt, mit denen ich mich bereits intensiv beschäftigt hatte.
Die Überschrift mag pompös daherkommen. Gemeint ist nichts anderes, als dass beim Lesen der Text zu Gunsten der Vorstellung verschwindet: statt einen Text zu lesen, durchlebe ich zusammen mit dem Protagonisten (oder der Protagonistin) ein Abenteuer. Ein anderer Begriff dafür ist Bildlichkeit; allerdings ist dieser Begriff so vielfältig und im Alltag deshalb auch so missverständlich, dass ich ihn gerne vermeiden wollte.

Ästhetische Erfahrung

Sieht man einmal von dem bedeutungslastigen Wort ›Ästhetik‹ ab, so meint dies ursprünglich nichts anderes als Wahrnehmung. Ästhetik ist demnach die Lehre von der Wahrnehmung, nicht zuerst die von der Schönheit. Klassischerweise gehört die Lehre von der Schönheit zur Urteilskraft, während die Wahrnehmung in den Bereich der Vernunft fällt.
So gesehen ist die ästhetische Erfahrung, die man beim Lesen eines Textes macht, diejenige, dass er etwas zu sehen, zu hören, zu fühlen gibt, uns also eine Welt erschafft, die für eine Zeit lang die Realität „ersetzt“. Ganz so einfach ist das übrigens nicht, denn auch die Realität gehört zur ästhetischen Erfahrung dazu, insofern ich sie nämlich wahrnehme.
Was die ästhetische Erfahrung eines Textes nun so besonders macht, ist die Tatsache, dass die Wahrnehmung des Textes und die Vorstellung beim Lesen offensichtlich komplett unterschiedlich sind. Denn ein Text ist zunächst nur eine geregelte Komposition aus Mustern, sprich also Buchstaben. Man sollte meinen, dass er uns weder in den fernen Orient, noch ins Auenland, noch an die Normandie oder in die ferne Zukunft entführen kann. Und doch schaffen Texte all dies.

Semiotik des ästhetischen Gegenstandes

Zur Bildlichkeit gibt es zwei Zugänge, die aber beide gleichberechtigt sind. Wenn ein Leser sich beim Lesen eines Textes etwas vorstellt, und auch auf diese Vorstellung abzielt, so ist ein wichtiges Anliegen, dass er diese Vorstellung intensiviert und den Vorgang des Lesens genauso außer acht lässt wie das Medium, durch das er liest, also die Schrift. Die Vorstellung wird „objektiv“; und dafür wird im Hintergrund seine Subjektivität genauso verdrängt wie das Medium.
Entsprechend diesen beiden verdrängten Aspekten wird in der Philosophie der Literatur auf der einen Seite die Semiotik des ästhetischen Gegenstandes, also das Medium, untersucht; und auf der anderen Seite die Phänomene der ästhetischen Erfahrung, also die Vorstellungsbildung. Dabei sollte klar sein, dass das Medium den ästhetischen Gegenstand fundiert: ohne den Roman Harry Potter und der Stein der Weisen könnte ich mir weder den Protagonisten, noch all die anderen Figuren oder Schauplätze vorstellen. Im Medium selbst muss auf irgendeiner Art und Weise die Vorstellung vorhanden sein; und zumindest muss sie den Rohstoff für diese Vorstellung liefern, wenn schon nicht das fertige Endprodukt.
Bei der Erläuterung, was ein literarischer Text zu leisten hat, spielen Strukturen eine wichtige Rolle; dies gilt insbesondere für die Grammatik, deren Regeln die Sprache ordnen und so einen geordneten Ausdruck ermöglichen. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist die Rhetorik, da mit dieser Ausnahmen von der Regelhaftigkeit beschrieben werden, die selbst aber wieder in gewisser Weise regelhaft sind. Dies ist nun relativ komplex, wenn man es erläutern möchte, und gerade in Büchern zum Schreibhandwerk findet man darum eher erläuternde Beispiele als wissenschaftlich haltbare Definitionen.

Phänomenologie der ästhetischen Erfahrung

Betrifft die Semiotik den „objektiven Pol“ der Bildlichkeit, behandelt die Phänomenologie den „subjektiven Pol“. Dabei steht im Mittelpunkt der Betrachtungen die Reorganisation des Bewusstseinsfeldes. Darunter hat man sich vorzustellen, dass ein lesender Mensch zu Hause sitzt und eigentlich nur dieses Zuhause wahrnehmen dürfte, aber durch bestimmte Fähigkeiten die Vorstellung vollkommen anderer, sogar komplett erfundener Räume erzeugen kann. Die Phänomenologie untersucht also, welche Fähigkeiten ein Mensch besitzen muss, damit er zu solch einer Leistung in der Lage ist (kurz und wurschtig gesagt).
Nun kann man leicht einsehen, dass zur ästhetischen Erfahrung sowohl der subjektive wie der objektive Pol gehören, sowohl das organisierte Material der Zeichen, als auch die angeborenen oder kultivierten Fähigkeiten, sich Vorstellungen zu erzeugen. Die Trennung ist auf der einen Seite eine analytische, auf der anderen Seite eine empirische. Empirisch ist diese Trennung, weil sich Text und Mensch deutlich unterscheiden; analytisch ist sie, weil in der Vorstellung beides zusammen wirkt und beides erfordert, sowohl den Text, als auch den Menschen.

Mimesis und Semiosis

Jeder Text erzeugt in gewisser Weise „Realitätseffekte“, also Vorstellungen, die wir zunächst für etwas Reales halten. Dies bezeichnet der französische Literaturwissenschaftler Michel Riffaterre als Mimesis. Das ist nun nicht der glücklichste Begriff, da Mimesis Nachahmung bedeutet. Dagegen ist bei der Lektüre fiktionaler Texte ein konstruktiver und kreativer Anteil immer mit enthalten. Und vermutlich ist auch die reine Wahrnehmung keine Abbildung etwas Äußerlichen, sondern ebenfalls konstruktiv und kreativ. Wie auch immer: als Realitätseffekt kann man das Phänomen bezeichnen, dass wir während des Lesens eine Vorstellung erzeugen, die wir für real halten, und wenn auch nur für den Moment, in dem wir sie erzeugen.
Doch die Fähigkeiten des Lesers müssen weiter gehen. Zugleich muss er den Text entziffern, den er liest. Er muss verstehen, dass Harry Potter auf den ersten Seiten des Romans denselben Menschen bezeichnet wie auf den letzten Seiten; die Gleichheit der Zeichen muss verstanden werden, damit die Vorstellungen einen Zusammenhang erlangen. Jeder Satz muss in seiner Konstellation verstanden werden, und um die Konstellation eines Satzes zu verstehen, ist grammatisches Wissen notwendig. Schließlich müssen Metaphern entschlüsselt werden, Ironien in ihrer doppelten Bedeutung erfasst, Katachresen mit ihren verschiedenen Verweisungen verstanden werden; mithin muss die ganze Rhetorik eines Textes berücksichtigt und in den Fluss der Vorstellungen integriert werden. So ist beim Lesen das Zeichenmaterial nicht nur auszublenden, sondern regelmäßig zu beachten. Dies nennt Riffaterre die Semiosis.
Beide Aspekte wirken nun zusammen, einmal als Weltwissen, das in Bezug auf die gelesene Geschichte umgestaltet wird, einmal als Zeichenwissen, welches zumindest als Ausdruck in die Geschichte einfließt.

Bildlichkeit

Die Bildlichkeit eines Textes beruht also auf zwei Quellen.
Wenn man mit Kindern verschiedene Formen der Zusammenfassung von Texten erarbeitet, seien es Notizen zu einem Sachtext, seien es Zwischenüberschriften in einem fiktionalen Text, wirken diese beiden Quellen sehr unterschiedlich auf das Ergebnis ein und führen zu nicht immer nach diesen Quellen zu unterscheidenden Fehlern. Als Lehrer muss man hier gut beachten, ob ein Text in seiner materiellen Struktur nicht genügend verstanden wurde, also das Problem auf Seiten der Semiosis zu suchen ist; oder ob das vorhandene Vorwissen beim Kind zu ganz anderen Prozessen des Verbildlichens geführt hat, der Fehler also auf Seiten der Mimesis liegt.
In der Vergangenheit habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen mit diesen Techniken gemacht. Hier hilft zum Beispiel die Aufforderung „Schreib das Wichtigste heraus!“ nicht. Oftmals führt dies zu Ratereien, und wenn der Aufforderung auf glückliche Art und Weise nachgekommen wird, so ist doch keineswegs klar, warum. Präzisere Aufgabenstellungen dagegen führen gelegentlich dazu, dass in der Frage bereits die Antwort vorgegeben ist; und damit wird das Verstehen eines Textes beinahe schon umgangen. Denn pfiffige Schüler verstehen sehr wohl, wie man aus der Frage eine passende Antwort formuliert, die nur noch so tut, als wäre der Text vorher gelesen worden.
Nun kann ich keineswegs eine Empfehlung geben. Seit gestern kommentiere ich zwei Aufsätze durch, die mir zu einem besseren Verständnis helfen sollen. Hier fällt mir dann wieder auf, dass ich früher bestimmte Aspekte bei der Arbeit meiner Schüler vielleicht zu wenig beachtet habe, weshalb jetzt eine Rückkehr in die Praxis und die praktische Arbeit notwendig wäre.
Insgesamt halte ich aber die Diskussion um die ästhetische Erfahrung auch für Schriftsteller und ganz allgemein für eine wichtige Sache, weshalb ich hier die pädagogischen Anteile noch sehr zurückgenommen habe. Die Grundlagen dessen, was wir Lesen nennen, werden derzeit so stark ausgeblendet, dass bei vielen Menschen dieses mehr einer Demiurgie als einem reflektierten, kritisch überwachten Prozess gleicht.

03.08.2017

Pranger. Martenstein

Eben musste ich lachen, und dann doch schlucken. Da beklagt sich ein äußerst rechtslastiger, um nicht zu sagen offen rassistischer FaceBooker darüber, dass Deutschland um 31 Plätze in der Rangliste der sichersten touristischen Länder abgefallen sei. Für ihn und seine fleißigen Kommentatoren steht fest, dass daran die Asylanten schuld sind. Und deshalb die Bundesregierung weg müsse. Kein Wort verliert der Mensch dagegen über die geradezu monströse Zunahme rechtsradikaler Gewalttaten und dass verschiedene westliche Länder, unter anderem Kanada, für bestimmte Teile Deutschlands Reisewarnungen ausgegeben haben. Offensichtlich gibt es Menschen, die für ihr Verhalten, ihr ständiges Geplärre und Gehetze, keine Verantwortung übernehmen wollen. Das genau ist das Problem von diesen „Wirklichkeitserklärern“.

Harald Martenstein

Aber eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben, nämlich zu Harald Martenstein. Der ist auf der Internet-Seite Agent*in als „Journalist, der heteronormative Positionen vertritt“ charakterisiert worden. Und unter anderem hat Dietmar Kanthak vom Generalanzeiger Bonn darauf unwirsch reagiert. Dazu werde ich aber gleich kommen. Martenstein jedenfalls hat in seinem Feuilleton-Artikel Schlecht, schlechter, Geschlecht eine ganze Menge an Belegen aufgefahren, warum sich ihm die Frage nach dem kulturellen Geschlecht (also dem gender) nicht so einfach darlegt; zumindest nicht in der Einfachheit, die er bei den gender-Theoretikern zu lesen meint. Der Artikel ist nicht ganz so schlecht, wie man es sonst von Martenstein gewohnt ist. Seine Glossen sind gelegentlich bedauernswert lapidar, gelegentlich schwülstig; bei politischen Kolumnen vergreift er sich mit seinen Begriffen regelmäßig. Um Plattitüden kommt allerdings Martenstein auch hier nicht herum. Diese griffige Formel „Anatomie ist ein soziales Konstrukt“, angeblich von Judith Butler, und zumindest nicht gänzlich falsch, kann ohne Hintergründe missverstanden werden. Die Hintergründe sind bei Butler auf hohem Niveau. Durch einen Satz, der so herausgerissen auch ein Stammtisch-Spruch sein könnte, sind diese natürlich nicht zu verstehen.

Antiwissenschaft

Auf diesen Artikel antwortet Isabel Collien. Sie greift Martenstein scharf an:
Sein Artikel steht in einer perfiden Tradition, die Erkenntnisse von Frauen als unwissenschaftlich diffamiert. Geschlechterforschung beruht nämlich, so Martenstein, „auf einem unbeweisbaren Glauben“ und ist daher maximal als Antiwissenschaft zu betrachten.
Martenstein leistet sich sogar noch mehr:
Das Feindbild der meisten Genderforscherinnen sind die Naturwissenschaften. Da ähneln sie den Kreationisten, die Darwin für einen Agenten des Satans und die Bibel für ein historisches Nachschlagewerk halten.
Man frage sich an dieser Stelle, was die Bibel denn mit Naturwissenschaften zu tun habe und wie man die Kritik an gewissen Ausprägungen des christlichen Glaubens durch gender-Theoretikerinnen in diesem Satz unterzubringen habe.

Verpönte Naturwissenschaft?

Nein, ich möchte nicht der gesamten gender-Theorie das Wort reden. Sicherlich gibt es auch hier einiges Seltsames und Schrilles; aber dies ist wohl in jeder Wissenschaft so.
Was die Naturwissenschaften angeht, so hat Judith Butler in ihrem Buch Körper von Gewicht in dem Unterkapitel »Sind Körper etwas rein aus Diskursives?« und im darauf folgenden Unterkapitel eine recht komplexe Antwort gegeben, die weder die Naturwissenschaften exkommuniziert, noch ihnen einen politischen und ethischen Freibrief ausstellt, auch nicht in Bezug auf die Konstruktion von Anatomie. Die Frage, die sich Martenstein nämlich nicht gestellt hat, ist die Reichweite, die ein solcher Satz wie „Naturwissenschaften reproduzieren herrschende Normen.“ im sprachlichen Geflecht besitzt. Natürlich wäre der Satz günstiger gewesen, hätte er gelautet: „Naturwissenschaften reproduzieren auch herrschende Normen.“ – Denn es gibt in dem Geflecht der Sprache und der sich überkreuzenden Kodierungen keine Eindeutigkeiten, sondern nur Mehrdeutigkeiten, die sich systematisch ausarbeiten lassen.
Collien weist in ihrer Entgegnung auf Martenstein sehr richtig auf Donna Haraway hin, einer international renommierten Biologin. Diese hat Martenstein nicht zitiert. Und auch wenn jetzt noch immer die Möglichkeit besteht, dass Haraway nicht recht hat, so müsste man, um sie zu kritisieren, ihrer Profession gründlicher nachgehen als Martenstein getan hat (und wahrscheinlich jemals tun wird).

Verwirrungen

Trotzdem kann ich nicht ganz die scharfe Kritik nachvollziehen, die Collien an Martenstein übt. Denn sein Artikel hat natürlich auf der einen Seite sehr nachlässige, grobe Stellen, und auf der anderen Seite zeigt er ein ganz allgemeines Problem: Hier hat sich jemand auf die Suche gemacht und ist irgendwie (also: „irgendwie“) daran gescheitert. Ja, auf der einen Seite haben gerade Journalisten, aber eigentlich jeder gebildete Bürger (und jede Bürgerin) Pflicht zur Selbstinformation. Aber auf der anderen Seite ist das Feld der Geschlechterforschung so komplex, dass vielleicht nicht einmal mehr Spezialistinnen alle Stimmen zur Kenntnis nehmen können.
Ich jedenfalls hätte gerne Menschen an meiner Seite, die in solchen Fragen bewandert sind und denen ich meine Fragen stellen könnte, auch wenn diese gelegentlich wohl etwas dämlich ausfallen würden (und auch meine Lektüre von Judith Butler wird mich wohl nicht vor Missgriffen schützen, denn dies würde voraussetzen, dass ich sie in ihrer Bedeutung für die Kultur umfänglich verstanden hätte; obwohl ich das nicht beweisen kann, erlaube ich mir doch selbst eine beschränkte Sichtweise zuzusprechen).
Soll heißen: manchmal ist es nicht Heteronormativität, sondern einfach nur Unkenntnis. Auf einige dieser blinden Flecken weist Collien hin.

Imaginäre Anatomie

In einer umfangreichen Diskussion insbesondere Lacans (an oben angegebener Stelle) zeigt Butler, dass die Anatomie in sich selbst gespalten ist. Zwar gibt es diese körperlichen Grundlagen, aber zugleich gibt es eine Zugänglichkeit der Anatomie im Diskurs, und diese Zugänglichkeit wird eben nicht von der Anatomie selbst reguliert, sondern von den Kodierungen, die innerhalb einer Zeit und einer Gesellschaft möglich sind. In gewisser Weise kann man deshalb sagen, dass die Anatomie zwar etwas Biologisches ist, aber die Möglichkeit, darüber zu reden und diese Anatomie wahrnehmbar zu machen, nicht. Insofern wäre es verkürzt, die Anatomie als soziales Konstrukt zu bezeichnen; sie ist selbstverständlich biologisch, aber nur über das soziale Konstrukt erreichbar und damit von diesem verstellt, verschoben und verkannt.
So bleibt am Ende die Frage, warum wir uns nach einem Jahrhundert ständiger Verschiebungen im wissenschaftlichen Bereich mit solchen Menschen abgeben müssen, deren Meinung ist, mit der Hinterfragerei solle doch endlich mal genug sein. Und es ist auch nicht einzusehen, warum gerade Martenstein dieser Debatte einen Schlussstrich setzen sollte. Vermutlich wird er diese Formulierung ablehnen, und vermutlich wird er sich sogar überzeugen lassen, dass auch auf dem Gebiet von Anatomie und Diskurs weitere Forschungen nötig sind. Und trotzdem ist es richtig, ihm seine Automatismen der Interpretation aufzuzeigen und zu hinterfragen.

Das Recht auf freie Meinungsäußerung

Kehren wird zu dem Artikel von Kanthak im Generalanzeiger Bonn zurück. Das Schlussplädoyer des Journalisten lautet:
Man kann die Emanzipation der Geschlechter, Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und Anerkennung aller sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten als zentrale Elemente der Menschenrechte verstehen. Dafür darf man aber nicht leichthin das Recht auf freie Meinungsäußerung zur Disposition stellen.
Und für alle, die hier die feinen Verwerfungen nicht zu lesen verstehen: jenes „man kann“ ließe sich schon als ein „man muss aber nicht“ deuten; und noch schlimmer ist der darauf folgende Satz, denn das Recht auf freie Meinungsäußerung wird Martenstein gerade nicht abgesprochen. Ein Widerspruch ist eben noch kein Verbot. Wenn etwas falsch erscheint, dann muss widersprochen werden. Im Gegenzug überdreht Kanthak seine Kritik am „digitalen Pranger“ in einer Art und Weise, dass die Berechtigung zur Kritik den Autorinnen der Heinrich-Böll-Stiftung (fast schon) abgesprochen wird.
Ganz zum Schluss schreibt er dann noch:
Die Böll-Stiftung hat böse Geister losgelassen. Wer fängt sie wieder ein?
Damit wird die zum Teil recht unerfreuliche Diskussion um den gender-Begriff gerade nicht jenen Hetzern und Lügnern zur Last gelegt, die von einer Frühsexualisierung und Indoktrination mit homosexuellen Lebensweisen schwafeln, und in deren Kielwasser ein Martenstein dahintreibt, wenn auch mit gehörigem Abstand. Diese bösen Geister sind wesentlich früher der Büchse entwichen, in der sie ihre Existenz fristeten; wenn sie denn jemals eingesperrt waren. Was man hier und da gut bezweifeln darf.