18.06.2008

Kreativität

Der Schreibfimmel hat mich gepackt (aber dazu gleich mehr). Letzte Woche habe ich mir einen grippalen Effekt zugezogen, jetzt, nachdem ich nicht mehr fiebernd im Bett liegen musste, wieder mehr am Schreibtisch gearbeitet. Neben zahlreichen anderen Sachen sammele ich Material zu soft-skills (für Sebastian). Schon das Wort ist scheußlich genug. In einer sehr alten Glosse hatte ich bereits gegen die Verwendung des Wortes "Kreativität" polemisiert. Dieses wurde und wird besonders gerne dann gebraucht, wenn man eigentlich nicht den Pups eines Gedanken auf ein Werk verschwenden will: es legitimiert also lediglich die Faulheit. Jetzt habe ich bei Dirk Baecker in Nie wieder Vernunft eine ähnlich schöne Polemik gelesen. Folglich habe ich mich daran gesetzt und hier einiges zur Kreativität zusammengeschrieben.
Wie immer zitiere ich in Siglen, die ich am Schluss angebe. Der gedrängte Schreibstil mit den Kürzeln stammt natürlich von Roland Barthes her (ich liebe ihn!).

Kreativität

Machtwort = unterstreicht Forderungen: die Rhetorik der Kreativität fordert diese vor allem von anderen (NwV, 62);
Blockierung: Kreativität ist mit dem Guten, Humanen an sich assoziiert = wertvoll an sich; ≠ Technik (= kühl, distanziert, rational, menschenfeindlich); → Kreativität kann und darf nicht diskutiert, sondern nur bejaht werden (Faschismus heißt, so Barthes, jemanden auf eine bestimmte Art und Weise sprechen machen);
Definitionsmacht: die unklare Bedeutung von Kreativität lässt seine Benutzung entlang typischer Machtverhältnisse aufsteigen.

Typologie der Verwirrung

Nehmen wir zunächst ein typisches Kreativitätsbuch, Julia Camerons Der Weg des Künstlers. Kreativität ist dort:
  • eine Kraft: etwas Wirkendes, das blockiert werden kann;
  • eine Existenzweise: seine kreative Seite ausleben, außerhalb seines Berufes als Künstler arbeiten;
  • ein Maßstab: ist vergleichbar, steigerbar, mithin quantitativ;
  • ein Stoff: man kann an seiner Kreativität arbeiten;
  • ein Phänomen: sie kann zum Vorschein kommen.

Kreativität ≠ Werk

Adorno → Trennung von Subjekt und Individuum (sujet d’énonciation und sujet d’énoncé): das Werk ist nicht die Charaktermaske des Subjekts (ÄT, 253f.).
Der Geniebegriff bringt Subjekt und Individuum zusammen: der Einzelne sei zum „Authentischen“ fähig → Individualisierung sei nur noch in der Verantwortung des Einzelnen und damit psychologisch (trotzdem soll etwas Soziales, Gesellschaftliches dabei herauskommen).
Der Geniebegriff löst den »Stepppunkt« (LzE, 72ff.) auf: der Stepppunkt ist jener Ort der Rede, an dem dem Signifikanten des Anderen das eigene Signifikat unterstellt wird. Mithin wird das Zeichen nicht nur zweigeteilt, sondern es kommt von zwei unterschiedlichen Orten her: als Lautzeichen vom Anderen, der spricht, als Vorstellungsbild vom Ich. Gleitet so das Ich in die Rede des Anderen hinein, kann es sich diesen aneignen und als Identität besetzen. Oder es setzt sich, seine Vorstellung, als konstituiert durch den Anderen und erfährt sich als dieses Flottieren des Sinns, das der Andere durch sein Sprechen auslöst.
(Vgl. dazu Nietzsche: »Was ist denn der Nächste! – Was begreifen wir denn von unserem Nächsten, als seine Grenzen, ich meine, Das, womit er sich auf und an uns gleichsam einzeichnet und ein­drückt? Wir begreifen Nichts von ihm, als die Veränderungen an uns, deren Ursache er ist, - unser Wissen von ihm gleicht einem hohlen geformten Raume. Wir legen ihm die Empfindungen bei, die seine Handlungen in uns her­vorrufen, und geben ihm so eine falsche umgekehrte Positivi­tät. Wir bilden ihn nach unserer Kenntnis von uns, zu einem Satelliten unseres eigenen Systems: und wenn er uns leuchtet oder sich verfinstert, und wir von Beidem die letzte Ursache sind, - so glauben wir doch das Gegenteil! Welt der Phan­tome, in der wir leben! Verkehrte, umgestülpte, leere, und doch voll und gerade geträumte Welt!« Morgenröthe, §118)
Geniebegriff: der Andere, das Genie, wird gezwungen, seine Vorstellungen nicht woanders zu suchen, woanders zu sehen → Signifikant = Signifikat; das heißt, hier wirkt ein umgedrehter Narzissmus: man eignet sich das Genie gerade dadurch an, weil man sich nicht mit ihm identifizieren kann. → Möglicherweise Ursache dafür, dass Genie und Wahnsinn so dicht beieinander liegen: wer sich nicht auf die Gedankenwelt des „Genies“ einlassen möchte, treibt ihn damit in den Wahnsinn = ins Abseits.

Also: Subjekt = der mir seine Signifikanten schenkt ≠ Individuum = dem ich meinen Sinn unterstelle. Das Werk: reiner Signifikant. Ethische Übung: Ich lese mich am Leitfaden des Werkes.

Das Zufällige

»Im Gegensatz zur Epigenese und zur Tautologie, auf denen die Welten der Reproduktion beruhen, steht der gesamte Bereich der Kreativität, der Kunst, des Lernens und der Evolution, in dem die andauernden Prozesse der Veränderung sich vom Zufälligen nähren. Das Wesen der Epigenese ist voraussagbare Wiederholung; das Wesen des Lernens und der Evolution ist Erkundung und Veränderung.« (GuN, 64)
Kreative Prozesse sind divergent → nicht vorhersagbar → sie öffnen Differenzen (≠ Negation). Bateson zeigt sehr schön, dass die Idealisierung der Laborbedingungen bei einem Experiment umso mehr zur Divergenz führt. Man kann eine ähnliche Erfahrung machen, wenn man bei einer Untersuchung auf einem idealisierten Modell beharrt (wie ich zum Beispiel für die idealtypische Szene schon angedeutet habe): je mehr man versucht, den Idealtypus zu identifizieren, umso mehr erscheinen die Abweichungen. → In Bezug auf den kreativen Charakter: der Mensch, der seinem Idealtyp „aufsitzt“ (vgl. Lacans Spiegelstadium): der Idealtyp gleicht der blankpolierten Glasscheibe, der man durch einen genau fixierten Steinwurf ein ideales Netz beifügen will, stattdessen aber einen zufälligen, nicht vorhersehbaren Riss erzeugt (GuN, 54ff.).
→ Ethik des kreativen Charakters: Sitze deinem Idealtyp auf!

Spiegelstadium: das Kind empfängt vor dem Spiegel sein ganzheitliches Bild, sein (späteres) Ich-Ideal. Herkunft des Ich-Ideals bleibt aber der Blick eines Dritten, der „Mutter“ (EI, 89ff.). „Funktion“ der „Mutter“: den Menschen für den Zufall, das heißt hier: für die Erfindung, für die Kreativität empfänglich machen. (Phantasma: Wer ein ideales Werk macht, wird empfänglich für die Blicke der Anderen.)

Noch einmal Nietzsche Morgenröthe:
»363. Menschen des Zufalls. - Das Wesentliche an jeder Erfindung tut der Zufall, aber den meisten Menschen begegnet dieser Zufall nicht.«
Zufallslosigkeit = Abwesenheit des Ideals

Rückkopplungen

»Der Verpflichtung auf selbstgenerative Prinzipien der Kreativität, der Spontaneität und des Selbstbezugs folgt die Verpflichtung, diese Prinzipien ihrerseits selbstgenerativ regulieren, eindämmen und kontrollieren zu können. Unter welchem Titel man das selbstgenerative Prinzip auch immer fassen will: Menschen, Systeme oder Bewusstseine laufen als Konsequenz dieser Verpflichtung in einem strengen Sinne als kybernetische Apparate ab. Sie prozessieren in autopoietischer Rückkopplung, gelöst von fixen Außenreferenzen und nach Maßgabe einer gesteigerten, weil verzeitlichten Komplexität.« (IdM, 219)
Kommentar dazu:
1.) Luhmann unterscheidet zwischen deduktiven und kybernetischen Methoden (WdG, 418f.). a) deduktive Methode: geht von gesicherten Erkenntnissen aus, und erschließt von dort aus neue Erkenntnisse; b) kybernetische Methode: Vor- und Rückgriffe → Oszillation.
»Die deduktive sieht die Methode als Entfaltung von gegebenen Sicherheiten, die kybernetische sieht die Methode als ständiges Praktizieren von Vorgriffen und Rückgriffen. Beide Verfahren sind rekursiv insofern, als sie es erfordern, dass man an Resultate anschließt. Aber der Anschluss ist verschieden geregelt. Bei deduktiven Methoden beruht er auf einer Sicherheitsprüfung, bei kybernetischen Methoden beruht er auf mehr oder weniger gewagten Annahmen mit Kontrollvorbehalten.« (WdG, 418f.)
→ Kreativität: kybernetische Methode = Vor-/Rückgriffe + gewagte Annahmen/Kontrollvorbehalte

2.) Selbstgenerative Regulierung, dazu Benjamin (Einbahnstraße):
»Lebendig nährt den Willen nur das vorgestellte Bild. Am bloßen Wort dagegen kann er sich zu höchst entzünden, um dann brandig fortzuschwelen. Kein heiler Wille ohne die genaue bildliche Vorstellung. Keine Vorstellung ohne Innervation. Nun ist der Atem deren allerfeinste Regulierung. Der Laut der Formeln ist ein Kanon dieser Atmung. Daher die Praxis der über den heiligen Silben atmend meditierenden Yoga. Daher ihre Allmacht.«
→ Noch einmal Oszillation; zudem das vorgestellte Bild = eidolon = Ideal → Innervation: eine mimetische Annäherung, deshalb: kreative Techniken = mimetische Techniken (aber: ≠ Kreativität?).
Atmen = aktive Oralität (den Luftstrom abbeißen) + aktive Analität (den Luftstrom ausspucken) → Freude am Einverleiben und am Hinwerfen/Skizzieren.

3.) Das Ablösen fixer Außendifferenzen: Signifikant ≠ Signifikat (man merkt, alles kehrt hier wieder) → zudem: Die Zeichen denotieren nicht, sie konnotieren, d.h. ich lese sie als Anspielung/Poesie, nicht als Abbild der Realität/Wissenschaft. Ebenso bringe ich keine Abbilder hervor. Ich spiele die Realität an. Ich beatme sie. (Demiurgischer Mythos: einem toten Stück Fleisch Leben einhauchen. Zugleich Tragik: Ursünde = Abwesenheit Gottes vom Menschen → Gott als Garant für die Einheit von Signifikant und Signifikat.)

4.) Verzeitlichte Komplexität: diese ist – nach der Systemtheorie – auf Störungen angewiesen, und auf Operationalität. Das System baut Störungen in seine Struktur ein und verändert dadurch nach und nach seine Art und Weise des Operierens. Ich habe in irgendeiner Horrorgeschichte von einer Art Golem gelesen, der sich nach und nach die Menschen einverleibte und sich dadurch ständig entwickelte. Das System verleibt sich störende Ereignisse ein. Störung = mit einem gewissen Neuheitswert versehen, wobei der Neuheitswert relational zum System ist. Was das System schon kennt, kann es nicht stören. Deshalb: Systeme erleiden Störungen nicht, sie suchen diese sogar aktiv auf. → Lebenden Systemen ist also eine gewisse Kreativität immanent. → verzeitlichte Komplexität = immanente Kreativität (= (wie Luhmann schreibt) die différance Derridas)

Rückkopplung also viererlei:
1. Rückgriffe auf bisher geleistetes: neuerliches Überprüfen;
2. einverleiben: mimetische Aktivität + skizzieren: Überprüfen auf mimetischen Erfolg;
3. anspielen, konnotieren;
4. Störungen aufsuchen und einbauen.

Bernhard Waldenfels

Bedingungen von Kreativität:

1. Kontingenz von Ordnung: Ordnung lässt sich nur überschreiten, wenn auch andere Ordnungen möglich sind (zugleich politischer wie ästhetischer Aspekt) (GdN, 92f.);
2. Neues und Wiederholung sind keine Alternativen, sondern Pole, zwischen denen vielfältige Mischungen möglich sind (structural drift → Verschiebung der Strukturen) (GdN, 93);
3. geht von einer gegebenen Position aus (Geschichte/Gedächtnis), erschafft eine neue Position (Evolution/Operation) (GdN, 93);
4. Anonymität: „Es entsteht etwas Neues!“ wie: „Es regnet!“ → Kreativität ist immer mit der Veränderung des Subjekts verbunden → „Man steigt niemals in denselben Fluss.“, nicht nur, weil sich der Fluss verändert, sondern weil sich auch das Man verändert (GdN, 93).

Woher der Kreativität:

1. Form der Problemlösung: Kreativität als „Antwort“ auf eine Mangelsituation (GdN, 94);
2. Form des Daseins: essentielle oder ontologische Kreativität (z.B. bei Bergson, Whitehead) (GdN, 94f.);
3. als Responsivität (Antwortlichkeit): Wechselbedingung von Herausforderung (provocare) und Erwiderung, also ein dialogischer Moment → die Kreativität beginnt „anderswo“, an einem Ort, der für sie nicht ist, also u-topos (DfG, 196f.; GdN, 95ff.).
  • NwV = Baecker, Dirk: Nie wieder Vernunft, Heidelberg 2008.
  • ÄT = Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie, Frankfurt am Main 1998.
  • GuN = Bateson, Gregory: Geist und Natur, Frankfurt am Main 1982.
  • LzE = Pagel, Gerda: Lacan zur Einführung, Hamburg1991.
  • EI = Lacan, Jacques: Écrits I, Paris 1966.
  • IdM = Rieger, Stefan: Die Individualität der Medien, Frankfurt am Main 2001.
  • WdG = Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1992.
  • DfG = Waldenfels, Bernhard: Deutsch-französische Gedankengänge, Frankfurt am Main 1995.
  • GdN = Waldenfels, Bernhard: Grenzen der Normalisierung, Frankfurt am Main 1998.
  • Nietzsche, Friedrich: Morgenröthe, in: ders. Kritische Studienausgabe, Band 3.
  • Benjamin, Walter: Einbahnstraße, in: Gesammelte Schriften, Band IV.1
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