05.06.2008

Cedric: Der misslungene Zauber

Cedric sollte gestern als Hausaufgabe eine Geschichte schreiben. Das Setting war vorgegeben: Melusine im Gespensterschloss. Melusine, eine junge Hexe, ist Haushälterin in einem Schloss, das von einem Gespensterehepaar bewohnt wird. Dabei erlebt sie allerhand Abenteuer. Mit Cedrics Erlaubnis stelle ich hier nun seine Geschichte vor. Einmal, weil ich natürlich ganz persönlich auf sie stolz bin, zum anderen, weil sie einen sehr guten Erzählstil erkennen lässt.
Der misslungene Zauber
In einem großen Schloss im höchsten Turm pflegte die Hexe Melusine gerade die Narzissen des Gespensterehepaares, das sie als Haushälterin angestellt hatte, als Melusine plötzlich einen riesigen Heißhunger bekam. Melusine dachte: „Oh Mann! Ich habe so einen Hunger, aber die Küche ist meilenweit entfernt. Wie ging noch mal der Aufrufezauber? Ach ja!“
Sie lehnte sich in einen Sessel und wollte gleichzeitig „Accio“ sagen, doch es gelang ihr nicht. Denn als sie sich in den Sessel setzte, kam ihr eine ganze Menge Staub in den Mund, als sie „Acc…“ gesagt hatte und sie musste husten. Offenbar hatte Melusine durch die Mischung der Laute einen neuen Zauber entdeckt, denn das was sich hier bildete, war ganz sicher nicht der Aufrufezauber. Es sah fantastisch aus. Strahlen in allen Farben flogen durch’s ganze Zimmer und flirrten über Melusines Zauberhut. Ganz plötzlich fügten sie sich zusammen, bis es nur noch vier Strahlen gab. Einer flog in eine Gießkanne, ein anderer in die Narzissen, ein flirrender, unförmiger Strahl sauste in eine Fackel und der letzte blieb einfach stehen und verpuffte zu einer Rauchwolke.
Zwei Sekunden später passierte etwas Unglaubliches. Aus dem Narzissenbeet stampfte eine über zwei Meter große Gestalt, die aus Stein und Erde gemacht zu sein schien. Aus der Fackel kam ein Geschöpf heraus, das eben so groß, doch aus loderndem Feuer war. Von der Gießkanne aus sprang eine riesige Welle, die einen Wandteppich verschluckte. Und über Melusine war nun ein kleiner Miniaturtornado zu sehen.
„Elementargeister“, schoss es Melusine durch den Kopf. „Dieser Zauber muss sie gerufen haben.“
„Wer hat mich gerufen?“, schreit die Welle und Melusine fällt auf, dass sie ein Gesicht hat. „Ihr!“, ruft die Welle. „ich habe gesagt, dass ihr euch von mir fernhalten sollt.“
„Wir wollen auch nicht hier sein.“, rief der Felsenmann. Er hatte eine tiefe, widerhallende Stimme. „Jemand hat uns gerufen.“
„Du!“, zischt die Flamme. „Ich werde dich zermalmen.“
Und nun schweben, fließen und stampfen die Geister auf Melusine zu und die sieht gar nicht glücklich aus. Voller Panik rennt sie davon, doch die Gestalten versperren ihr den Weg. Melusine rannte dennoch weiter und irgendwie schafft sie es, doch ihr rechter Arm ist gebrochen, ihr Kleid pitschnass und ihr Zauberhut ging in Flammen auf. Sie stürmte aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Minuten später kam sie im Wohnzimmer an.
Dort fand sie die Gespensterdame, bei der sie angestellt war.
„Helfen Sie mir! Dort sind solche Elementartypen. Die zerstören alles.“
Die Gespensterdame nahm eine große Kiste und schwebte mit Melusine heraus. Die Elementargeister waren nur einige Meter entfernt. Die Gespensterdame öffnete die Kiste. Die Geister wurden aufgesogen und die Gespensterdame verschloss schnell den Deckel.
„Wow! Was war das denn?“, staunte Melusine.
„Diese Truhe saugt alle Lebewesen auf und ist gleichzeitig ein Portal in einer anderen Dimension.“, antwortete die Geisterdame.
Das war erstaunlich, doch Melusine war so müde, dass sie nur noch ins Bett wollte.

Aktive Verben. - Zunächst fällt auf, dass Cedric viele aktive Verben benutzt: pflegen, denken, sich zurücklehnen, sagen, setzen, husten, usw. Das ist eine der Stilmittel, die für ein plastisches Erzählen sehr wichtig ist.
Adjektive. - Er spart mit Adjektiven: diese setzt er nur ein, wenn etwas besonders ausdrücklich charakterisiert werden soll. Auch das ist ein wichtiges Stilprinzip des Erzählens. Roland Barthes nannte Wahlveranstaltungen ein Festival der Adjektive. Was bei Wahlveranstaltungen kritisch ist, ist es ebenso beim Erzählen. Eine kluge Auswahl auch auf der Satzebene des Erzählens bleibt das A und O einer ökonomischen Literatur.
Ankündigungen. - Im Geschichtsverlauf gibt es einige gut platzierte Ankündigungen. "... denn was sich hier bildete, war nicht der Aufrufezauber."
Ankündigung von etwas Neuem, als das Erwartete misslingt. "Zwei Sekunden später passierte etwas Unglaubliches." Ankündigung durch eine emotionale Wertung ohne sachlichen Inhalt. Einen ähnlichen Satz findet man zum Beispiel zu Beginn des IV. Bandes von Harry Potter: "Ein halbes Jahrhundert zuvor war hier etwas Merkwürdiges, etwas Entsetzliches geschehen, über das die Älteren im Dorf immer noch zu munkeln pflegten, wenn es sonst wenig zu klatschen und zu tratschen gab." - Nun möchte ich Cedrics Erzählweise nicht (noch nicht) mit Joan Rowling vergleichen, aber das Werkzeug ist das gleiche.
Dialog. - Die Dialoge sind nicht so glücklich gewählt. Hier kommt deutlich eine Alltagssprache zum Einsatz, die zwar richtig und sinnvoll ist, aber die Auswahl dieser Alltagssprache muss in Dialogen scharf getroffen werden, wenn diese nicht in die Banalität abgleiten sollen. Das ist nun allerdings eine Kunst, die selbst viele Erwachsenen überfordert. Und auch wenn ich dann kritisch auf diese Dialoge hinweise, sind sie für einen elfjährigen Jungen schon recht gekonnt.
Wendungen vorbereiten. - Jede Geschichte schafft mit Andeutungen und scheinbaren Entspannungen vor einer entscheidenden Wende zugleich einen verzögernden, dadurch aber auch vorwärtsdrängenden Abschnitt. Beim Erscheinen der Elementargeister nutzt Cedric dieses Mittel: die Geister werden beschrieben, und zwar so beschrieben, dass diese zugleich aktiv handeln (aktives Handeln = gute Beschreibung); und trotzdem dreht sich hier die Erzählung noch nicht zu einer action. Die Beschreibung verzögert also den Moment, in dem die Geister angreifen. Trotzdem bereitet Cedric mit diesem Kniff auch den Angriff vor. - Andere Stellen bringen diese aktive Beschreibung nicht oder zu knapp ins Spiel: die Wirkung des falsch ausgesprochenen Zaubers hätte einen halben oder ganzen Satz mehr einbringen dürfen. Völlig fehlt diese Wendung aber bei der entscheidenden ersten Konfrontation: Melusine gelingt die Flucht, jedoch erfahren wir nicht, wie. Cedric zieht sich hier auf das Wort "irgendwie" zurück.
Das ist eine typische Wendung, die zugleich schon auf den Leser Rücksicht nimmt und noch einem sehr ungeplanten Erzählmuster gehorcht. Ungeplant ist das Erzählmuster, weil gerade solche Stellen intensiv vorbereitet sein müssen, um den dramatischen Verlauf der Flucht für den Leser nachvollziehbar zu machen. Rücksichtsvoll ist die Stelle, weil sie dem Leser eine "Begründung" anbietet: irgendwie, in diesem Fall.
Gott aus der Maschine. - Die Lösung der Geschichte wird nicht vorbereitet. Statt dessen wird aus der Umwelt Melusines eine Lösung entnommen und umgesetzt: die Kiste verschluckt die Geister. Solche Lösungen nennt man Götter aus der Maschine. Maschine nennt man die Hinterbühne eines Theaters. In griechischen Tragödien traten zum Ende des Stückes ein oder mehrere Götter, bzw. Schauspieler, die Götter verkörperten, von dieser Hinterbühne auf die Vorderbühne und geboten dem Gemetzel Einhalt. Eine menschliche Lösung der Konflikte, ein Erkenntnisgewinn wurden damit vermieden. - Auch Kinder neigen dazu, Geschichten zu erzählen, in denen die Lösung abrupt auftaucht. Das liegt wieder daran, dass Geschichten eben noch nicht geplant werden. Das Ende kann nicht von Anfang an mitgestaltet werden.
Vergleicht man dies mit Harry Potter, dann sieht man, dass Rowling wichtige Elemente und Andeutungen von Anfang in die Bücher einstreut: so etwa, wenn Krätze, Ron's Ratte, zu Beginn von Harry Potter und der Gefangene von Askaban so schlecht aussieht. Den Grund erfährt man allerdings erst sehr viel später. Diese Art und Weise bringt zwar auch Neuigkeiten einfach so in die Geschichte ein, aber nicht erst am Ende, sondern von Beginn an. Und dadurch nehmen wir als Leser nicht den Trick wahr, dass auch dies Götter aus der Maschine sind.

Wenn man eine Opposition in Cedric's Text finden möchte, dann die, eine gute Geschichte erzählen zu wollen und sie gleichzeitig zu einem raschen Ende zu führen. Tatsächlich meinte Cedric, dass er die Geschichte so geschrieben hat, dass man sich alles gut vorstellen kann. Auf der anderen Seite wollte er die Geschichte an dem Nachmittag fertig schreiben, und nach sieben Stunden Schule und zwei anderen Hausaufgaben war er einfach auch müde. Der erwachsene Autor kann hier - hoffentlich - auf mehr Techniken und mehr Lese- und Schreiberfahrung zurückgreifen. Eine psychologisch fundierte Ästhetik des narrativen Erzählens bei Kindern hält sich meist bei einem zu groben Instrumentarium auf, mit dem diese Texte erfasst werden. Deshalb werden oft auch nicht spezifische Lösungsmuster erfasst, die ein Kind zum Erzählen benutzt. In Cedrics Geschichte ist ein recht einheitliches Werk entstanden. Problematisch wird es, wenn Kinder Muster falsch auswählen, sich in Sackgassen verrennen und noch nicht die Mittel haben, diese wieder zu verlassen. Dann sieht eine Geschichte ungelenk aus, oder kann sogar garnicht überzeugen. Das aber kann und darf man nicht bewerten. Bewertet werden muss, ob ein offenes Problem (Geschichten sind ja in bestimmter Weise nichts anderes als offene Probleme) mit einem gewissen Reichtum an Erzähltechniken behandelt wird.
Doch auch hier wird man nur mit äußerster Vorsicht einschätzen können, ob eine Erzählqualität vorliegt: eine brauchbare Klassifizierung und eine individuelle Genese schriftlichen Erzählens liegt meiner Ansicht nach noch nicht vor. Wahrscheinlich wird dies auch nie möglich sein. Es gibt so zahlreich kleine Muster in Geschichten, dass man nicht alle in einem Text verwenden kann und auch nicht verwenden sollte. Muss aber eine scharfe Auswahl getroffen werden, dann kann man - als Leser und Lehrer - nur abwägen, ob diese Auswahl eine mehr oder weniger glückliche ist. Die Diagnostik von Fehlentwicklungen im Erzählen, und die Bewertung dürften auf lange Zeit gesehen nicht möglich sein; oder - wenn -, dann nur mit einem gehörigen Maß an Arroganz.

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