19.06.2008

Schreibfimmel

Nun also der Schreibfimmel:
Schon letzte Woche hatte ich mir Bücher von Joyce Carol Oates geholt, war aber noch nicht zum Lesen gekommen, weil ich noch Rezensionen für media-mania zu schreiben hatte. Seit vorgestern verschlinge ich ihre Bücher geradezu, allen voran erstmal ihre Kurzgeschichtensammlung Rendezvous (das es nicht bei amazon gibt!).
Jedenfalls haben mich diese Kürzestgeschichten sehr angeregt. Neben Skizzen zum Erzählstil von Oates entstehen kleine Prosastücke. Doch insgesamt bin ich wie manisch am schreiben: meist Kommentare zu Büchern, die in meinen Zettelkasten wandern. Wenn ich gerade auf ein Thema keine Lust mehr habe, springe ich einfach zum nächsten.

Einige Notizen zu Joyce Carol Oates:
Latenz der These
Jede Geschichte habe - so die Empfehlung der american creative writers - eine These, etwas, was die Geschichte ausdrücken will. → bei Oates: Latenz der These. Latenz heißt: in den Strukturen vorhanden, nicht aber direkt gesagt. Nähe zur Hypotypose: rhetorische Figur, die etwas sichtbar macht. → Idealfall des Schreibens: etwas Intelligibles wird durch eine konkrete Geschichte ausgedrückt.

Welche Mittel?
1. Anhäufung kleiner Abweichungen: »Er kommt zur falschen Zeit nach Hause, …« (Beginn von Langsam); → dieses „Etwas ist anders“, Ankündigung einer Abweichung: Nährboden jeder Geschichte. (Typologie der Schriftsteller nach der Art, ob sie eine kleine oder eine große Abweichung für ihre Geschichte brauchen.)
2. ein selbstverständlicher oder nichtssagender Satz an exponierter Stelle: »Na ja, sagt sie, man tut, was man kann.« (steht hier am Ende von Das Maultier); → Deflation des Höhepunktes: entspricht der kleinen Abweichung: der Höhepunkt ist kein Umsturz, kein „Alles ist anders“, sondern nur ein „Etwas ist anders“ → Tragik: das Etwas wird nur von wenigen gesehen, es ist eine statische Tragik (Ende von Der Unfall: »Und er griff voller Dankbarkeit nach ihrer Hand und hielt sie fest und flüsterte, ja, so ein Pech, und dachte an den Schrecken, den er ihr eingejagt hatte, ihr und dem Kind, die doch an ihn glaubten, und dachte an seine Sachen, blutbefleckt und wahrscheinlich nicht mehr zu gebrauchen, und die lange Nacht, die langen Nächte, die vor ihnen lagen.« → erst der letzte Halbsatz macht die abschließende Resignation deutlich).
3. statt ein Ende zu erzählen, wird mit einem Abstraktum angedeutet, und auch hier meist eine kleine strukturelle Änderung: »und in diesem Moment weiß sie es wird einen Riss geben mitten durch ihrer beider Leben obwohl sie, langsam auf ihn zugehend, nicht weiß wie oder warum.« (Ende von Langsam)
4. ein abschließender, meist diminuativer Affekt: »Sie sieht voraus, dass man sich ein Kind zulegen wird. Es ist an der Zeit.« (Ende von Die Zecke); »Und sie sprachen nie wieder davon.« (Ende von Leichte Grippe); »Und nie mehr stritten sie miteinander.« (Ende von Der Streit)
5. die Delikatesse (Zartgefühl → Barthes: „Genuss des Analysierens, einer verbalen Operation, die das Erwartete unterläuft“ (Das Neutrum, S. 68)): hier: die Welt „interpretiert“ „sich selbst“ woanders hin → die Wendungen sind nicht groß, sondern delikat; d.h. auch wenn zwischendurch ein „großes Ereignis“ stattfindet, wandern die Folgen ganz woanders hin, so in der storie Scharfschützen, die mit einer Anmache beginnt, und in der schließlich die Frau ihre Faszination für das Schießen entdeckt

Wichtig: die These wird in ihre Bestandteile aufgelöst und diese in die Geschichte eingebaut. Welche Bestandteile? gewöhnliche Gegenstände, Metaphern, Handlungen, kleine Erzählungen (in der Erzählung), usw. → dies wäre genauer zu untersuchen; natürlich ist auch der umgedrehte Fall denkbar: die Geschichte evoziert die These. → Bester Weg, dies herauszufinden: selbst schreiben.

alle Erzählungen aus Rendezvous
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