18.05.2009

Sonst?

1. Ich bewege mich gerade durch zahlreiche Bücher von Berthold Brecht hindurch. Thema: Einfühlung. Das Spannende an Brecht ist, dass er die Einfühlung eng mit einem aristotelischen, bzw. nicht-aristotelischen Theater koppelt (wie diese zueinander stehen, muss hier mal offen bleiben). Da Brecht über den V-Effekt die Seelenschau in eine ganz andere Richtung treibt, als das klassische Theater, hier also den ganzen Gefühlsapparat eines Menschen anders auf der Bühne artikuliert, da sich hier eine ganz ähnliche Tendenz auch in der Systemtheorie Luhmanns feststellen lässt, ergeben sich plötzlich reiche Bezüge, denen ich nachgehen möchte, bzw. zum Teil schon nachgegangen bin.
2. Dieser Komplex ist kein abgezirkeltes Feld, sondern schließt sich fast nahtlos an das Thema "Gewalt" an. Peter Fuchs hatte vorgeschlagen, Gewalt als einen Kollaps der Adressabilität zu lesen. An anderer Stelle habe ich Verhaltensstörung, etwas marxistischer, als entfremdete Kritik an entfremdeten Verhältnissen definiert, probehalber natürlich nur, d.h. als Hypothese. Hier gehe ich halb in Gedanken dem Faden nach, Empathie als Verhaltensstörung zu lesen und zwar, salopp gesagt, als Verhaltensstörung des Kleinbürgers. - Wem das gänzlich wider den Strich geht: ich bin mir bei dem Gedanken auch nicht so sicher. Aber es macht Spaß, diese kleine Boshaftigkeit gegen die ganze Gutmenschelei zu denken.
3. Dann habe ich ein paar Plots entworfen, in denen ich meine Beschäftigung mit Trudi Canavan verarbeitet habe, und ich habe, für Christa (die ihr noch nicht kennt, eine ehemalige Kollegin von mir), eine ihrer Geschichten in einen Krimi zu packen versucht. Christa liest gerne Krimis, schreibt aber vor allem Kurzgeschichten in einem eigenartig faszinierenden Stil. Der ist nicht unbedingt markttauglich, zeigt aber (oder gerade deswegen) ein hohes Maß an literarischer Subtilität.
4. Arbeite ich immer noch an meinem Seminar zum "Fantasy schreiben" herum. Mut zur Lücke ist hier angesagt. Ich habe mittlerweile so viel Material angehäuft und didaktisch kleingearbeitet, dass ich daraus drei Seminare machen könnte. Stattdessen könnte ich natürlich auch einen ganzen Schwarm kürzerer Seminare anbieten, aber das traue ich mich (noch) nicht.
5. Neben diesen ganzen Arbeiten steht die Arbeit an meinem Krimi, der wächst und gedeiht, und, weil ich gerade wieder so viel in diesem Bereich arbeite, leider nicht mehr homogen ist. Es gibt einige Stilbrüche darin, die ich später nochmal glätten, bzw. wegschreiben muss. Aber ich hatte mir ja vorgenommen, den Krimi erstmal zu Ende zu schreiben und dann alles weitere zu bearbeiten. Übrigens ist Berthold Brecht in Bezug auf den Krimi sehr schreibfreudig gewesen und vieles, was ich halb und undeutlich angedacht habe, klärt sich in den Auseinandersetzung mit Brecht.
6. Brecht hat auch ein ganz wunderbares Verhältnis zum Humor. Man mag diese Verbindung zwar albern finden, aber auch hier hat sich für mich eine ganz neue, bisher unerkannte Verbindungslinie ergeben: die zwischen Camilleri (Montalbano-Krimis) und Brecht. Humor, Krimi, V-Effekt, nicht-aristotelische Erzählweise. Brecht kann sogar dem deus ex machina etwas abgewinnen.

Ihr seht: Ich bin umtriebig!
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