28.05.2009

Zensur (Zitate)

Damit sind die Mechanismen der Zensur nicht nur aktiv an der Subjektproduktion beteiligt; sie definieren auch die gesellschaftlichen Parameter für den sagbaren Diskurs, dafür, was im öffentlichen Diskurs zulässig sein wird und was nicht. Dass die Zensur daran scheitert, das betreffende Sprechen vollständig zu zensieren, liegt nun besonders daran, dass sie (a) daran scheitert, eine vollständige oder totale Subjektivierung mit rechtlichen Mitteln zu erreichen, und (b) daran scheitert, den gesellschaftlichen Bereich des sagbaren Diskurses effektiv zu umschreiben.
Butler, Judith: Hass spricht

Die transzendentale Theologie bleibt demnach, aller ihrer Unzulänglichkeit ungeachtet, dennoch von wichtigem negativen Gebrauche, und ist eine beständige Zensur unserer Vernunft, wenn sie bloß mit reinen Ideen zu tun hat, die eben darum kein anderes, als transzendentales Richtmaß zulassen.
Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft

Die intellektuelle Arbeit sollte sich auf die sekundäre Sexualität und insbesondere auf die Sexualität der Sprache beziehen. Die Sprache als sexueller oder erotischer Raum hat nichts mit der Erotik der Massenkultur zu tun. Die avantgardistische Arbeit besteht darin, das erotische Verbot aufzuheben, das die politisierten oder gegen-ideologischen Sprachen leider durchdringt und aus ihnen trübselige, schwerfällige, sich wiederholende, obsessionelle und langweilige Diskurse macht.
Barthes, Roland: Die Körnung der Stimme

Während im Aufbau der gesellschaftlichen Differenzierung, in Reichsbildung, städtischer Vorherrschaft, Stratifikation auf hierarchische Ordnung gesetzt wird, arbeiten die Verbreitungsmedien bereits parallel dazu an deren Delegitimation, oder genauer: an einem Alternativprojekt. Bei Hierarchien genügt es, die Spitze zu beobachten bzw. zu beeinflussen, weil man, mehr oder weniger mit Recht, davon ausgehen kann, dass sie sich durchzusetzen vermag. Heterarchien beruhen dagegen auf der Vernetzung unmittelbarer, jeweils an Ort und Stelle diskriminierender (beobachtender) Kontakte. Noch die Erfindung des Buchdrucks lässt diesen Gegensatz von Hierarchie und Heterarchie als unentschieden erscheinen. In China und Korea dient die Druckpresse als Verbreitungsinstrument in Herrschaftsbürokratien. In Europa, das von Anfang an auf eine wirtschaftliche Ausnutzung und marktmäßige Verbreitung von Druckwerken gesetzt hatte, versucht man, den Konflikt über Zensur zu lösen. Der Misserfolg, der bei einer Vielzahl von Druckorten in unterschiedlichen Territorien und auch bei rasch zunehmender inhaltlicher Komplexität gedruckter Kommunikation unvermeidlich war, zwingt letztlich alle Hierarchien, auch die der Politik und die des Rechts, sich mit einer prinzipiell heterarchisch kommunizierenden Gesellschaft anzufreunden. Seit dem 18. Jahrhundert feiert man diesen Zustand als Oberhoheit der »öffentlichen Meinung«. Was Differenzierungsformen betrifft, so entspricht dem der Übergang zu funktionaler Differenzierung. Die moderne Computertechnologie führt einen wichtigen Schritt darüber hinaus. Sie greift auch die Autorität der Experten an.
Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft


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