27.05.2009

Zitat (Einfühlung)

Heute eine sehr hübsche Stelle bei Ernst Bloch gefunden (den ich lange nicht mehr gelesen habe):
So wenig macht doch gerade unmittelbares Erleben das scheinbar so einfache Drinnen hier, Draußen dort mit. Ein früheres Befinden geht diesem Zweierlei: der Haut als unserer Wand, dem Auge als Fenster, eigen vorher, wirkt nach. Dieses Frühere und doch nicht Verschwundene ist zweifellos trüber als das sauber gekommene Zweierlei, und trotzdem hat es ein eigenes Beleuchten. Auch liegt die Trübe nicht in seinem Akt selber; dieser ist vielmehr deutlich benennbar: nämlich als einfühlender, als einer der Einfühlung. Wobei ein Aufschließendes so weit zu gehen scheint, als wäre ein sonst Äußeres nicht nur empfunden, sondern, wie man sagen kann, empfühlt und so selber, dem Menschen verwandt, auf ihn zurückblickend. Menschlich, allzu menschlich und doch unausweichlich ergibt sich so als Eindruck: Der See »lächelt«, der Wind »seufzt«, und das nicht nur langgezogen, sondern sogar einsam, die Säule »strebt« in die Höhe. (Th. Lipps hat sich sehr mit dergleichen abgegeben, zwar leider nur als Psychologe, doch dadurch gerade den eigenen Aktvorgang des Einfühlens kenntlich machend, wenn es etwa aus dem Wedeln des Hundes Freude »herausfühlt«). Die Sprache, nicht nur die dichterische, sondern die alltägliche, ist voll solcher eingespielter Einfühlungen. Ihr Innen-Außen, Außen-Innen begleitet die Sprache vom dümmsten Kitsch (»Dieser Film ist eine wirbelnde Wolke pikanter Heiterkeit«) bis zu der »reinen Wolken unverhofftes Blau«, bei George. Eingespielt ist dergleichen gewiss auch deshalb, weil hier so viel Atavistisches noch mitklingt, so viel animistische Belebung von einst. Was dem Einfühlen zweifellos nichts Solides gibt, vielmehr dauernd Prüfung verlangt und es trotzdem, mutatis mutandis, so neben, besser: unter der geprüften Einsicht bestehen lässt, wie die Angabe, der Himmel sei »heiter«, zusammen mit der schlichteren weiterbesteht, die Sonne »gehe im Osten auf«.
Bloch, Ernst: Tübinger Einleitung in die Philosophie, S. 33
Man beachte hier, wie sich das Drinnen und Draußen, bzw. die Vorgänge von Projektion und Introjektion, Empathie und Personalisierung zeitlich ergänzen und an der Grenze dieser Imagination Metaphern etabliert.
Dazu später noch einmal mehr.
Ich habe den letzten Tag an der Metapher herumgearbeitet, hier vor allem noch einmal bei Bateson. Batesons rätselhafte Begriffe klären sich langsam und es scheint so, dass das metaphorische Diskursuniversum bei ihm eine Art verzerrende Haut ist, die die unbewussten Vorgänge in der Seele in eine Flut von Mikroproblemen übersetzt. So schützt das metaphorische Diskursuniversum einerseits das Bewusstsein vor den ungebremsten Assoziationen der Primärprozesse, und simuliert zugleich eine Vielzahl "kognitiver Mängel".
- Folgt man diesen Ausführungen (die Bateson allerdings so explizit nicht geschrieben hat), dann sind Metaphern zugleich Dissimulationen und Simulationen. Sie dissimulieren die irrationalen Verbindungen der unbewussten seelischen Vorgänge und simulieren die Offenheit der Welt.
Blochs Zitat weist in eine ähnliche Richtung.
Auch bei Lacan findet man ja ungefähr nämliche Gedanken.

Wenn man diesen Gedanken übrigens weiter verfolgt, dann sind bildkonstruierende Verfahren im Coaching,  wie Traumreisen, Story telling, Gleichnisse oder Theatralisierungen, gerade nicht Verlängerungen der Metapher, sondern überwinden dieses Mischmasch aus Täuschung und Problematisierung. Die Metapher im Coaching wäre nichts anderes als ein Ansatzpunkt für Klärungen und ein Hinweis auf Klärungsbedarf. Freilich hat ein solcher Metaphernbegriff kaum noch etwas mit der Metapher zu tun, wie sie im Coaching verwendet wird. Dort ist, ich hatte darauf HIER hingewiesen, die Metapher ein diffuses Sammelsurium. Auf Grenzen und Doppeldeutigkeiten der Metapher hatte ich HIER bereits im Rahmen meiner Arbeit an Bateson hingewiesen.

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