16.04.2012

Lexem und Klassem

Thomas fragt, wie sich Lexem und Klassem (siehe Zeichen und Bedeutung) besser voneinander unterscheiden lassen. Sein Problem: das Wort Freiheit.

Neulich hatte ich zu einem anderen Wort eine Notiz verfasst, die dieses Problem gut schildert.
Bei Lexemen wie "Frau" haben wir sofort das Problem, dass das Wörterbuch kaum eine sowohl umfassende als auch relevante Definition liefern kann; vor allem entsteht hier ein Problem: "Frau bezeichnet heute einen weiblichen, erwachsenen Menschen." (Wikipedia), was auf eine biologische Unterscheidung hinweist, also auf eine Denotation, während im alltäglichen Umgang die Frau als Klassem auftaucht, also in Form von Konnotationen, die den denotativen Wortsinn komplett überwuchern können. (Hierbei handelt es sich um eine Anmerkung zu dem Buch Einführung in die Literaturwissenschaft von Jochen Schulte-Sasse und Renate Werner.)
Auch das macht eine Unsicherheit bei der Interpretation von Texten aus. Abgesehen davon, dass gerade lyrische Texte sich nicht auf konventionelle Bedeutungen stützen (müssen), passiert dies auch nicht in der Kultur, vor allem nicht mit emotional gefärbten Wörtern. Ich habe hier noch nicht eine ausführlichere Erläuterung der Konnotation vorgestellt. Jedoch gehört, nach Umberto Eco, die emotionale Färbung zu den Konnotationstypen dazu.
Roland Barthes spricht in solchen Fällen zum Beispiel von einer Japanizität, also von einer konnotativen Bedeutung, die das echte Japan, so wie es denotativ sein könnte, überwuchert (vergleiche Das Reich der Zeichen).

Und um dir direkt zu antworten, Thomas: dies ist genau das Problem der Interpretation, zum Beispiel abzuschätzen, wie denotativ oder wie konnotativ ein Wort benutzt wird, ob ein Wort also mehr seine Bedeutung aus einem Wörterbuch "empfängt" oder aus dem Kontext seines Gebrauches.
Dieser Kontext des Wortgebrauches (das Wort als Klassem) wird von Wittgenstein in seinem Spätwerk unter dem Begriff des Sprachspiels stark problematisiert. Ich bin hier leider noch nicht zu einer umfassenden Lektüre gekommen, die Wittgenstein und die strukturale Semantik in einen Bezug setzt. Steht aber irgendwie auf meiner Liste.
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