04.07.2017

Wider den Terrorismus

Was von diesem Buch zu halten ist, kann ich in einer Rezension schlecht beantworten. Wer mich länger kennt, weiß, dass ich mit Büchern eher arbeite (was auch immer das dann konkret heißt), als dass ich sie "bewerte". Mithin haben meine Kommentare einen Hang zu wuchern und nach und nach das Buch zu überwuchern. Das aber nur nebenbei und gleichsam als Warnung vorneweg.
Konkreter gesagt beschäftigt mich die Verbindung zwischen Terror und Medien. Denn über die Medien vollzieht sich eine Trennung, die, wenn sie nicht beachtet wird, zu einem unpragmatischen und unpolitischen Verhältnis zwischen Tätern, Opfern und (medialer) Öffentlichkeit führt. Gerade aber diese Entpragmatisierung erweist sich als politisches Instrument einer Radikalisierung.
Nebenbei taucht ein anderes Reizwort auf, welches ihr eher aus meinen Schriften zum kreativen Schreiben kennen dürftet: die Psychologisierung. Insofern politische Darstellungen immer auch Narrationen sind, oder zumindest Aspekte einer Erzählung bedienen, ist das gute erzählerische Handwerk auch auf die politische Analyse übertragbar.

Wider den Terrorismus

Beginnen wir mit einigen Formalitäten und dem Rahmen, in dem diese Schrift zu verorten ist.
Arno Grün erklärt, so ist dem Klappentext zu entnehmen, die psychologischen Ursachen des Terrors. Er gewährt, so kann man vermuten, einen Einblick in die Seele von Terroristen. Dies vollbringt er, zieht man Einleitung, Danksagung und Literaturverzeichnis ab, auf siebzig Seiten. Der theoretische Hintergrund Grüns ist die Psychoanalyse.

Leere und Erlösung

Epiphanien

In einem ersten Umriss skizziert Grün das Auftauchen des terroristischen Aktes als plötzlich, als ein schreckhaftes In-Erscheinung-Treten, als eine Epiphanie des Bösen. Dieser Einstieg ist deshalb so wichtig, weil er (mich zumindest) an jenen Tag zurückerinnert, als die Terroranschläge auf die Twin Towers den alltäglichen Trott komplett aushebelten. Er setzt zwei Akzente, die im Folgenden missachtet werden: die Punktualität der Tat; die Unterbrechung der Alltagskommunikation. - Ich komme später darauf zurück.

Vorstellungsmassen

Gleich darauf folgt eine wichtige Beobachtung:
Dramatisch ist jedoch, dass die Terroranschläge in New York, Washington, Boston, Madrid, London und Paris schlagartig die Hemmschwelle für Gewalt gesenkt haben. Jetzt ist alles möglich. […] Erschreckend ist vor allem, dass die Selbstinszenierung der Gewalt ein so gigantisches Ausmaß angenommen hat.
S. 16
Streichen wir das Selbst aus der Selbstinszenierung, wird daraus ein brauchbarer Satz. Die Social Media ermöglichen eine Bilderflut, die den Riss sofort mit einem Geflecht aus Impressionen schließt. Dies allerdings ist nicht dem Terrorismus selbst anzulasten; die technische Revolution wirkt auf diesen zurück und verleiht ihm sein neuzeitliches Aussehen. "Soziales" Medium und asoziale Tat verschmelzen zu einem unheiligen Spektakel.

Faktischer Schein

Ebendies bezeichnet, als ob er dies 1967 vorausgeahnt hätte, Guy Debord als Spektakel:
Die durch das Spektakel prinzipiell geforderte Haltung ist diese passive Hinnahme, die es schon durch seine Art, unwiderlegbar zu erscheinen, durch sein Monopol des Scheins faktisch erwirkt hat.
Debord, Guy: Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin 1996, S. 17
Der faktische Schein ist ein Oxymoron, ein "scharfer Widerspruch", wie etwa auch hübschhässlich oder Einsamkeitsgesellschaft. Debord bietet uns unter einem anderen Begriff eine Theorie der postfaktischen Gesellschaft an. - Halten wir bei dieser einen Moment inne, da uns auch Grün auf eine solche Theorie verweist, freilich nicht aber auf die von Debord.

Politisches Spektakel

Schon Walter Benjamin
so schreibt Grün
wies darauf hin, dass Hitler sich und seinen Größenwahn dem deutschen Volk als Theaterspektakel verkaufte. Benjamin erkannte, dass der Faschismus die Ideologie nur benutzte, tatsächlich aber keine Ideologie war.
S. 16
Und Debord:
Die revolutionäre Ideologie, d. h. die Kohärenz des Getrennten, deren größte voluntaristische Anstrengung der Leninismus ist, hat die Verwaltung einer sie zurückweisenden Realität inne und gelangt mit dem Stalinismus wieder zu ihrer Wahrheit in der Inkohärenz. In diesem Augenblick ist die Ideologie keine Waffe mehr, sondern ein Zweck. Die nunmehr widerspruchslose Lüge wird zum Wahnsinn.
S. 90
Was Grün mit Benjamin über Hitler sagt, ist zumindest mit Debords Urteil über den Leninismus/Stalinismus gleichartig, als sich hier ein Riss zwischen dem ideologischen Spektakel und dem Voluntarismus der inszenierenden Klasse auftut.

Leere Hinterbühnen

Die Ideologie ist also nur Theater. Dahinter, wenn man die Bühne über den Ausgang der Schauspieler verlässt, trifft man auf ein ganz anderes Klientel: nicht mehr den "kommunistischen" Soldaten der Roten Armee, nicht den "nationalsozialistischen" der Wehrmacht, nicht den "islamistischen" Selbstmordattentäter und auch nicht den AfD-Pöbler; dahinter ist nur, wie Debord behauptet, die Tautologie der Inszenierung: "seine [die des Spektakels] Mittel [sind] zugleich sein Zweck" (S. 17).
Grün sieht eine ähnliche Tendenz, in der die ideologisierten Bilder vor allem die Menschen gefügig machen sollen:
Vielmehr ging es [Hitler, d. i. der Nationalsozialismus] darum, dem Volk durch eine Inszenierung von Posen, die Herrschaft oder Pflicht und Gehorsam ausdrückten, eine Identität zu geben. Menschen, die über keine wirkliche Identität verfügen, brauchen das politische Spektakel, um sich vollständig und intakt zu fühlen. Den eigentlichen Kern jeglichen Terrorismus bildet die Pose eines Herrenvolkes.
S. 16

Ein total besiegtes Volk

Ab hier trennen sich die Wege der beiden Herren auch wieder. Wo Debord in einem komplexen, scharfzüngigen Gedankengang die Einheit in der Spaltung des ideologischen Spektakels und der tautologischen Herrschaft ausführt, kehrt Grün zu seiner eigentlichen Profession zurück, der Psychoanalyse. Er schreibt:
Wenn ein solches Fundament [einer Identität durch Mitgefühl] fehlt, entsteht eine Identifikationsstruktur, die nur auf Identifikation mit Autoritäten und auf Gehorsam beruht und die Entwicklung einer wirklich eigenen Identität verhindert. […] Die Leere, die solche Menschen empfinden, macht sie mehr als andere empfänglich für die Inszenierung von Spektakeln, weil diese ihnen das Gefühl geben, mit Stärke und Macht vereint zu sein.
S. 16f.
Diese Passage hat mich nun nicht an die islamistischen Terroristen erinnert, von denen ich herzlich wenig weiß, aber an den Ausspruch von Höcke, die Deutsche hätten eine "Geistesverfassung und Gemütszustand … eines total besiegten Volkes" (in der Dresdner Rede Januar 2017). Vielleicht hat Höcke hier, wenn schon keine politische Wahrheit über die Deutschen, so doch zumindest eine psychologische über sich und seine Gefolgsleute formuliert; besiegt durch die eigene, pathologische "Identitätsstruktur".

Du Opfer!

Die Leser mögen mir verzeihen, wenn ich jetzt schneller durch das Buch hindurchgehe und nur einen weiteren, wichtigen Gedanken erwähne.
Zu den Terroristen schreibt Grün:
Solche Menschen stehen häufig nicht unter dem Druck materieller Not. Ihr Druck kommt woanders her: Sie fühlen sich als Opfer - was sie ja auch sind; sie erkennen jedoch nicht ihr inneres Opfer, sondern glauben, es in dem Fremden außerhalb ihrer selbst zu finden, um dann diesen und sich selbst zu töten.
S. 25
Wenn man sich diesen Satz genauer durchliest, wird man erkennen, dass er recht wirr geschrieben ist. Zunächst drückt er einen der grundlegenden Abwehrmechanismen der Psychoanalyse aus: die Projektion; "nicht ich bin der Böswillige, sondern du", "nicht ich habe das Opfer zu sein, sondern du". Doch Grün verkennt die wesentlich komplexere Strategie: "bevor ich zum Opfer deiner Idiotien werde, wirst du zum Opfer meiner". Mit anderen Worten ist der Terrorist nicht paranoid (dies behauptet Grün bei einer oberflächlichen Lektüre), sondern hysterisch (wenn man den Satz tiefergehend liest).

Die Privatisierung des Terrors

Fernanalyse

Was bringt uns nun dieses Buch?
Merkwürdigerweise wenig zum Thema Terror, und schon gar nichts zum Thema islamistischer Terror. Liest man es auf diesen hin und was man selbst damit zu tun hat, so hinterlässt es den ekligen Geschmack der Hilflosigkeit. Was sollte man denn auch schon tun können, wenn was weiß ich wo ein Kind unter solchen Bedingungen aufwächst, dass ihm nicht genügend Respekt und Aufmerksamkeit entgegengebracht wird? Und was hilft uns das, wenn dann tatsächlich ein Terroranschlag geschehen ist? Muss ich in einem solchen Fall an das misshandelte Kind im Terroristen denken? Nein, das muss ich nicht.
Die Psychoanalyse ist, wie Lacan dies sehr richtig formuliert hat, eine Unterstellungswissenschaft. Da für Lacan Kommunikation nur durch Unterstellung funktioniert - dem anderen wird ein Wissen unterstellt, welches man selbst nicht hat -, ist die Psychoanalyse nicht nur die Lehre von der Unterstellung selbst, sondern von den Techniken der richtigen, also hilfreichen Unterstellung.
Halten wir uns an diesem Gedanken fest, dann funktioniert Psychoanalyse nur in Interaktion, nicht über die Ferne hinweg. Denn das Wesentliche der Unterstellung ist, dass sie bei dem Menschen wirkt, dem man etwas unterstellt (was auch immer das sein mag). In der Fernanalyse ist eine solche Wirkung zwar auch gegeben, lässt aber keinen (heilsamen) Dialog zu.

Unpragmatisch

Tatsächlich bekommt man beim Lesen des Buches den Eindruck, dass mit der (vermeintlichen) Analyse des Seelenzustandes alles gesagt sei. Man habe nun die Terroristen "begriffen" und "beherrsche" sie jetzt. Aber eine solche Haltung ist nicht nur arrogant, sondern auch zynisch. Arrogant ist eine solche Haltung, weil sie jedes pragmatische Verhältnis zu dem Terroristen, vor allem aber zu seinen Opfern, ausschließt. Richtig ist natürlich, dass man vom Zustand eines Selbstmord-Attentäters sagen kann: Gesund ist das nicht! Aber klein- und wegintellektualisieren kann man dies weder mit einer psychoanalytischen noch mit einer anderswie gearteten Analyse.
Zynisch ist eine solche Haltung gegenüber den Opfern. Natürlich ist eine simple Einteilung in Täter und Opfer, wie sie von Konservativen gerne vorgenommen wird, heillos naiv; trotzdem kann bei einer akuten Bedrohung auf Befindlichkeiten eines Täters keine Rücksicht genommen werden. Als Opfer verdient er unser Mitgefühl, zweifellos, aber nicht als Täter. Auch einem Opfer muss man die Konsequenzen seiner Taten zumuten dürfen.

Unpolitisch

Jenseits der ethischen Haltung existiert eine politische Dimension, die Grün ebenfalls missachtet. Man könnte gar, in Umkehrung von Žižeks Buch, von einer ethischen Suspension des Politischen sprechen. Zum Politischen gehören vor allem die Institutionalisierungen von Aspekten des menschlichen Zusammenlebens. So ist die Schule, obwohl sie einen ganz anderen Auftrag hat, durch und durch politisch. Allerdings darf man nicht den Fehler begehen, von einer generalisierten Politisierung auszugehen, oder gar davon, dass die Schule alleine durch Herrschaftsverhältnisse in der Gesellschaft determiniert wird.
Ein anderer Aspekt dieser (durchaus heimlichen) Politisierung findet sich in der (Re-) Inszenierung imaginärer und ikonischer Topoi. Die Rechtspopulisten / Faschisten besetzen die Social Media weniger wegen ihrer Aussagen als wegen der Bilder, die sie dort leichtfertig verbreiten können. Auch wenn diese Bilder zunächst wenig aussagekräftig sind, machen sie aus Polizeifahrzeugen, Rettungskräften und meist recht undeutlichen Aufnahmen von Verhaftungen nicht-identifizierbarer Personen einen Topos; geschieht dies zusammen mit Reizwörtern, findet eine systematische Assoziation zwischen Reizwörtern und Bildern und damit eine (Re-)Emotionalisierung statt. Widersteht man dem nicht, wird auf Dauer der Ersteindruck eines ausschließlich islamistischen Terrors verstärkt und damit die Blindheit gegenüber allen möglichen anderen Facetten der Politik und des Terrors.
Diesen Aspekt missachtet Grün. Kein Mensch ist so gesund, dass seine Identität nicht irgendwann gebrochen werden könnte. Und so ist auch das Bombardement mit ständigen Gefährdungslagen und die komplette Einseitigkeit, mit der Rechtspopulisten berichten, weniger eine Warnung vor dem Islamismus, als eine schleichende Auflösung einer gefestigten Individualität. Mehr und mehr werden die Menschen, die solche Bilder konsumieren, in einen permanenten Zustand der Selbstverteidigung gedrängt. Gegen wen man sich dann zu verteidigen hat, liefern die Bilder gleich mit.

Realer und halluzinierter Islamismus

Eine längere Zwischenbemerkung sei mir gestattet. Keinesfalls möchte ich die Gefahren des Islamismus kleinreden. Es gibt diesen Terror; er hat sich nicht nur in den großen Terrororganisationen und in den Köpfen mehr oder weniger irrsinniger Einzeltäter festgesetzt, sondern dürfte insgesamt auch ein Problem in und mit der muslimischen Welt sein. Selbstverständlich ist er damit auch ein kulturelles Phänomen. Allerdings darf man hier nicht vergessen, dass ein soziales, bzw. auch politisches Problem von einzelnen Menschen sehr unterschiedlich übernommen und nicht übernommen wird. Als kulturelles Phänomen ist der Islamismus in Bezug auf Individuen zu wenig aussagekräftig.
Wenn man den Vergleich zum Nationalsozialismus zieht, so haben sich in der Nachkriegszeit sehr unterschiedliche Spielarten der Verleugnung und Verdrängung, der Erinnerung und Aufarbeitung, der Bejubelung und des Widerstands gezeigt. Als kulturelles Phänomen insistiert natürlich der islamistische Terror, sei es bei Muslimen, sei es bei Nicht-Muslimen. Aber er determiniert sie nicht, nicht notwendigerweise.
Deshalb ist ein wesentliches Problem der Rechtspopulisten, dass sie den Islamismus psychologisieren und damit gleichsam privatisieren.

Idealisierte Identität

In diese Auffassung, die die Kultur als eine Art abstrakt generalisierte Psychologie erfasst, wirkt ein moderner Topos hinein, den wir der Aufklärung verdanken: den des heroischen (Selbst-) Managements und der damit verbundenen idealisierten Identität.
Der Mensch allerdings ist wesentlich durch die Dialoge geprägt, die er führt, und durch die Arbeit, die er in seiner Umwelt verrichtet. Da kein Mensch jemals alle Dialoge geführt hat, die er führen könnte, und da kein Mensch jemals alle Arbeiten verrichtet hat, die er hätte verrichten können, ist diese Identität eine offene und pragmatische; deshalb ist die Idee einer gesunden und ganzheitlichen Identität irreführend:
Der englische Psychoanalytiker Donald Winnicott beschrieb solche Menschen als krank und unreif, da ihre Identifikation mit strafenden Autoritäten die Selbstentdeckung, also eine eigene Identität, verhindert. Es gibt keine Selbstbestimmung, sondern nur eine Vermassungstendenz, die sich gegen Individualität richtet. Es fehlt ihnen an Ganzheitlichkeit.
S. 17
Eine solche Auffassung trägt selbst eine gewisse Paranoia in sich, auch wenn diese in ein stark rationales und empathisches Gewand gekleidet ist. Die Gewalt wird pathologisiert; doch das erste Problem dieser Pathologisierung ist nicht, welches Ergebnis aus dieser Behauptung hervorgeht, sondern in welcher Art und Weise Methoden legitimiert werden.
Ähnlich den Strategien der Rechtspopulisten wird ein soziales Phänomen psychologisiert, und aus der Handlung nur ein Objekt herausdestilliert, in diesem Fall eben das Subjekt als eine objektivierte Seele. Dagegen steckt hinter der Idee, dass die Methode das Wesentliche ist, die Auffassung, dass der Mensch sich durch sein Handeln seine Umgebung erschafft, also eben auch durch die Methoden, die er anwendet. Die Frage ist dann nicht, ob das Produkt oder das Handeln ethisch legitim ist, sondern ob diese Art und Weise der Trennung von Subjekt und Objekten in der Handlung ethisch gerechtfertigt werden kann.
Aber was heißt das?

Die Zumutung von Individualität

Zunächst ist ein weiterer Hinweis nötig, ein zunächst recht grammatischer. Ganz zuletzt habe ich von einer Trennung von Subjekt und Objekten in der Handlung geschrieben, und nicht, wie dies gewisse Hegelianer traditionell tun, von einer Trennung von Subjekt und Objekt (also als Einzahl). Die Vervielfältigung der Objekte beruht auf der schlichten Überzeugung, dass die grammatische Struktur eines Satzes eine hinreichend gute, wenn auch nicht vollständige Parallelität zur Handlung besitzt. Und da wir in einem Satz oftmals mehrere Objekte finden, (re-)konstruiert eine Handlung immer auch mehrere Objekte. Backe ich einen Kuchen, so ist nicht nur der Kuchen ein Objekt, sondern auch das Mehl, die Butter, die Backform, der Ofen, die Küche, aber auch der Mensch, den ich diesen Kuchen zu schenken gedenke, und die Menschen, von denen ich glaube, dass sie ihn essen werden.
So erschafft sich der Mensch durch sein Handeln in einer vielfältigen, lebendigen und komplexen Umgebung. Und in gewisser Weise ist dabei das Ziel, einen Menschen zu erfreuen, nur ein Mittel dazu, sich auf dem Weg dorthin selbst in seiner Umwelt zu erschaffen, in einem offenen Prozess weiterer, daran anschließender Ziele.

Lokalisierte Ideologie

Aber was hat das alles mit einem Terroristen zu tun? Zunächst wenig. Denn der erste Weg, den wir zu gehen haben, ist nicht der, aus einem Terroristen wieder ein Objekt zu machen, sondern zu reflektieren, wie wir uns selbst als Subjekte und Objekte in der Welt verhalten.
Eine andere Folgerung ist die, dass ein Zusammenhang zwischen einem einzelnen Terroristen und dem Islamischen Staat oder gar sämtlichen Muslimen rigoros geleugnet werden muss. Diese Leugnung ist deshalb gerechtfertigt, weil jeder Mensch, der glaubt, ein Verhältnis zu einer Unzahl von anderen Menschen zu haben, lediglich einem Bild aufsitzt. So wenig, wie es im Deutschen eine Leitkultur gibt, so wenig gibt es in der islamischen Welt eine Leitkultur.
Gleichwohl gibt es natürlich Verbindungen. Nicht jeder Terrorist ist ein einsamer Wahnsinniger; und eine Radikalisierung findet häufig in kleinen Gruppen statt. Doch genau hier muss man sowohl den Islamisten als auch den muslimfeindlichen Faschisten die Individualität dieser Beziehungen zumuten. Kein Islamist handelt für die gesamte Gemeinschaft der Muslime, ebenso wie kein Deutschnationaler für sämtliche Deutsche handelt. Jede Ideologie und jede despotische Gesinnung ist zuallererst eines: lokal und marginal, konkret und begrenzt.

Vorstellungsmassen

Wer mich nun eines gewissen Widerspruchs schuldig findet, darf sich getrost zurücklehnen. Er stößt bei mir offene Türen auf. Denn oben habe ich gesagt, dass der radikale Islam durchaus ein kulturelles Phänomen ist, und hier wiederum scheine ich das Gegenteil zu sagen, nämlich dass er der individuellen Verantwortung unterliegt.
Die Lösung dieses Gegensatzes findet sich in den Bildern, die sozial verbreitet aber individuell konsumiert werden. Deshalb muss man natürlich in gewisser Weise Grün zustimmen, die Terroranschläge der letzten Jahre mit der sinkenden Hemmschwelle in Verbindung zu bringen.
Vergessen wird hier aber nicht ein wichtiges Bindeglied: diese Terroranschläge kommen als Bilder zu uns, und wir verhalten uns nicht zu den Terroranschlägen, sondern zu ihrer medialen Vermittlung. Und natürlich lebt der radikalisierte Islamismus von ebensolchen Bildern. Wir kennen sie: den stilisierten amerikanischen Feind, den missgestalteten und hämischen Juden, die obszöne, da blanke Haut zeigende Frau. All dies sind Vektoren, die einen sozialen Missstand auf ein präsentierbares Bild umfälschen und damit individuelle Handlungen aufdrängen.
Letzten Endes aber sind es solche Bilder, die eben jenes Bindeglied schaffen. Und auch wenn in gewissen Fällen der Schutz unschuldiger Menschen vordringlicher ist als das Verständnis für Radikale, so muss doch ein wesentliches Ziel die Destruktion all jener Vorstellungsmassen sein, die radikales oder gar terroristisches Handeln befördern.

Die Rückeroberung der Bilder

Vom politischen Standpunkt aus gilt es, sich die vielfältigen Bilderwelten zurückzuerobern. Wir müssen uns und anderen Menschen deutlich machen, dass alle Bilder, und ihre Verbreitung, von Menschen ermöglicht werden. Dies ist die oder zumindest eine der politischen Dimensionen gegen die Radikalisierung. Sigrid Weigel legt in ihrem Buch Grammatologie der Bilder einen ähnlichen Gedanken nahe:
Wo man meinte, dass die Reproduzierbarkeit von Bildern zu deren vollständiger Säkularisierung – oder Entzauberung – geführt habe, brechen aus den Nachrichtenbildern die religiöse Gewalt vergangener Bildwelten und der Kultwert von Bildern wieder hervor, die der Geschichte der Religions- und Bilderkriege entstammen.
S. 292
Dabei gilt die Verwunderung sowohl „archaisch anmutende[n] Bildpraktiken“, als auch der „Synthese von avanciertestem Mediengebrauch und religiös-fundamentalistischer Rhetorik in den Verlautbarungen der al-Qaida“. Und man könnte hier parallel zu der „an schwarze Magie erinnernde[n] Verbrennung von Flaggen und Puppen“ die brennenden Polizeiautos am Rande linksradikaler Krawalle oder die von Neonazis vor Moscheen aufgesteckten Schweineköpfe, die sich als strafende Dämonen inszenierenden islamistischen Mörder westlicher Journalisten oder die sich in ihrer väterlich-familiären Generosität einem milden und doch rachsüchtigen Gott angleichenden Rechtspopulisten (zumindest einiger Rechtspopulisten) hinzufügen.
Gäbe es also eine Strategie, die aus dieser Argumentation folgt, dann jene, mit Bildern anders und anderes darzustellen, als all die Wiederholungen immer gleicher Ausschnitte. Wir müssten den Bildern des Terrors und der Demütigung, der Folter und des Besserwissens ihren Kultcharakter nehmen. Wir müssten dem Europa eines zentralisierten Brüssels und einer wenig zu fassenden Verwaltung ein Europa der Begegnungen und Freundschaften entgegensetzen, einem Europa der Ideologien und Nationalismen ein Europa der Alltäglichkeiten und des Handwerks, einer globalisierten Bilderflut eine lokale Produktivität.

Schluss: Wider das Verstehen

Nicht Verständnis, und schon gar nicht Akzeptanz kann also die Grundlage für einen erfolgreichen Kampf gegen terroristische Ideologien sein, sondern das Bewusstsein, dass Verständnis und Akzeptanz aus der konkreten und sinnlichen Handlung entspringen. Und dass wir, wenn wir schon nicht die Terrorursachen anderswo sofort bekämpfen können, uns nicht selbst in den Terror hinein ideologisieren müssen.
So bleibt das Buch von Grün trotz vieler bedenkenswerter Aussagen ein schwaches Buch. Wer Ohren hat zu hören, der lese diese Kritik in seiner tieferen Bedeutung: denn die Schwäche eines Buches kann natürlich zu einem gründlichen Widerspruch provozieren, und so gerade zu einer Stärke werden. Es drängt den Leser, die Grenzlinien der Begriffe neu und auf jeden Fall anders als mit dieser Spielart der Psychoanalyse zu begreifen.
Richtig ist nämlich, sich aus den Verstrickungen zu befreien, die uns der Terror aufdrängt; falsch aber ist es, die Wege der Vermittlung und ihre je eigene Ideologie außer Acht zu lassen. Terror entsteht nur mit Strukturen um ihn herum, die ihn aufrecht erhalten, und die, wenn man sie isoliert, nur wenig oder gar nicht an Terrorismus erinnern. Nicht zuletzt ist Aufklärung die Darstellung sämtlicher Bildwelten in Bezug auf einen Sachverhalt, und nicht nur die ausgewählter. Und hier kann Grün nichts Nennenswertes sagen: zu abstrakt, zu unpragmatisch, zu unpolitisch ist sein Buch.
Gegen den Terrorismus zählt deshalb zu einem jener Bücher, die ich zugleich gerne und mit einem gewissen Ekel gelesen habe.
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