15.07.2017

Inkompetenzkonferenz

Nun, das ist ja auch ein äußerst hübscher Name; wo sich die Kritik nicht mehr auf eine kritische Allgemeinheit stützen kann, greift sie eben zur Satire. Die Inkompetenzkonferenz ist eine interdisziplinäre Tagung, die sich „als kritische Entgegnung auf die radikale Umwälzung“ versteht, „die sich an deutschen Universitäten seit der Bologna-Reform vollzieht.“ (Die Trauer der Universitäten)

Zum Kompetenzbegriff

Der Begriff der Kompetenz hat einen Niedergang erfahren, den man bei der Diskussion von Kompetenzen mitbeachten sollte. Kompetenz ist in seiner ursprünglichen Fassung die Fähigkeit, etwas zu tun, aber nicht dieses Tun selbst. Zeigt man, dass man eine Kompetenz besitzt, spricht man eigentlich von Performanz.
Bei der Performanz wiederum muss man zwischen der Tätigkeit selbst und dem Ergebnis unterscheiden. Und bei dem Ergebnis spielt wieder das direkte Ergebnis und das nur mittelbare Ergebnis eine wichtige Rolle. Zunächst einmal darf man festhalten, dass sich die Kompetenz nicht ständig und andauernd zeigt. Menschen, die der Rechtschreibung hervorragend fähig sind, begehen trotzdem Rechtschreibfehler. Der Unterschied zu Menschen, die der Rechtschreibung inkompetent sind, besteht darin, dass kompetente Menschen ihre Fehler einsehen und korrigieren können.
Ist die Performanz eine Tätigkeit, so ist das Ergebnis dieser Tätigkeit nicht mehr direkt damit vermittelt. So ist das wissenschaftliche Plagiat vielleicht sogar hervorragend wissenschaftlich, zeigt aber nicht mehr auf die Kompetenz oder die Performanz desjenigen, der seinen Namen darunter gesetzt hat. Derjenige, der in solcher Weise plagiiert hat, oder sich schlicht und einfach eine Dienstleistung erkauft hat, kann ganz andere Kompetenzen vorweisen, aber nicht die gewünschten. Umso zweifelhafter wird es dann, wenn von den sozialen Folgen einer solch vermeintlichen Kompetenz aus auf die Kompetenz selbst geschlossen wird. Hier ist die Fähigkeit nur noch eine mittelbare Aussage, die noch nicht einmal mehr auf die Prüfung des Produkts als unmittelbare Aussage über die Kompetenz zurückgreift.

Zur Berechtigung des Kompetenzbegriffes

Aber natürlich hat der Begriff der Kompetenz auch seine Berechtigung. Und dass er als scharfer Angriff auf den Bildungsbegriff gesehen werden muss, diskreditiert ihn noch nicht. Der Begriff der Kompetenz hatte und hat seine Konjunktur durch eine fundierte Kritik am objektiven Wissen. Insbesondere der radikale Konstruktivismus hat sich einem solchen Wissen entgegengestellt. Und hier sind natürlich die Gründe auch gravierend. So verweisen Vertreter des radikalen Konstruktivismus auf die Eigendynamik des Gehirns, und natürlich auf dessen Konstruktionsleistungen. Jede sinnliche Wahrnehmung wird auf dem Weg ins Gehirn in Nervenimpulse aufgelöst, und dass wir die Welt so prall und sinnlich wahrnehmen, ist nicht eine Leistung der Welt selbst, sondern eine Kompetenz (!) unseres Gehirns.
Da das Gehirn operativ arbeitet, gibt es kein fertiges Produkt. Vielmehr ist das Hirn an einer dynamischen Stabilität „interessiert“. Da diese dynamische Stabilität in gewisser Weise wieder von der Umwelt abhängt, verändert sich die Art und Weise dieses „Stabilseins“, und dies ist das, was Pädagogen dann als Lernen bezeichnen. Damit ist aber auch der Begriff der Anpassung ausgeschlossen. Denn hier passt sich das Gehirn eher an sich selbst als an die Umwelt an, und gelegentlich kommt es vor, dass ein Mensch mit sich selbst vollkommen zufrieden ist, aber in die ihn umgebende Gesellschaft überhaupt nicht hineinpasst. Wir kennen solche Menschen, nicht wahr?

Sekundärtugenden

In letzter Zeit habe ich mich, wenn auch nur sehr sporadisch, mit den Sekundärtugenden beschäftigt. Die Sekundärtugenden scheinen mir so etwas wie Kompetenzen zu sein. Tatsächlich ist der Streit um die Sekundärtugenden, der wohl von Jean Améry in die Öffentlichkeit eingebracht wurde, ein Streit um Sinn und Zweck öffentlicher Wirkungen. Neulich formulierte ich, dass Sekundärtugenden in sich moralisch ambivalent seien. Ihr Wert liege darin, dass sie das Erscheinen von Primärtugenden verlässlich machen. Anders gesagt: eine Gerechtigkeit, die sich nicht auf einen gewissen konsequenten Fleiß oder auf eine Ehrlichkeit stützt, bleibt unzuverlässig, sporadisch, zusammenhangslos und ist deshalb keine Gerechtigkeit, weil sie willkürlich auftritt.
Viele der Kompetenzen, Lesekompetenz, Darstellungskompetenz, Durchsetzungs-vermögen, Kritikfähigkeit, usw., sind nun gerade keine Primärtugenden. Aber für eine Tugend wie die Gerechtigkeit erscheinen sie doch als notwendig, wenn es zum Beispiel darum geht, ein gerechtes Ziel durchzusetzen, oder die Wirkungen eines solchen Zieles kritisch zu betrachten und auf den Zusammenhang zwischen der Idee der Gerechtigkeit und einer (angeblich) gerechten Tat zu reflektieren.
Sprich: der Kompetenzbegriff ist nicht falsch, wird aber zum Teil unsinnig verwendet. - Und jedenfalls sind die Einwände der Inkompetenzkonferenz sehr bedenkenswert.
Kommentar veröffentlichen