31.07.2017

Einige Anmerkungen zur Kompetenz

Kompetenz ist ein zentraler Begriff der neuen Lehrpläne, zumindest der Lehrpläne in Hamburg, Brandenburg und Berlin. Im Alltag wird er häufig alleine genutzt, vorwissenschaftlich, wie man gelegentlich sagt. In der Wissenschaft dagegen werden Theorien benutzt. Ein wichtiger Bestandteil von Theorien sind aufeinander abgestimmte Begriffe. Der Kompetenzbegriff kann also nicht für sich alleine stehen.

Stufen der Beobachtbarkeit

Jede Wissenschaft beruht auf beobachtbaren Tatsachen. In Fällen, in denen diese nicht angegeben werden, etwa bei Spekulationen, muss zumindest der Hinweis vorhanden sein, wie man etwas beobachtbar machen könnte. Selbstverständlich bedeutet Beobachtung in diesem Sinne jegliche Art von Sinnlichkeit, nicht nur die visuelle.
Der Kompetenzbegriff lässt sich nun nach Stufen der Beobachtbarkeit gliedern. Entgegen der landläufigen Meinung ist die Kompetenz nämlich nicht beobachtbar, sondern nur die Performanz. Als Performanz wird das Ausüben einer Tätigkeit verstanden; kann eine Tätigkeit regelmäßig, unabhängig vom Umfeld oder sogar unter widrigen Umständen durchgeführt werden, kann man auf eine hohe Kompetenz schließen. Die Kompetenz ist dabei nur indirekt beobachtbar.

Psychologische und neurologische Raster

Die Kompetenz beruht wiederum, so die Spekulation, auf psychologischen Eigenschaften. Die Einteilung dieser psychologischen Eigenschaften ist zum Teil historisch, zum Teil von der Disziplin bestimmt. Merkfähigkeit ist zum Beispiel eine solche Eigenschaft, oder Kreativität, Beobachtungsgenauigkeit und Abstraktionsvermögen. Abgesehen davon, dass die Begriffe für sich selbst strittig sind, gibt es auch sehr unterschiedliche Zusammenstellungen dafür, welche Eigenschaften einen Menschen „definieren“.
Durch die Neurologie und die zunehmend präziser werdende Hirnforschung hat sich unterhalb der psychologischen Eigenschaften ein zweites Raster ausgebildet: dieses orientiert sich nicht mehr an den Kompetenzen, bzw. an zuverlässigen Performanzen, sondern an den funktionellen Teilen des Gehirns. Man kann zum Beispiel das Gehirn durch die unterschiedlichen Gewebearten, zudem durch die unterschiedliche Ansteuerung während einer Handlung aufgliedern. Dadurch kommt man, bei aller Vorsicht, zu einer recht sicheren Kartierung der organischen Basis des Denkens. Zwar ist diese Kartierung seit dem 18. Jahrhundert mehrfach und umfassend überarbeitet worden, aber insgesamt kann man doch sagen, dass bei vielen psychologischen Eigenschaften zahlreiche Hirnregionen zusammenarbeiten.
Bei der weiteren Aufschlüsselung von Kompetenzen in Bezug auf daran beteiligten Hirnregionen werden die psychologischen Kategorien unterlaufen und neurologisch/biologisch unterfüttert.

Lesefähigkeit

Zur Lesefähigkeit gehört zum Beispiel das sinnentnehmende Lesen. Dies bezeichnet eine Kompetenz. Der Lehrer in der Schule überprüft die Performanz, indem er die Kinder Fragen zum Text beantworten lässt, eine Zusammenfassung schreiben lässt, eine sinnvolle Fortführung des Textes schreiben oder die Kinder zum Beispiel über ein Verhalten einer Figur im Text diskutieren lässt.
Aus einer gewissen Differenziertheit der Ergebnisse kann der Lehrer nun auf die Kompetenz schließen. Dabei muss er selbstverständlich beachten, dass nicht jede Aufgabe zu einer gleichen Performanz aufruft. Die Aufgabenstellung wirkt also direkt darauf ein, was dem Schüler zu zeigen ermöglicht wird.
Hinter der Performanz des sinnentnehmenden Lesens findet man zum Beispiel die Vorstellungsbildung. Ein Text wird dann genauer erfasst, wenn der Schüler in der Lage ist, sich dazu passende begleitende Vorstellungen zu machen.
Von der neurologischen Seite aus spielen dabei zahlreiche Komponenten eine Rolle, insbesondere viele Gedächtnisanteile. So ist jedes Objekt, welches bei der Vorstellung eine Rolle spielt, mehr oder weniger streng an ein Bild gebunden. Im Gehirn entwickeln sich Muster, die entweder starr in ein größeres Muster eingebunden, oder locker in diesem verfügbar sind. Je mehr sich jemand mit einem bestimmten Muster beschäftigt hat, umso eher wird er es in andere Vorstellungen einbauen können. Dem Vorstellungsvermögen auf der psychologischen Ebene entspricht die Flexibilität der Muster auf der neurologischen.

Langsame Wertungen

Abgesehen davon, dass die Aufteilung auf den einzelnen Ebenen eher durch Vorlieben und theoretischen Traditionen geprägt ist, lässt sich zudem die Trennung zwischen den Ebenen nur spekulativ vollziehen; so wird das ganze System unsicher. Bedenkt man auf der anderen Seite, wie abhängig eine Performanz von der Situation ist, aber auch davon, ob andere Menschen überhaupt eine Tätigkeit in ihrer Qualität zu würdigen wissen, verliert der Kompetenzbegriff seine heroische Eindeutigkeit.
Als Lehrer hat man nicht nur die Aufgabe, Kompetenzen zu diagnostizieren, sondern dem Schüler auch zu ermöglichen, diese Kompetenzen zu zeigen. Es ist kaum möglich, sämtliche Bedingungen für eine erfolgreiche Performanz und eine hinreichende Kompetenz zu kennen, geschweige denn in einer Lernsituation zu beobachten. Wer sich also an die Diagnose von Kompetenzen macht, tut gut daran, mit seinen Wertungen langsam vorzugehen.
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