05.07.2017

Sei doch kein Muselmann

Ich stelle mir vor, dass es derzeit nicht leicht ist, Türke oder Türkin zu sein. Das kommt daher:

Erdoganistan

In der Türkei wird demonstriert. Gegen Erdogan. Der Tagesspiegel berichtet davon. Die Lage scheint bedrückend.
Nach dem Putschversuch sind sogar Menschen verhaftet worden, die ihr Bankkonto bei einer nicht genehmen Bank besaßen. Oftmals ist der konkrete Schuldvorwurf nicht einzusehen. Wer aber ein Familienmitglied besitzt, welches sich in Haft befindet, fällt in bestimmten Regionen unter eine Art Sippenhaft: man wird gemieden und zurückgewiesen. Das nur in aller Kürze gesagt.
Und um noch einmal deutlich zu machen, dass ein Erdogan gerade dabei ist, die gesamte Rechtsstaatlichkeit in der Türkei auszuhebeln, sofern ihm dies noch nicht gelungen ist. Ein solcher Mensch gehört nicht nach Deutschland.
Für die Türkinnen und Türken wünsche ich mir, dass sie diesen Prozess rückgängig machen können.

Man kann auch geistig falsch parken

In Bruckhausen, einem Stadtteil von Duisburg, ist am Sonntag ein Polizeieinsatz eskaliert. Auslöser war ein falsch abgestelltes Fahrzeug.
Auf dem Video, welches ein Passant aufgenommen hat, ist zu sehen, wie ein schon eher älterer Herr mit Polizisten debattiert, und schließlich ein Gerät in ein Haus transportieren möchte. Vorher hat er den Polizisten seinen Ausweis gegeben und zu ihnen gesagt, sie könnten doch mitkommen. Offensichtlich war der Mann in Eile. Unfreundlich war er jedenfalls nicht, nur leicht genervt.
Wie dann der Polizist dazu gekommen ist, den Mann von hinten zu packen und in den Schwitzkasten zu nehmen, ist nicht ganz deutlich zu sehen. Es erscheint angesichts dessen, dass er seinen Pass bereits bei der Polizei abgegeben hat, als nicht sonderlich angemessen.
Bedenkt man nun noch, dass dies der erste Tag des Zuckerfestes war, der Betreffende wahrscheinlich Muslim und, wie sich vermuten lässt, in irgendeiner Weise mit einer Gerätschaft unterwegs, die für dieses Fest wichtig ist, wird das unfreundliche Verhalten der Polizisten komplett unverständlich. Man denke sich nur, ein deutscher Mann hätte einen Ofen für die Weihnachtsgans ins Haus transportieren wollen, dafür seinen Wagen wegen des schweren Geräts kurz im Halteverbot geparkt, und wäre deswegen zunächst aufgehalten und kontrolliert, schließlich überwältigt und verhaftet worden.

Muslimische Feste

Nein, ich bin keineswegs dafür, dass ein muslimischer Feiertag in Deutschland eingeführt wird. Ich bin nun überhaupt kein strenger Christ, und wahrscheinlich trifft die Bezeichnung Christ sogar gar nicht auf mich zu. Diese Feiertage gehören für mich einfach zu einer Tradition, die keinen anderen Sinn hat als den der Gewohnheit und gelegentlich auch des Glaubens halber das Jahr in Deutschland zu strukturieren. Meinetwegen könnte aber der eine oder andere Feiertag durchaus wegfallen, zumindest in der Schule. Da gibt es eben schon zu viele Tage, die ausfallen. Jeder Gläubige einer anderen Religion hat aber das Recht, sich an diesen Tagen, an denen für seine Religion ein hoher Feiertag ist, beim Arbeitgeber frei zu nehmen. Und da auch manche gläubigen Christen am Sonntag arbeiten, einfach, weil ihr Beruf das erfordert, sehe ich nicht das große Problem, dass durch einen fehlenden muslimischen Feiertag für die gesamte Republik den muslimischen Mitbürgern ein wesentlicher Schaden zugefügt wird.
In Berlin feiert man zum Beispiel nicht unbedingt datumsgerecht das Fest der Farben, ein hinduistisches Fest, aber nicht, weil es so viele Hindus in Berlin gäbe, sondern einfach, weil es in den letzten Jahren Berlin populär geworden ist. Ob das so richtig ist, dazu darf man dann einfach auch mal keine Meinung haben.

Kultursensibler werden

Ich mag den Rechtspopulisten ja nun nicht das Wort reden. Aber was ich mit dem Wort „kultursensibler“ anfangen soll, weiß ich auch nicht so recht. Geäußert hat dieses Wort Ercan Idik, Sprecher der SPD-Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt. Dies war eine Reaktion auf die Vorfälle in Bruckhausen.
Ist diese Aussage gerechtfertigt?
Nun, zunächst kann man von den üblichen Verdächtigen im Internet das übliche Geschrei hören: es ginge hier um eine Bevorzugung der Muslime, und damit um die übliche, also die vermeintlich übliche Zurücksetzung der „Biodeutschen“ (übrigens ein voll geiles Wort; und eine andere Charakterisierung als durch den Jugendjargon fällt mir dazu dann auch nicht mehr ein).
Tatsächlich aber ist dieses kleine Adjektiv nicht nur nicht bevorzugend, sondern eigentlich sogar benachteiligend, wenn nicht gar rassistisch. Denn es impliziert in diesem Fall, dass der betreffende türkische Mann nur dann mit einem gewissen Augenmaß behandelt hätte werden können, wenn man ihn als Türken anerkennt. Doch genau darum geht es in der Szene gar nicht. Der anfängliche Kooperationsbereitschaft hätte man, so lässt sich jedenfalls vermuten, durch eine kurze Frist und einen Verweis auf einen Bußgeldbescheid, wesentlich menschlicher begegnen können. Und da es sich um ein Delikt mit einem Auto gehandelt hat, einem geringfügigen übrigens, hätte man mit dem Aufschreiben des Nummernschildes eine direkte Konfrontation vermieden. So ist es auch, wenn ich mich nicht irre, in den meisten Teilen Deutschlands üblich.
Warum also muss man hier eine besondere Rücksicht auf die Kultur fordern, wenn einfach ein gewisses Verständnis für die menschliche Bequemlichkeit, vielleicht auch nur für die menschliche Schwäche gereicht hätte?
Nach meinem derzeitigen Eindruck stimme ich zwar mit Idik in den Punkten überein, dass das Verhalten der Polizei übertrieben, wenn nicht gar unklug oder sogar falsch gewesen ist; und in gewisser Weise müssen wir uns natürlich auch immer wieder damit auseinandersetzen, welche Sündenböcke wir uns konstruieren. Man muss schon blind und taub sein, um die rassistischen und faschistischen Tendenzen zu überhören, mit denen Menschen mit Migrationshintergrund begegnet wird. Wo aber ein allgemeiner Respekt vor der Menschlichkeit und auch den grundlegenden Rechten reicht, muss man eben nicht mit einer gesonderten Kultur argumentieren.
Genau das aber scheint Idik zu fordern: eine Sonderbehandlung, wo eine Gleichbehandlung hätte gefordert werden müssen und zu fordern genügt hätte.
Kommentar veröffentlichen