28.03.2014

Rolf Dobelli: Die Kunst des klaren Denkens

Eigentlich hatte ich gestern ein Video veröffentlichen wollen. Mitten in der Programmierung ist mein Computer kaputt gegangen. Eigentlich wollte ich gestern auch etwas zu diesem Buch schreiben, jenem Rolf Dobelli. Mein Spracherkennungsprogramm war fleißig und brav und bei mir schnurrten nur so die Ideen.
Aber ok, ich will nicht öffentlich leiden.

Logik und was Logik sonst noch ist

Wie ihr auch wisst, beschäftige ich mich seit einigen Jahren intensiv mit der Logik. Neben einem Interesse aus Studienzeiten her und meiner Arbeit als Textcoach waren es vor allem die Krimis, dann aber die "narrative Argumentation", die mich hier hatten tiefer wühlen lassen, als es gemeinhin üblich ist.
Vor etwa anderthalb Jahren hatte ich dann noch diesen Streit wegen einer Rezension. In dieser Rezension hatte ich den Autoren vorgeworfen, alle Begriffe heillos durcheinander zu werfen oder gleich ganz neue zu erfinden und auf Beispiele anzuwenden, in denen das gerade nicht funktioniert. Woraufhin sich ein Trainer bemüßigt fühlte, mir keine Ahnung von Logik zuzuschreiben. In das gleiche Horn stieß dann der selbsternannte Bestseller-Autor Adlon, der sich alleine auf die Autorität dieses dubiosen Coaches berief. Aber Adlon scheint insgesamt ein wenig wirr im Kopf zu sein. Seinen Büchern nach zu urteilen.

Nun, mein damaliges Problem mit der Logik besteht immer noch. Es ist eines, was sich wohl aus mehreren Gründen derzeit noch nicht lösen lässt. Aber es bestehen zumindest gute Annäherungen.
Viele Menschen verwechseln ja die Lehre von den Schlüssen mit der Logik. Diese ist aber nur ein Teil derselben. Und der einfachste. Viel aufregender ist die Auswahl und Gewichtung der Argumente, bzw. die gute Auswahl der Schlüsse und der Unterschied zwischen Aussageketten in kausalen und finalen Wissenschaften.

Die Kunst des klaren Denkens

Nun, jedem sollte klar sein, dass "Die Kunst des klaren Denkens" ein Marketing-Titel ist. Wenn man Dobelli ernst nimmt, und das darf man durchaus, dann ist das Problem des Denkens gerade, dass es klar ist. Wobei unklares Denken aber nicht als Heilmittel erscheint (was auch stimmt).
Dobelli entdeckt eigentlich nur noch einmal die Schwierigkeit, wenn man sich auf die Auswahl seiner Argumente einlässt. Argumente, also die Urteile, die wir dann für Schlüsse und Schlussfolgerungen verwenden, lassen sich nämlich nicht mit noch besseren Argumenten erfassen (manchmal allerdings schon). Sie gehorchen weitestgehend Automatismen, denen wir aufsitzen und aufsitzen müssen, da unser Gehirn sich die Umwelt so zurechtfiltert, dass wir irgendwie (!) überlebensfähig sind. Anders gesagt: unser Gehirn sortiert Merkmale automatisch nach Wichtigkeiten. Nur sind diese Wichtigkeiten nicht unbedingt unserer aktuellen Umwelt geschuldet. So lernfähig das Gehirn auch ist: die Evolution, sein eigenes Evoluiertsein ausschalten kann es auch nicht. Wir können aber lernen, solche Wichtigkeiten zu umgehen.

Automatismus und Wichtigkeit

Was unser Gehirn automatisch als wichtig produziert, erscheint uns klar. Es sind dann Argumente, mit denen wir umgehen und umgehen müssen.
Es gibt aber genügend Beispiele, in denen wir aus vernünftigen Gründen diese Wichtigkeit ausbremsen müssen. So etwa in der Werbung. Diese suggeriert uns bestimmte Objekte als besonders qualifiziert. Doch ob wir sie notwendig brauchen, ist eine andere Sache.
Und hier sind wir dann beim eigentlichen Problem: woher kommen die Argumente, welchen Gesetzen unterliegen sie? Dobelli bringt zum Beispiel die Erfahrung ein, dass wir Experten eher glauben als Nicht-Experten. Aber woran liegt das? Wie machen wir einen Experten zu einem Experten? Das sind ja keine Eigenschaften, die ein Mensch von sich aus, von Geburt aus besitzt (auch wenn viele Menschen gerade daran glauben).
Eines des wesentlichen Gesetze dahinter ist die Wiederholung. Experten tauchen häufiger in Talkshows auf. Man spricht häufiger über sie. Was wiederholt wird, erscheint uns wichtig.
Ein anderes Gesetz ist das Modelllernen. Experten werden häufig in einer freundlichen Atmosphäre befragt. Man hakt zwar nach, lässt aber insgesamt die Diskussion eher auf der Sachebene ablaufen und vermeidet persönliche Angriffe. Das erscheint uns attraktiv.
Über solche Mechanismen schleifen sich dann unsere erlernten Einschätzungen von Wichtigkeit ein.

Abwehrmechanismen und Krimis

Meine favorisierten Kandidaten, um solche Automatismen zusammenzufassen, sind zwei: einmal die Gestaltgesetze, die man landläufig unter dieser Bezeichnung auch im Internet findet, wenn auch in etwas reduzierter, zum Glück aber meist richtiger Form; zum anderen die Abwehrmechanismen der Psychoanalyse. Diese Abwehrmechanismen, wie sie von Sigmund Freud, Heinz Kohut, Leon Wurmser, und vielen anderen, immer wieder untersucht worden sind, besagen etwas Ähnliches wie die Denkfehler von Dobelli. Sie scheinen mir, nebenbei gesagt, auch die Gesetze zu sein, durch die man Krimis am ehesten beschreiben kann. Krimis erzählen, wenn sie gut sind, die Geschichte einer kollektiven "Heilung" (von Denkfehlern).

Beispiele und Gesetze

Folgt man dem Buch von Dobelli, so wird man viel Gutes und Wissenswertes lesen. Allerdings, und das ist mein Problem mit seinem Buch, dampft er die Beispiele nicht auf dahinterstehende Gesetze zusammen. So ließen sich einige der "Gesetze", die er aufstellt, als typische Gesetze der Wiederholung zusammenfassen. Gleich das erste Beispiel ist ein solches. Erfolgreiche Firmen und ihre "Erfolgsstrategie" werden umständlich in der Presse besprochen. Nicht gesehen wird, dass dieselbe "Erfolgsstrategie" bei anderen Firmen keineswegs zum Erfolg geführt hat. Man untersucht sie gar nicht und erzeugt so ein falsches Bild von Ursache und Wirkung.
Wenn also eine solche Firma wegen einer intensiven und flachen Kooperation zwischen den Abteilungen als erfolgreich hingestellt wird, dann denken wir sofort in dem Muster mit, weil es uns angeboren ist.
Allerdings muss deshalb das Gegenteil noch lange nicht gelten. Firmen, die eine strikt hierarchische Kooperation vertreten, sind nicht unbedingt erfolgreich.

Logisch gesehen wirken also (in diesem ersten Beispiel von Dobelli) zwei verschiedene Gesetze: einmal die Wiederholung (als Pointierung von Merkmalen, also als Extrapolation) und einmal der Automatismus von Ursache und Wirkung.

Wertung

Ist das Buch also schlecht?
Nein, die Beispiele sind schon richtig. Die Kritik Dobellis ist berechtigt. Der Schreibstil ist hervorragend, trocken, mit guten Bildern und einem manchmal hintergründigen, manchmal aber auch beißenden Spott. Also sehr empfehlenswert.
Mich stört, dass es insgesamt nicht genügend abstrahiert. Vieles, was Dobelli schreibt, ist für die Logik ein ganz alter Hut. Man kennt ihn.
Mich stören auch die vielen englischen Bezeichnungen, die er hätte gut durch die ordentlichen Begriffe der Logik hätte ersetzen können, bzw. diese hätte einführen können. So gibt es bei Kant die sogenannten Paralogismen, die zum Teil nichts anderes sagen, als das, was Dobelli gesagt hat. Paralogismen sind Denkfehler. William van Orman Quine wäre ins Spiel zu bringen. Bücher wie "Die Wurzeln der Referenz" und "Wort und Gegenstand" sind Klassiker der modernen Logik. Das hätte man durchaus vergnüglich aufbereiten können.
Fehlende Abstraktion, fehlende Anbindung an klassische Bücher, das ist also meine Kritik.
Vergnüglicher Schreibstil, sachliche Richtigkeit, das mein Lob.

Analyse statt "Pragmatismus"

Und die Bitte an meine Leser: Schlüsse sind nicht das Problem. Die Auswahl der Merkmale, ihre Gewichtung, also all das, was vor dem logischen Schluss kommt, darauf müssen wir unser Augenmerk richten.
Wenn wir uns dem zuwenden, müssen wir analytisch denken. Wer den Pragmatismus betont (der ja eigentlich nichts mit der philosophischen Strömung gleichen Namens zu tun hat), möchte Schlussfolgerungen, die zum Handeln anleiten. Dobelli zeigt, aber das sollte hinreichend bekannt sein, dass man sich dadurch in ganz heillose Situationen verstricken kann. Am Ende jedes Abschnitts gibt Dobelli Empfehlungen, was man denn zu tun hat, um den "Denkfehlern" (die keine sind, siehe oben) nicht aufzusitzen: "Pflücken Sie die Geschichten auseinander.", "Schauen Sie genauer hin.", "Wenn die Situation unklar ist, unternehmen Sie nichts, gar nichts, bis Sie die Situation besser einschätzen können." - all das sind Aufforderungen zur Analyse. Die letzte Empfehlung ist sogar direkt eine Kampfansage an das rasche Handeln.
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