30.03.2014

Nichts ist so wie Marcel Proust selbst

(1) Ich öffnete lautlos das Fenster und setzte mich an das Fußende meines Bettes; ich machte fast keine Bewegung, damit man mich unten nicht hörte. (2) Auch draußen schienen die Dinge in stummem Harren wie gebannt zu stehen, um nicht den Mondschein zu stören, der alle Einzelheiten vergrößerte und entrückte, indem er vor ihnen ihren Schatten ausbreitete, der dichter und massiver als sie selbst war und dadurch die Landschaft gleichzeitig flacher und weiter erscheinen ließ, wie einen Plan, der, vorher zusammengelegt, nun entfaltet wird. (3) Was sich rühren musste, rührte sich, so das Laub des Kastanienbaums. (4) Doch sein bis ins einzelne gehendes, alles erfassendes, bis in die letzten Nuancen und Feinheiten durchgeführtes Erschauern teilte sich den anderen Dingen nicht mit, ging nicht darin auf, sondern blieb auf sich beschränkt. (5) Aufgesetzt auf dieses Schweigen, das nichts davon absorbierte, waren auch die fernsten Geräusche, die offenbar aus den Gärten am anderen Ende der Stadt herüberkamen, mit einem solchen »Schliff« zu hören, dass sie die Wirkung des Entferntseins nur ihrem Pianissimo zu verdanken schienen, wie jene Motive »con sordino«, die vom Orchester des Conservatoire so vorzüglich ausgeführt werden, dass man sie, obwohl man beim Zuhören keinen Ton davon verliert, weit von dem Konzertsaal entfernt glaubt, und dass alle alten Abonnenten - auch die Schwestern meiner Großmutter, wenn Swann ihnen seine Plätze geschenkt hatte - lauschten, als horchten sie auf das ferne Schreiten eines anrückenden Heeres, das noch nicht um die Ecke der Rue de Trévise gekommen war.
Proust, Marcel: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit I. Frankfurt am Main 2004. S. 49 f.
Nichts von allem, was ich über Proust gelesen habe, und dazu gehören Peter Bürger, Theodor Adorno, Gilles Deleuze, Walter Benjamin, Gerard Genette, und einige andere mehr. Nichts von alledem ist so schön, wie Marcel Proust selbst. 

Und das zweitschönste ist, selbst seine Notizen zu Proust zu machen. Ihn hier und da auseinanderzunehmen, seine Sätze abzuschmecken und ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken.

Diese ganze Szene ist eingebettet ins Hören und Sehen, ins Schweigen und Unsichtbar-sein. Jenes Ich versteckt sich und dieses Verstecken durchtränkt die folgenden Sätze.

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