31.03.2014

Wie man übt, spontan gut zu schreiben

Wie übt man? werde ich häufiger gefragt. Oder ich höre: Aber gutes Schreiben kann man nicht üben.

Zwei Aufmerksamkeits-Systeme

Kann man natürlich doch. Das Geheimnis? Nun, Goleman schreibt in seinem Buch Konzentriert euch!, was die Neurophysiologie schon lange wusste. Es gibt zwei Systeme der Aufmerksamkeit. Man sollte eigentlich von zwei Feeding-Forward-Schleifen sprechen. Goleman hat nun eine etwas glücklichere, bedingt aber auch missverständliche Bezeichnung gewählt. Er nennt das eine Bottom-up-Mechanismus und das andere Top-down-Mechanismus. 
Der Bottom-up-Mechanismus ist das ältere System. Dieses hat, so ist zu vermuten, die Aufmerksamkeit gesteuert, bevor sich ein differenziertes Bewusstsein herausgebildet hat. Klar: dieses System konzentriert sich auf Reize, die rasch beantwortet werden müssen: auf Säbelzahntiger und herbeischleichende Geschlechtsverkehrrivalen.
Und ernster gesagt: es handelt sich um etwas Ähnliches wie das Unbewusste: ein dynamisches System, das wichtige Reizassoziationen nach "oben", ins Bewusstsein spült.
Der Top-Down-Mechanismus dagegen funktioniert vom Bewusstsein aus. Er kontrolliert den Bottom-up-Mechanismus auf nur bedingt gute Art und Weise. Manchmal wird er von diesem auch einfach ausgehebelt. Besonders deutlich sieht man das an Zwangserkrankungen, Ängsten und Süchten. Bei Panikattacken dringt manchmal der Angst machende Inhalt nicht mehr ins Bewusstsein, sondern überschwemmt an diesem vorbei die Wahrnehmung.

Aufmerksamkeit

In der Psychologie laboriert man mit verschiedenen Begriffen und Typen der Aufmerksamkeit. Ich beschäftige mich ja schon seit vielen Jahren mit diesem Thema und hatte dann irgendwann einmal die Nase "gestrichen" voll und mir eine halbwegs plausible Einteilung entworfen, die wie folgt aussieht:
  • reizinduzierte Vereinnahmung: dabei trifft uns ein Reiz, dem wir spontan alle Aufmerksamkeit schenken; dies ist die gundlegendste Form der Aufmerksamkeit;
  • motivorientierte Wahl: unsere Aufmerksamkeit bleibt an einem Objekt hängen, dem unser Interesse gilt;
  • Konzentration: wir beschäftigen uns längere Zeit mit einer Sache und blenden dabei andere Interessen und Impulse aus;
  • Vigilanz: wir können auch nach einer Pause mit einer ähnlich starken Aufmerksamkeit zu unserem Objekt oder unserem Motiv zurückkehren (dies dürfte in etwa auch die Aufmerksamkeit beim Flow sein);
  • Kontrollaufmerksamkeit: bei dieser Aufmerksamkeit sind wir uns unserer Gedanken, die unser Handeln begleiten, bewusst und kanalisieren sie.
Zwischen der reizinduzierten Vereinnahmung und der motivorientierten Wahl liegt in etwa der Wechsel von einen Mechanismus der Aufmerksamkeit zum anderen. Ganz präzise kann man dies aber nicht angeben, da die motivorientierte Wahl immer noch eine kurzfristige Aufmerksamkeit ist, die bei Säuglingen schon auftritt; zum Beispiel können diese schon das Gesicht vertrauter Personen fixieren und dann mit bestimmten Handlungen wie Lächeln darauf reagieren. Man kann aber noch nicht sagen, dass Säuglinge ein Bewusstsein von sich haben oder dass sie bewusst auf etwas reagieren. Der Wille entsteht in und mit der Konzentration und die motivorientierte Wahl ist daher, so könnte man sagen, noch vor dem Willen angesiedelt.

Die wilden und die disziplinierten Gedanken

Wir sehen, dass diese Einteilungen verschiedene Sachen nahe legen. So wird man kaum sagen können, man wolle jetzt gute Einfälle haben. Sie entstehen gleichsam plötzlich. Andererseits verpuffen manche guten Gedanken, weil sie, so rasch sie auftauchen, schon wieder vergehen. Und deshalb führen Schriftsteller auch Notizbücher bei sich. Man hat dies gerne dem Unbewussten zugesprochen, das uns solche Ideen produziert. Wir können etwas präziser sagen, dass es zwei Möglichkeiten gibt, das spontane Auftauchen von Gedanken verpuffen zu lassen und damit zwei Grenzen einer solchen "kreativen" Suche:
  1. Die erste Grenze besteht darin, die Kontrolle über seine Aufmerksamkeit besitzen zu wollen. Diese Kontrolle ist nur scheinbar, aber sie bewirkt, dass wir entweder die Impulse aus der Bottom-up-Aufmerksamkeit verleugnen oder sie als unwichtig missachten. Im ersten Fall haben wir in irgendeiner Art vor ihnen Angst; im zweiten können wir diese nicht weiterverwenden: wir merken sie, tun sie aber als lächerlich ab.
  2. Die zweite Grenze ist indirekter und deshalb komplizierter. Die bottom-up-Aufmerksamkeit hat viel vom Freudschen Unbewussten. Aber sie unterscheidet sich durch ihren Status: es sind keine verdrängten Ideen, die dort zu finden sind, sondern zunächst einmal eine Art Zwischengedächtnis zwischen dem Langzeitgedächtnis und dem Arbeitsgedächtnis. Es ist eine auf mögliche Aufgaben ausgeschnittene Vorauswahl von Gedächtnisinhalten. Nun müssen diese Gedächtnisinhalte gefüttert werden. Sie werden durch eine intensive Beschäftigung gefüttert und das heißt durch Übung und eine gewisse Hartnäckigkeit. Was wir unserem Gedächtnis nicht so zur Verfügung stellen, dass es daraus eine Vorauswahl treffen kann, kann nicht in unseren kreativen Prozess eingehen.
Es ist klar, worauf der erste Punkt abzielt: es sind die ewig gleichen Formeln des kreativen Schreibens, die sich einer wie auch immer missverstandenen Psychoanalyse verpflichtet fühlen. Schreibe, was deine Impulse dir eingeben, schreibe wild und ungebärdig. 
Nun ist das nicht falsch! Denn der zweite Schritt kann seine Fruchtbarkeit nur entfalten, wenn der erste Schritt gegangen wird. Aber für sich alleine bleibt der erste Schritt irgendwie doch unvollständig. Gerade dann bleibt er unvollständig, wenn man für den Leser schreiben will, wenn man also vom impulsiven Schreiben zu einem konstruktiven, planenden Schreiben übergehen will.
Nun ist auch der zweite Schritt noch kein planendes Schreiben. Aber wir können hier anmerken, wohin uns dieser Schritt führt: zu einer größeren Vertrautheit und Flexibilität mit dem Stoff, über den wir schreiben wollen. Denn indem wir recherchieren, indem wir unsere Gedanken zu einem bestimmten Stoffgebiet anreichern, werden sich unsere Impulse aus der bottom-up-Aufmerksamkeit mehr und mehr diesen Themen widmen: wir bekommen den Eindruck, dass uns der Stoff vertraut ist und wir uns selbstverständlich in ihm bewegen. 
Wir sehen also, dass der zweite Schritt sich aufteilt: in seiner Ursache kommt er vor dem ersten Schritt: es ist ein Vertraut-machen mit dem Stoff. In seiner Wirkung folgt er danach: es ist ein Veredeln des eigenen Durchdenkens.

Wandernde Gedanken

Goleman dampft dieses Spiel dann folgendermaßen ein:
Wenn die Gehirnforschung sich mit wandernden Gedanken beschäftigt, steht sie vor einem einzigartigen Widerspruch: Top-down-Absichten liefern keine fruchtbaren Bottom-up-Vorgänge. Jemanden anzuweisen, spontane Gedanken zu haben, und damit den Geist dieses Menschen auf die Wanderschaft zu schicken ist unmöglich. Wer schweifende Gedanken in freier Wildbahn einfangen will, muss sie nehmen, wo sie auftauchen. Eine bevorzugte Forschungsmethode besteht darin, das Gehirn von Menschen zu scannen und sie währenddessen in zufällig ausgewählten Augenblicken zu fragen, was gerade in ihnen vorgeht. Auf diese Weise erhält man eine chaotische Mischung geistiger Inhalte, darunter auch zahlreiche schweifende Gedanken.
Goleman, Daniel: Konzentriert euch! München 2013, S. 57 f.
Offenbar brauchen wir zwar Inhalte, die wir vorher lernen mussten, um überhaupt schweifende Gedanken zu haben. Aber ebenso brauchen wir die schweifenden Gedanken, um daran dann unser konzentriertes Arbeiten auf neuen und alten Gebieten zu erproben. Der Konzentration bleibt es beim kreativen Prozess also überlassen, diese aufzunehmen und umzuformen, so dass sie nicht roh und ungeschliffen in die Welt hinausgehen, sondern so vermittelt, dass sie wieder auf andere Menschen anregend wirken.

Relax!

Das alles ist zugegebermaßen nicht wirklich neu. Den Wert der Bildung auf solche Prozesse hat Nietzsche in seiner Abhandlung "Schopenhauer als Erzieher" bereits beschrieben, wenn auch eher als Form gepflegter und gebildeter Langeweile. Und auch die Psychoanalyse selbst hat solche Stufen schon beschrieben, wenn auch meist ein wenig dramatischer und mit ein bisschen Ödipus und anale Phase dazwischen geschmiert.
Halten wir zum Schluss einfach noch einmal die wesentlichen Schritte fest:
  1. Füttere dein Gedächtnis, indem du dich immer wieder intensiv mit Themen auseinandersetzt. Mit anderen Worten: eigne dir Bildung an (möglichst aus unterschiedlichen Bereichen).
  2. Träume in den Tag! Wandere mit den Gedanken!
  3. Nimm deine Impulse auf und wandle sie um! Schleife sie, arbeite mit ihnen, richte sie für das Publikum zu!
Anders gesagt:
  1. Für den ersten Schritt brauchen wir Lerntechniken!
  2. Für den zweiten Schritt brauchen wir Ruhe, Gelassenheit und den "Einklang" mit uns selbst. Erinnern wir uns an das "besinnende Denken".
  3. Schließlich benötigen wir Schreibtechniken, mit denen wir, wie mit einem Werkzeug, den rohen Gedanken veredeln können. Wir benötigen Erfahrung, um zu wissen, dass man aus Holz kein Kleidungsstück herstellt, wohl aber einen Werkzeuggriff, einen Stuhl oder einen Zaun. Und ebenso werden wir nicht aus jedem Gedanken einen Krimi schreiben können, aber vielleicht eine Glosse oder einen Essay.

Spontanes Schreiben

Ein Selbstverständnis mit dem Stoff, den eigenen Ideen dazu und den Werkzeugen der Vermittlung, das also macht jenes gelassene, selbstverständliche Schreiben aus. Und jene drei Schritte eben, die wir mehrmals wiederholt haben müssen, um solcher Art dann auch große Projekte wie einen Roman in Angriff zu nehmen.
Zuvor allerdings steht eben das Üben.
Kommentar veröffentlichen