03.03.2014

Das Gehirn, die gender-Theorie und die sozio-kulturelle Evolution

Jetzt habe ich mir doch ein wenig Entspannung gegönnt. Nachdem ich vor vier Tagen meine Lektüre von Thomas Metzinger das Der Ego-Tunnel unterbrechen musste, habe ich heute Abend wieder angefangen. Es ist freilich etwas „seltsam“. Aber irgendwie lese ich zurzeit einfach viel zu gerne und, wie ihr wahrscheinlich mitbekommen habt, auch wild durcheinander.
So recht komme ich auch heute nicht vom Fleck. Ich befinde mich ja bei meinem zweiten Durchgang dieses Buches, dem, bei dem ich immer frei kommentiere und meine Gedanken laufen lasse. Das sind die Kommentare, die später in meine Zettelkasten kommen und dort der weiteren Ausarbeitung harren. Mich begeistert dieses Buch weiterhin. Es ist gar nicht so, dass dieses Buch überraschende Neuheiten bietet. Aber es ist sehr angenehm geschrieben und dabei sehr dicht. Das macht fast jeden Satz überdenkenswert.
Es ist also „irgendwie“ diese perfekte Mischung aus Ferienlektüre (weil es sehr verständlich geschrieben ist) und Langzeit-Lektüre (wegen der hohen Informationsdichte).

Vorgestern hatte ich von der so sozio-kulturellen Evolution geschrieben. Dankenswerterweise kamen diesmal keine blöden Kommentare, die ich hätte löschen müssen.
Metzinger nun führt dieses Thema auch explizit als ein Forschungsgebiet der Neurophysiologie ein, zumindest eins, an dem die Neurophysiologie Anteil hat.
„Theorien verändern die soziale Praxis, und die Praxis verändert irgendwann die Gehirne selbst, die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen.“ (35)
Drei Seiten später betont er erneut:
„Wir haben auf vielen neuen Ebenen verstanden, das Bewusstsein — wie auch die Wissenschaft selbst — ein kulturell eingebettetes Phänomen ist.“ (38)

Ich hatte in der Vergangenheit immer wieder gegen diesen biologischen Determinismus der Geschlechter angeschrieben. Mein Argument war die Neuroplastizität. Da das Gehirn äußerst lernfähig ist, kann es biologische Vorgaben überformen. Damit verschwinden diese nicht aus dem biologischen Programm, erscheinen aber nicht mehr auf der Ebene des Verhaltens und Denkens. Selbst so notwendige Reflexe wie der Saugreflex werden relativ rasch vom Säugling aufgegeben und nur noch an spezifischen Gegenständen ausgeübt.
Die Neuroplastizität betrifft die Ontogenese, also die individuelle Entwicklung des menschlichen Bewusstseins im Laufe des Lebens (zugegebenermaßen ist Ontogenese ein etwas unglücklicher Begriff; allerdings wird er üblicherweise so gebraucht im Gegensatz zur Phylogenese, der die Evolution des Menschen betrifft).
Hier spielt Metzinger allerdings auf eine dritte Art der zeitlichen Veränderung an. Indem die Menschheit nach und nach eine Bewusstheit von ihrem Bewusstsein entwickelte, hat sie rückwirkend das Bewusstsein nachhaltig verändert. Dies war weder eine Leistung der biologischen Evolution. Diese hat nur die Möglichkeit dieser Entwicklung bereitgestellt, ist aber nicht die Entwicklung selbst. Noch hätte die individuelle Entwicklung eines einzelnen Menschen es zu diesem Punkt gebracht, an dem sich das Bewusstsein noch einmal in sich selbst rekonstruiert. Dazu waren, und das dürfte jedem klar sein, viele Generationen notwendig.

Für die gender-Theorie spielen solche Erkenntnisse ebenfalls eine wichtige Rolle. Man kann hier zunächst noch einmal den Unsinn zurückweisen, die gender-Theorie hätte behauptet, eine Frau könne alles werden, was sie will und zwar von heute auf morgen. Erstens hat das die gender-Theorie nie behauptet. Zumindest finde ich in meinen Büchern keine Aussage, die auch nur annähernd in diese Richtung geht. Zweitens lässt die schlichte Erfahrung solche Aussagen nicht zu.
Umso wichtiger ist es, dass auch Metzinger von der Seite der Neurophysiologie jene dritte Art der Evolution, die sozio-kulturelle, anspricht. Denn diese erklärt zugleich, warum Geschlechterstereotype so natürlich erscheinen und sich trotzdem über die Jahrhunderte so massiv verändert haben (sofern man bereit ist, das wahrzunehmen: es gibt ja immer noch Menschen, die glauben, die christliche Ehe sei aus der Urhorde als natürliche Lebensweise zu uns gekommen).

Warum wir immer noch solchen Geschlechterstereotypen als unvergänglich aufsitzen, hängt auch mit der Funktionsweise des Gehirns zusammen. Das Gehirn ist nämlich darauf angelegt, eine Bewusstseinskontinuität zu imaginieren. Dies zeigt Metzinger sehr schön in den vorhergehenden Abschnitten (bis Seite 38).
Das heißt mehrererlei. Zunächst ist diese Unterschiedlichkeit zwischen den Geschlechtern keine empirische Realität, sondern gehört mit in die Konstruktion eines kontinuierlichen Selbstbildes der Menschen. Diese Konstruktion muss nicht notwendig inhaltlich so verlaufen, aber sie muss eines sein: eine Kontinuität darstellen. Und d.h. vor allen Dingen, dass Menschen sich nicht so schnell von ihren Rollenbildern lösen können. Sie können es nicht für sich selbst und auch nicht bei anderen.
Auf der anderen Seite hindert uns aber auch nichts daran, uns die Geschlechter neu zu erfinden und uns mehr Geschlechter zu imaginieren als wir heute kennen. Es sind, ganz böse gesagt, doch sowieso nur Projektionen, die unser Gehirn ohne Zugang zur harten Realität herstellt. Phantasmatisch ist diese seltsame Mischung aus Evolutionstheorie und Christentum, die manche „Konservative“ so wütend verteidigen, genauso wie die gender-Theorie. Und das ist vielleicht die befremdlichste Erkenntnis, die von Metzinger ausgeht: weder kann sich das Rollenverständnis aus der Evolution ableiten, noch aus dem Christentum, noch aus einer wie auch immer gearteten Politik der Gleichberechtigung. Mir fiel dazu beim ersten Lesen dieses Buches der Begriff „phantasmatische Sinnlichkeit“ ein.

Diese Neuauflage von Der Ego-Tunnel enthält einige Erweiterungen. Eine dieser Erweiterungen ist für die ganze Frage der Kreativität äußerst interessant. Metzinger hat ganz zum Schluss ein Kapitel eingefügt, welches sich „Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit“ nennt und das im weitesten Sinne eine Fortführung von Kants Aufsatz Was heißt: sich im Denken orientieren? ist.
Dieses letzte Kapitel war übrigens, wenn mir diese persönliche Bemerkung noch gestattet ist, ein Kapitel, das ich wie im Fieber durchgelesen habe und das gleichzeitig bei einer ganz großen Klarheit. Man kann sich vielleicht über den Inhalt streiten (ich weiß es im übrigen gar nicht, denn ich habe es inhaltlich als ganz großartig erlebt); für mich ist diese Erfahrung, einen Gedankensturm in sich zu erleben und sich dabei trotzdem mit einer gewissen Gelassenheit wahrnehmen zu können, eine sehr glückliche. Es ist wohl das, was Csikszentmihalyi als Flow bezeichnet.
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