09.03.2014

Zur Debatte Lewitscharoff und Menschenfeindlichkeit

(Danach höre ich aber auf, ganz „zufällig“ noch ein weiteres, gutes Zitat zu finden.)
Sehen wir für einen Augenblick davon ab, dass die Rassenlehre des Nazissmus prinzipiell unbeweisbar ist, weil sie in Widerspruch steht mit der »Natur« des Menschen, und nehmen wir einmal an, diese »wissenschaftlichen« Theorien, die ja keineswegs eine Erfindung der Nazis oder auch nur eine spezifisch deutsche Erfindung waren, wären zwingend erwiesen gewesen — dass die praktisch-politischen Konsequenzen, welche die Nazis aus ihren Lehren gezogen, durchaus stichhaltig waren, ist ohnehin nicht zu leugnen —, hätte der wissenschaftliche Nachweis von der Minderwertigkeit irgendwelcher Rassen es gerechtfertigt, sie auszurotten? Aber die Antwort auf diese Frage ist noch zu leicht, weil sie sich auf das »Du sollst nicht töten« berufen kann, dass in der Tat das Grundgebot geworden ist, an dem sich das gesamte abendländische juristische wie moralische Denken seit dem Sieg des Christentums über die Antike orientiert hat. Im Sinne einer weder juristisch noch moralisch noch religiös gebundenen Denkweise — und so ungebunden, »lebendig wechselnd« war die Denkweise Lessings — müsste man die Frage so stellen:  Wäre eine solche zwingend erwiesene Lehre es überhaupt wert gewesen, ihr auch nur eine einzige Freundschaft zwischen zwei Menschen zu opfern?
Arendt, Hannah: Gedanken zu Lessing. Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten. in dies.: Menschen in finsteren Zeiten, München 2012, hier: S. 43
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