26.12.2018

Die Maslowsche Bedürfnispyramide

Motivation ist eine der wichtigsten und schillerndsten Vokabeln der Psychologie. Obwohl sie den gesamten Alltag durchzieht, wird sie selten kritisch diskutiert. Ein Fallbeispiel.

Zu den bekanntesten Modellen zur Motivation zählt die Maslowschen Bedürfnispyramide. Sie wird von Psychologen verwendet und ist auch in Organisationen, zum Beispiel bei der Mitarbeitermotivierung, sehr beliebt. Welche Vorteile bietet dieses Modell und welche Grenzen hat es?

Die Bedürfnispyramide

Die klassische Form der Bedürfnispyramide besteht aus fünf Stufen. Die einzelnen Stufen sind:
  • physiologische Bedürfnisse
  • Sicherheitsbedürfnisse
  • Bedürfnis nach Liebe/Zugehörigkeit
  • Achtungsbedürfnis
  • Bedürfnis nach Selbstverwirklichung
Diese Bedürfnisse sind (von oben nach unten) hierarchisch angeordnet. Maslow schreibt, dass zuerst die grundlegenden, das heißt die physiologischen Bedürfnisse befriedigt werden müssen, und dann nach und nach alle anderen. Die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung können erst an letzter Stelle stehen.

Die einzelnen Stufen

Maslow hat die einzelnen Stufen weiter konkretisiert.
Zu den physiologischen Bedürfnissen zählen: Atmen, Essen, Wasser, Sex, Schlaf, Homöostase (physiologisches Gleichgewicht, insbesondere Salze im Blut), Ausscheidung.
Als Sicherheitsbedürfnisse gelten die Sicherheit von Körper, Beruf (Beschäftigung), Ressourcen, Moralität, Familie, Gesundheit, Besitz.
Auf der dritten Stufe (Liebe/Zugehörigkeit)befinden sich genauer die Bedürfnisse nach Freundschaft, Familie, sexuelle Intimität.
Schließlich versteht Maslow unter den Achtungsbedürfnissen im genaueren folgendes: Selbstachtung, Zuversicht, Leistung, Respekt durch andere, Respekt für andere.
Zum Schluss stehen die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung: Moralität, Kreativität, Spontanität, Probleme lösen, fehlende Vorurteile, Akzeptieren von Fakten.
Schon hier kann man sehen, dass Maslow eine äußerst strittige Einteilung vorgenommen hat.

Defizitorientierte und unendliche Bedürfnisse

In der Bedürfnispyramide gibt es eine Grobeinteilung. Die ersten vier Stufen, mit Ausnahme der vierten Stufe, sind defizitorientiert. Die zugehörigen Motivationen orientieren sich an dem, was fehlt. Wem Schlaf fehlt, der sucht sich einen Platz zum Schlafen. Und wem Freundschaften fehlen, der sucht sich Freundschaften.
Erst auf der vierten Stufe ändert sich das. Hier gilt teilweise, was für die fünfte Stufe vollständig gilt: es sind unendliche, das heißt nicht zu befriedigende Bedürfnisse. Jedenfalls behauptet Maslow das.

Wie man die Bedürfnispyramide benutzt

Dieses Modell bietet ein gutes Raster, um sich über eigene und fremde Bedürfnisse klar zu werden. Klar werden heißt hier: sensibel werden.
Sie bietet zudem eine gute Möglichkeit Handlungen oder Handlungsfolgen einzuordnen. Hinter jeder Handlung liegt ein Motiv, hinter jedem Motiv ein Bedürfnis. Trotzdem sollte man hier unendlich vorsichtig sein. Handlung und Motiv, Motiv und Bedürfnis hängen nur lose zusammen. Es gibt keinen mathematischen, sondern "nur" einen intuitiven Schluss vom einen zum anderen.

Probleme der Bedürfnispyramide

Maslow wurde vorgeworfen, zu blauäugig, zu sehr am Guten orientiert zu sein. Es gäbe auch schlechte Bedürfnisse. Obwohl dieser Einwand zunächst als einer der triftigsten erscheint, sind Bedürfnisse, die den Motive nur zu Grunde liegen, nicht mit moralischen Maßstäben zu bewerten. Erst wenn diese Bedürfnisse rational, beziehungsweise kognitiv erfasst werden, kann man anfangen, nach moralischen Maßstäben zu fragen.
Ähnlich lässt sich auch der zweite Einwand wieder aushebeln. Maslow wurde der Vorwurf gemacht, die Hierarchie sei zu starr; oft werden höhere Bedürfnisse vor den niedrigeren befriedigt. Auch in diesem Einspruch werden Bedürfnisse und Motive, beziehungsweise Motivationen, vermischt. Erfahrungsgemäß, und dies zeigen zum Beispiel die Fallbeispiele der Psychoanalyse, hängt die Befriedigung höherer Bedürfnisse, bevor niedrigere Bedürfnisse befriedigt worden sind, stark mit Ersatzbefriedigungen oder neurotischen Objektfixierungen zusammen. Dann wird ein höheres Motiv gleichsam mit der Befriedigung eines niedrigeren Bedürfnisses (beim Neurotiker) zusammenimaginiert.
Viel ernster zu nehmen ist der Einwand, dass Maslow genau diese schlechte Durchmischung von Motiven und Bedürfnissen in seiner Bedürfnispyramide abbildet. Es ist kaum vorstellbar, dass zum Beispiel die Kreativität ohne kulturelle Veränderungen auskommt oder gar erst entsteht.

Motivationstheorien als Ausdruck von Ideologien

Beispielhaft kann man dies an einem Mythos der westlichen Kultur sehen. In Hermann Hesses Narziss und Goldmund stirbt Goldmund in dem Augenblick, als er sein schönstes, sein perfektes Kunstwerk erschafft. Indem ein nach Maslow unendliches Bedürfnis durch die Perfektion doch endlich wird, ist der Sinn des Lebens gleichsam aufgebraucht.
Nun kann man diesen romantischen topos belächeln. Doch hinter dieser rührseligen Vorstellung steckt der Gedanke, dass der Mensch sich vollständig in der Ware, die er produziert, aufhebt, und nur so das Höchste und Beste zu leisten vermag. Der Prototyp des Menschen als Ware ist, so Walter Benjamin, die Hure. Diese hat nur ihren Körper, den sie anbieten kann, und geht in ihrem Dasein gezwungenermaßen als Ware auf.
Man kann also vermuten, dass selbst psychologische Modelle nicht notwendig auf streng wissenschaftliche Tatsachen zurückgreifen, sondern kulturelle topi wiederholen, die man als patriarchal und neoliberalistisch bezeichnen muss.

Hartz IV

An einem anderen Beispiel kann man die Problematik ebenso gut durchbuchstabieren. Brauchen Arbeitslose den Respekt durch andere, zum Beispiel durch Politiker (Bedürfnis nach Achtung), bevor sie einen Beruf ausüben (Bedürfnis nach Sicherheit)? - So gesehen ist diese Frage rein rhetorisch. Denn wie sollte ein Arbeitsloser sich den Respekt von bestimmten Politikern verdienen, wenn diese nur auf ihn aufmerksam werden, wenn er arbeitslos ist?
Die Maslowschen Bedürfnispyramide ist also nicht in der Lage, die Widersprüche einer Kultur abzubilden.

Fazit

Die Maslowschen Bedürfnispyramide ist ein Klassiker. In gewisser Weise kann man sogar sagen: zurecht. Unkritisch sollte man aber dieses (und kein anderes) Modell anwenden.