20.10.2014

Lacans vier Diskurse

O. k., ich gebe es zu. Mein letzter Artikel war etwas kurz. Zu kurz, um in ein so komplexes Thema wie den Herrensignifikanten einzuführen (und vor allem: diese Bezeichnung verständlich zu machen). Ich hätte mir mehr Zeit lassen sollen. Das werde ich jetzt nachholen. Ich befürchte, dass dieser Artikel viel zu lang ist, und immer noch zu wenig sagt, um einfach verständlich zu sein. Aber fragt nach. Was jetzt noch nicht klar ist, kann ich in folgenden Artikeln ausführlicher beschreiben.
Worum ging es? Um den Herrensignifikanten und dessen Stellung im Diskurs. Den Herrensignifikanten wollte ich erklären. Die Stellung im Diskurs, so hatte ich geschrieben, wurde nicht bedacht und deshalb habe ich die Erläuterung dazu beigefügt. Das ganze ist recht knapp geschrieben. Und natürlich (ich liebe euch) kamen dann Fragen.

Die strukturale Psychoanalyse

Das Modell ist der strukturale Psychoanalyse Jacques Lacans entnommen. Lacan spielte eine entscheidende Rolle in der Bewegung, die man gemeinhin Strukturalismus nennt. Mir ist bis heute nicht sonderlich klar, ob er nun tatsächlich zu dieser Bewegung gehört oder sich nur fruchtbar mit ihr auseinandergesetzt hat. Zudem sind mir die Abgrenzungen zu anderen Schulen auch nicht sonderlich sicher.
Zum Strukturalismus werden Intellektuelle wie Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes, Michel Foucault, Louis Althusser oder eben Jacques Lacan gezählt. In den Umkreis gehören dann noch Jacques Derrida, Julia Kristeva, Gilles Deleuze, Jean-François Lyotard und einige andere mehr. Teilweise sind die Unterschiede zwischen diesen verschiedenen Denkern aber so, dass es etwas naiv erscheint, diese zu einer bestimmten Strömung zusammenzufassen.
Jedenfalls war die Psychoanalyse Lacans sehr einflussreich. Als ich mit dem Studium begann, wurde diese in den Seminaren eifrig rezipiert. Und selbstverständlich habe ich mich daran beteiligt. Ich darf an dieser Stelle gestehen, dass ich auch 20 Jahre später immer noch Aufklärungsbedarf habe und keineswegs behaupten möchte, dass ich alles verstanden hätte.

Ein Kommunikationsmodell?

Das, was ich hier vorstellen möchte, könnte man im weitesten Sinne als Modell der Kommunikation bezeichnen. Wir werden aber gleich sehen, dass diese Bezeichnung missverständlich sein könnte. Denn was Lacan hier entworfen hat, ist keineswegs psychologisch zu sehen und auch nicht triebtheoretisch, wie man dies in der Psychoanalyse vermuten könnte, sondern ließe sich am besten als Strukturen des Dialogs bezeichnen, zumindest als Elemente solcher Dialogstrukturen. Damit spielen sie natürlich für die Kommunikation eine wichtige Rolle. (Es wäre hier interessant, die vier Diskurse von Jacques Lacan mit dem Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun zu vergleichen. Das allerdings würde die Fähigkeiten meines blogs komplett überfordern.)

Die Struktur des Diskurses

Das Modell des Diskurses

Schauen wir uns zunächst die grundlegende Struktur eines Diskurses an.
Der Einfachheit halber habe ich dem Modell einen Sender und einen Empfänger hinzugefügt. Diese stehen allerdings in Gänsefüsschen, sind also nur als Hilfsmittel zum Verständnis gemeint. Tatsächlich handelt es sich beim Empfänger um einen Empfänger, den sich der Sender vorstellt, nicht um den realen Empfänger.

Die Spaltung des Sprechers und Empfängers

Wir können zunächst davon ausgehen, dass der Sender eine Aussage macht, und dass der Empfänger (so ist jedenfalls der Wunsch des Senders) diese Aussage empfängt und versteht. Insofern unterscheidet sich das Modell noch nicht von dem Kommunikationsmodell von Shannon und Weaver. Der eine spricht, und da Sprechen eine Handlung ist, ist er ein Handelnder. Nun spricht er zu dem anderen, denn sonst hätte Sprechen keinen Sinn.
Was Lacan allerdings zusätzlich einführt, ist die Spaltung des Sprechens in eine materielle und in eine ideelle Seite, in einen Signifikanten und ein Signifikat. Gesprochen wird der Signifikant, während das Signifikat verborgen bleibt. Der andere empfängt nun den Signifikant, aber nicht das Signifikat des Sprechers. Er muss sich dieses Signifikat (aufgrund seines Vorwissens) selbst produzieren.

Die Wahrheit

Hier nun findet sich eine Eigentümlichkeit des lacanschen Modells, die man für „zu hoch gegriffen“ halten könnte. Dass der Sprecher handelt und daher als Agens bezeichnet werden kann, kann man noch nachvollziehen. Auch, dass der andere schlicht als anderer bezeichnet wird, ist verständlich. Und dass der andere sich seine Vorstellung selbst machen muss, kann auch den Begriff der Produktion legitimieren.
Wie aber kommt Lacan nun dazu, die Vorstellung des Sprechers als Wahrheit zu bezeichnen? Man könnte dies als eine unerhörte Aufwertung ansehen. Tatsächlich funktioniert aber auch das Gegenteil, nämlich als eine Abwertung der Wahrheit. Sie ist nur eine Vorstellung, aber eine Vorstellung, auf die sich der Sprecher verlässt und die er als Wahrheit ansieht, um überhaupt sprechen zu können.

Zusammenfassung

Agens ist zunächst der, der spricht (wir werden dies gleich noch ein wenig verschieben müssen). Der andere empfängt das Wort. Produktion bezeichnet die Vorstellung, die sich der andere aufgrund des empfangenen Wortes macht. Die Wahrheit ist die Vorstellung, die dem Sprecher ermöglicht zu sprechen (und die, um es noch einmal zu sagen, nicht die gleiche Vorstellung ist, die die Produktion bezeichnet).

Der Relativismus der Strukturen

Unzugänglichkeit der Realität

Bisher haben wir Sender und Empfänger so behandelt, als seien dies reale Menschen, die einander Nachrichten zukommen lassen. Dies ist aber zu dinglich, zu substanzhaft gedacht. Wir müssen relativieren. Natürlich gibt es einen realen Menschen, der spricht, und ebenso einen realen Menschen, der hört. Doch die Lacansche Psychoanalyse basiert darauf, dass die Realität nicht direkt zugänglich ist. Die Menschen schaffen sich ihre „Realität“ über die symbolischen Ordnungen, und diese symbolischen Ordnungen wiederum werden vermittelt über den Dialog, also über den Austausch von Zeichen. So gesehen aber existiert der andere Mensch in dieser symbolischen Ordnung nicht als Realität, sondern nur als eine besondere Form des Symbolischen. Jeglicher Versuch, dieses Symbolische zu leugnen, würde die Möglichkeit, an einer Gemeinschaft teilzuhaben, zunichte machen. Der Mensch, so könnte man sagen, ist dazu verdammt, an einer Ordnung teilzunehmen, die nicht real ist.

Die symbolische Position

Aus diesem Grund ist der Agens nicht der reale Mensch, der spricht, sondern eine symbolische Position, von der aus eine Nachricht gesendet wird. Aus schierer Bequemlichkeit und weil es so gut funktioniert, verwechseln wir die Position des Sprechers mit dem Körper des Menschen. Doch der selbe Körper kann (denken wir zum Beispiel an Schauspieler) in einem sozialen Gefüge unterschiedliche Positionen innehaben. Oder denken wir an den erfolgreichen Mann, der in seiner Firma als Tyrann gilt, zu Hause aber ein liebevoller Vater ist.
Wenn wir uns also um die verschiedenen Formen der Diskurse kümmern, kommt es nicht darauf an, welches Wesen ein Sprecher hat, sondern, welchen Platz er in einer Kommunikation einnimmt. Die vier Positionen des Diskurses entstehen gleichzeitig und in Relation zueinander als Struktur der symbolischen Ordnung, nicht als Realität.
Ich gebe zu, dass das recht kompliziert klingt. Es wird aber gleich deutlicher, wenn wir uns konkreter um die vier verschiedenen Diskurse, die Lacan postuliert, kümmern.

Die vier Terme

Sprechen

Wann beginnt man zu sprechen, wann hört man auf?
Sicherlich: ich treffe einen Menschen und, da ich etwas von ihm will, fange ich ein Gespräch mit ihm an. Wir können also den Beginn des Gesprächs genau datieren. Doch wann beginne ich überhaupt zu sprechen? Wann fängt mein Sprechen als Sprechen-können an?
Zwar kann uns die Entwicklungspsychologie sehr viel darüber sagen, wann Kinder mit dem Sprechen beginnen, in welchen Stufen sie darin reifer und komplexer werden und wie sich dadurch ihre Teilnahme an der Gemeinschaft verändert. Doch all dies meint Lacan nicht, wenn er diese Frage stellt.
Einen Dialog kann ich nur beginnen, wenn ich vorher schon gesprochen habe. Ich brauche dieses Gesprochen-haben, um erneut sprechen zu können. Dabei ist es egal, wie ich die Sprache erlernt habe. Wichtig ist, welchen Platz ich meinem Sprechen einräume, welche Position ich mir für es imaginiere.
In dem Modell oben haben wir eine grundlegende Ordnung gefunden. Doch diese Ordnung bezeichnet noch nicht die imaginäre Position. Für diese brauchen wir eine zweite Gliederung, die wir über die erste legen und die sich zu dieser variabel verhält.
Diese zweite Gliederung besteht aus den vier Elementen: der Herrensignifikant (im Schaubild als S1 bezeichnet), dem Wissen (S2), dem Objekt oder Mehrgenuss (a) und dem Subjekt (durchgestrichenes S).

Das Schaubild

Wir sehen hier das gleiche Modell wie oben, nur um die vier Terme erweitert. Um die vier verschiedenen Diskurse abzubilden, habe ich sie farblich unterschiedlich unterlegt. Blau bezeichnet die Positionen der Terme im Herrendiskurs, orange im hysterischen Diskurs, gelb im Diskurs der Universität und grün im Diskurs der Psychoanalyse.
Bevor wir uns allerdings die Diskurse näher anschauen, müssen wir erst mal klären, was die Terme bedeuten.

Der Herrensignifikant

Der Herrensignifikant ist die Position, von der aus die machtvolle oder grauenhafte Realität in das Sprechen eindringt. Es ist der Ort, von dem aus das Sprechen neu beginnt. Dies allerdings kann sehr unterschiedlich aussehen. Es kann sich zum Beispiel als der Akt eines reinen Willens äußern, der auf alles, was vorher geschehen ist, keine Rücksicht nehmen muss. Er kann als Neuheit oder Bruch auftauchen, als Sensation oder Katastrophe.
In diesem Sinne durchbricht der Herrensignifikant das Gewebe des Sprechens und konstituiert es neu. Und in diesem Sinne ist der Herrensignifikant auch unverständlich, denn er nimmt keine Rücksicht auf das, was vorher gesprochen wurde. Er hat etwas von einer magischen oder hypnotischen Macht.
Die Kurzform des Herrensignifikanten ist die Tautologie, jenes „Ich will, weil ich es so will“. Insofern wird der Herrensignifikant vom Befehlshaber oder Tyrann gesprochen, von jemandem, an dessen überlegene Position man sich gewöhnt hat, die man anerkennt oder vor der man sich fürchtet.

Das Wissen

Im Gegensatz dazu ist das Wissen untereinander vernetzt und steht in Relation zueinander. Es gibt hier kein erstes und vorgängiges Wissen. Ohne den Herrensignifikanten wäre es ungeordnet. Beliebige Aussagen könnten nebeneinanderstehen und ebenso beliebige Handlungen.
Betrachten wir ein Gespräch, dann ist dieses nach Themen geordnet. Manchmal werden diese Themen von jemandem vorgegeben, manchmal entstehen diese und je nachdem kann man den Herrensignifikanten, dem, der dieses Feld strukturiert, an einem einzelnen Subjekt festmachen oder an einem diffusen „Subjekt“ im Hintergrund.

Das Objekt a

Dieses Objekt ist das Reale, das ich mir imaginiere. Dies ist natürlich ein Widerspruch, ein Paradox. Damit ist es, logisch gesehen, dem Herrensignifikant komplett entgegengesetzt, da dieser auf einer Tautologie beruht. Die Tautologie spricht: x = x. Das Paradox dagegen sagt: x ≠ x.
Doch wiederum ist das nicht ganz so einfach. Denn nur von außen sieht das Objekt a wie ein Paradox aus. Im Diskurs ist es gerade eine Realität, bzw. wird wie eine Realität behandelt.

Das Subjekt

Normalerweise bezeichnen wir mit dem Subjekt einen handelnden Menschen. Bei Lacan ist diese Position allerdings nicht fassbar. Weder hat ein Mensch von sich selbst noch von einem anderen Menschen ein umfassendes Bild. Deshalb ist das Kürzel für das Subjekt auch das durchgestrichene S, eine Position, von der aus das Sprechen möglich ist, die aber nicht das Sprechen ist. Nur unter bestimmten Umständen fällt das Subjekt mit dem Herrensignifikanten zusammen. In gewissem Sinne ist dieses Subjekt das, was etwas begehrt, was etwas will, und damit eine Position, der etwas fehlt. In diesem Sinne ist es ein Mangel.

Zusammenfassung

Auf den symbolischen Positionen lassen sich vier Terme nieder. Dies sind der Herrensignifikant, der das Sprechen ordnet, das Wissen, das untereinander vernetzt ist, das Objekt, das ein Stück imaginierte Realität darstellt und das Subjekt, der eine Position des Begehrens und des Mangels bezeichnet.
Das alles klingt nun wiederum recht kompliziert, noch komplizierter, als unser erstes, grundlegendes Modell schon war. Es wird jedoch deutlicher, wenn man sich die vier Diskurse ansieht.

Die vier Diskurse

Der Diskurs der Universität

Beim letzten Mal hatte ich mit dem Herrendiskurs angefangen. Tatsächlich lässt sich hier keiner der Diskurse bevorzugen und man kann ebenso gut mit einem anderen Diskurs beginnen.
Der universitäre Diskurs (gelb) spricht zu den Phänomenen, die er untersucht. Der Empfänger, so könnte man sagen, will besprochen werden, empfängt die Aussagen des Senders und begehrt erkannt zu sein.
Deshalb sieht Lacan das Wissen, also die ungeordneten Aussagen, auf der Position des Agens. Und das ist natürlich richtig: der Wissenschaftler trifft Aussagen und diese Aussagen beziehen sich nicht auf andere Menschen, sondern auf eine "Realität". Die Feinheit ist, dass Lacan diese Realität an die Position des anderen setzt, es sich aber um eine imaginierte Realität handelt.
Damit ist auch klar, warum diese Modelle nicht wirklich Modelle der Kommunikation sind, sondern eher Raster, die die Grundlage für die Ordnung eines Sprechens bieten. Man könnte deshalb auch sagen, dass der „Wissenschaftler“ sich vorstellt, dass das Objekt erkannt sein möchte, obwohl er dadurch, dass er es sich so vorstellt, als solches erst erschafft. Mit anderen Worten: der Wissenschaftler stellt das Objekt seines Unwissens her.
Auch die Position des Herrensignifikanten in der Vorstellung des Sprechers ist damit deutlich. Der Wissenschaftler nimmt eine Position ein, in der er sich ein Stück Realität vorstellt, um dieses dann zu untersuchen. Er bildet zum Beispiel Hypothesen, warum ein bestimmtes Ökosystem so funktioniert, wie es funktioniert. Und anhand dieser Hypothesen strukturiert er seine weiteren Forschungen und seine Aussagen. Die Hypothese ist also, insoweit sie strukturierend ist, ein wundervolles Beispiel für einen Herrensignifikanten.

Der Herrendiskurs

Im Herrendiskurs (blau) behauptet der Sprecher die Realität seiner Aussagen. Es ist ein Sprechen, das Tatsachen setzt, egal, wie begründet diese sind. Es legt Tatsachen fest, beendet und beginnt soziale Prozesse und strukturiert diese.
Während der Diskurs der Universität den Herrensignifikanten auf dem Platz der Wahrheit sieht, von dem aus die Aussagen im Agens strukturiert werden, sodass die Ordnung und die Aussagen im Sender zusammenfallen, steht der Herrensignifikant im Herrendiskurs auf dem Platz des Agens, strukturiert aber die Aussagen des anderen.
Im Herrendiskurs ist die imaginierte Realität das, was hergestellt werden muss. Sie ist zum Beispiel die Vorstellung des anderen, wie ein Sachverhalt verlaufen ist. Und insofern der Herrensignifikant dies zu ordnen sucht, ist hier auch der Platz für die Manipulation, die Täuschung, dem Zwang und dem Befehl zu suchen. Der Sender möchte, dass der Empfänger eine gewisse Vorstellung von der Realität hat und diese Realität, die Realität des Herren, anerkennt.
Es ist übrigens eine Feinheit, dass mit dem Wort Herr keineswegs ein bestimmtes Geschlecht gemeint ist. Gerade im Moment kann man häufiger wütende Attacken auf den Feminismus lesen, die dem Feminismus vorwerfen, genau eine solche manipulative Einstellung zur Wirklichkeit zu besitzen. Tatsächlich kann dieser Vorwurf nicht vollständig abgewiesen werden. Denn "der" Feminismus kann, wie alle Symbole, natürlich auf verschiedenen Plätzen dieses Modells gefunden werden. Dazu gehört auch, dass der Feminismus ein Herrensignifikant sein kann, der im Diskurs auf dem Platz des Agens sitzt. (Doch dies ist keineswegs die einzige Möglichkeit, sich um den Feminismus zu kümmern.)

Die imaginierte Realität

Auch hier müssen wir darauf zurückkommen, dass das, was wir hier als Vorstellung des Empfängers bezeichnen, keineswegs die „wirkliche“ Vorstellung eines „wirklichen“ Empfängers ist. Im Herrendiskurs sitzt das Objekt, der Mehrgenuss, als das, was von den Aussagen (S2) verborgen wird, sodass der Sender sich nie sicher sein kann, ob er das erreicht, was er erreichen möchte. Er kann beständig unterstellen, dass der Empfänger zwar seine Aussagen so ordnet, wie der Sender das möchte, aber heimlich ganz andere Vorstellungen im Kopf hat.
Insofern ist der Sender im schlimmsten Falle paranoid, riecht überall Verschwörungen und gleitet so nach und nach in die Position des hysterischen Diskurses. Stalin war ein solcher Mensch, ein Machtmensch, der sich darauf verlassen hat, zunächst, dass er seine Vorstellungen durchsetzen kann und diese von den anderen anerkannt werden. Doch recht früh haben sich hier Probleme ergeben. Sein System wollte nicht so, wie er es gerne gehabt hätte. In den dreißiger Jahren hat Stalin deshalb ein Kontroll- und Überwachungssystem aufgebaut, dass alle Dissidenten in Angst und Schrecken versetzt hat, dass die Konzentrationslager in Sibirien gefüllt und die unliebsamen Schriften verboten hat (bis hin zu dem völlig irrwitzigen Verbot des Dostojewskij-Buches von Bachtin).

Konflikte, zum Beispiel: Eifersucht

Zumindest aber können wir jetzt feststellen, dass eine Diskursform nicht konfliktlos beantwortet werden muss. Um hier ein persönliches Beispiel zu geben: meine Exfrau ist unglaublich eifersüchtig gewesen; sie war eifersüchtig auf jeden Freund und auf jede Freundin, eifersüchtig darauf, dass ich Bücher „einfach so“ lesen konnte, eifersüchtig auf meine „reiche“ Familie (unbesehen von der Tatsache, dass ich selbst nicht reich bin). Die Eifersucht schwankt zwischen dem hysterischen und dem Herrendiskurs hin und her. Mal unterstellt sie dem anderen, eine Wahrheit und eine Ordnung zu verbergen, über die die Eifersucht keine Macht hat, die aber die Eifersucht genießt: so, wie meine Exfrau mir ständig unterstellt hat, ich wolle sie eifersüchtig machen. Dann wiederum versucht sie, den anderen zum Sprechen zu bringen, sich auf bestimmte Aussagen festzulegen, die die Eifersucht vorgegeben hat.
Wie ihr vielleicht vermuten könnt, konnte ich weder die eine noch die andere Form des Diskurses adäquat beantworten. Ich kann mit der Eifersucht nichts anfangen. Das ist ein Gefühl, für das ich wohl vollständig "blind" bin. Aber zumindest fand ich sie „interessant“. Und ihr dürft jetzt vermuten, und zwar richtig vermuten, dass dies nicht zu mehr Verständnis geführt hat. Es ist wohl nie günstig, eine Mischung aus Dogmatismus und Hysterie mit der Idee zu beantworten, dass erforschenswert wäre, was dort genau dahintersteckt.

Der Diskurs der Hysterie

Im letzten Artikel hatte ich den hysterischen Diskurs (orange) mit der Aussage zusammengefasst: Sag, dass es wahr ist, gestehe endlich!
Nun könnte man dies leicht mit dem Herrendiskurs verwechseln. Denn zunächst hört sich das ganze so an, als würde der Hysteriker Befehle erteilen. Und rein linguistisch gesehen macht er das eventuell auch. Ein Befehl ist jedoch noch nicht die Ordnung des Diskurses. Vielmehr verlässt sich der hysterische Diskurs darauf, dass der Sender (der Hysteriker) eine Vorstellung besitzt, die für den Empfänger attraktiv ist und von der er glaubt, dass der andere danach seine Wünsche ausrichtet, seine ganze Welt. Der Hysteriker imaginiert sich zum Beispiel eine heimliche, uneingestandene Verehrung. Und der Hysteriker ist insofern außer sich, als er die Ordnung des gesamten Diskurses beim anderen sucht, nicht bei sich selbst.
Will man den Herrendiskurs und den Diskurs der Hysterie in seinen extremen Fällen unterscheiden, dann ist der Despotismus des Herrendiskurses aktiv, eine Form der Durchsetzung, die den anderen so herstellen möchte, wie sich dies der Sprecher vorstellt, während der Despotismus des hysterischen Diskurses als reaktiv empfunden wird, der den anderen zwingen möchte, sein wahrhaftes Inneres zu zeigen, um seine Ordnung zu empfangen.
Der Hysteriker jedenfalls geht davon aus, dass er selbst etwas besitzt, was der andere genießen kann, dass er einen Wert aufbewahrt, der für den anderen attraktiv ist.

Der Diskurs der Psychoanalyse

Dies ist vielleicht der seltsamste Diskurs, den Lacan präsentiert (grün). Die imaginierte Realität ist, dass der Sender spricht, wenn er spricht, während der Empfänger im Sprechen als Subjekt erscheint, und zwar als ein Subjekt, dem es fortlaufend mangelt und der deshalb ständig weiter sprechen muss. Der lacanianische Psychoanalytiker stellt sich also vor, dass sein Klient zu ihm gekommen ist, um ihn sprechen zu hören. Doch der Psychoanalytiker weiß auch, dass er nur Wissen besitzt, aber keinen Herrensignifikanten. Dieser Herrensignifikant ist das, was der psychoanalytische Diskurs erst herstellen muss. So ist die Rede, die auf der Couch des Psychoanalytikers stattfindet, ungeordnet und mangelhaft, weil der Psychoanalytiker zwar etwas weiß, aber in der falschen Ordnung und womöglich genauso ungeordnet wie die Rede seines Klienten.
Indem der Psychoanalytiker sich also verweigert, dem Klienten einen Herrensignifikanten vorzusetzen, indem er sich also dem Herrendiskurs verweigert, weswegen der Klient zu ihm gekommen ist, veranlasst er den Klienten, sich ganz den Impulsen seiner Vorstellung zu überlassen, etwas, was Freud als freie Assoziation bezeichnet hat.
Der Psychoanalytiker weiß also, dass sein Wissen die Wahrheit ist, dass er aber die Ordnung dieser Wahrheit aus der Produktion des anderen empfängt, weshalb sich der psychoanalytische Diskurs an der „mangelhaften“ Rede des Klienten anschmiegt, um genau jene innere Ordnung erscheinen zu lassen, die der Psychoanalytiker nicht besitzt und die der Klient nicht kennt.

Die Ordnung ist der Mangel

Der psychoanalytische Diskurs ist ein Diskurs, der ständig scheitert. Denn natürlich kann sich auch der lacanianische Psychoanalytiker nicht vollständig dem Sprechen verweigern. An den Rändern seines Schweigens entsteht der Glaube, dass der Psychoanalytiker die Wahrheit in sich verbirgt. Gestehe, wird hier der Klient auf die eine oder andere Weise rufen, gestehe, dass du die Wahrheit besitzt, gestehe, dass du, der Psychoanalytiker, etwas haben willst, was ich in mir verberge. Der Klient wird also den Diskurs der Psychoanalyse durch seine Hysterie beantworten und er wird seinen Herrensignifikanten mit dem Mehrgenuss verwechseln. Und er hat nicht ganz unrecht, denn, so weit ich Lacan verstanden habe, will der Psychoanalytiker, dass der Klient von sich aus spricht, von seiner Ordnung aus. Nur ist eben das, wo die Psychoanalyse hin will, die Ordnung des Symbolischen und nicht eine imaginierte Realität.

Sprechen ohne Ende

Vielleicht mag der eine oder andere, der in der lacanianische Psychoanalyse wirklich bewandert ist, mir unter die Arme greifen. Mir jedenfalls geht es jetzt, am Ende dieses Artikels, so, dass sich mir wieder tausend Fragen gestellt haben, die ich gerne beantwortet haben würde.
Ein wenig ist das auch mein Fehler, vieles auch den Umständen meines Lebens geschuldet. In den letzten zehn Jahren habe ich mich viel mit Theorien beschäftigt und beschäftigen müssen. In den seltensten Fällen allerdings gab es Berührungspunkte zu Jacques Lacan und diese waren äußerst flüchtig.
An der Universität, ich sagte es bereits, habe ich meine Auseinandersetzung mit Lacan als sehr laienhaft empfunden. Und von dort her kam der Wunsch, mich mit ihr auf jeden Fall noch einmal intensiver auseinanderzusetzen. Das dürfte mir insofern auch nicht schwer fallen, als ich doch einige der Vorlesungen und die Schriften besitze, dazu zahlreiche Sekundärliteratur.
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