05.10.2014

Dialoge schreiben, technische Anmerkungen I - Schreiben wie Stephen King V

Da mein Spracherkennungsprogramm gerade das Benutzerprofil (also mich selbst) optimiert, greife ich mal auf die gute alte Tastatur zurück.

Ich sammle und kommentiere gerade wieder zu einigen Stellen aus Stephen Kings Buch Es; wobei ich sämtliche alten Kommentare mit neuen versehe und neue Ideen und Betrachtungsweisen einfließen lasse. Statt einmal das Niveau zu ordnen, das ich erreicht habe, wuchert mein Zettelkasten weiter vor sich hin. Trotzdem: diesmal und in den nächsten Folgen geht es um den Dialog. Das kann Stephen King nämlich großartig. (Hier geht es zu den vorangegangenen Teilen: Teil I (Albtraumhafte Szenerie), Teil II (Grandioser Hauptdarsteller), Teil III (Langsame Entwicklung), Teil IV (Steigerung der Spannung).)

Lebendige Dialoge schreiben

Ich habe mir den Spaß erlaubt, über eine weite Strecke des Buches hinweg all jene Verben zu sammeln, die Dialoge qualifizieren. Ich erkläre gleich, was das bedeutet.
Eines der hartnäckigsten Probleme junger Schriftsteller ist und bleibt der Dialog. Und hier ist es leider nicht mit der wohlgemeinten Empfehlung: Schreib deine Dialoge lebendig! getan. Im Gegenteil ist diese Empfehlung wohl eher so etwas wie jenes: Benimm dich ordentlich, wenn Großmutter mit dir spricht! Es ist eine Aufforderung, sich möglichst steif zu verhalten. Bei lebendigen Dialogen ist das allerdings wohl der Todesstoß.

Techniken

Allgemeine Empfehlungen sind zu breit gefasst, um einem jungen Schriftsteller hilfreich zu sein. Rezepte dagegen sind wiederum zu spezifisch, um jedem Schriftsteller Hilfe bieten zu können. Versucht man dagegen, mehrere Möglichkeiten nebeneinander zu stellen, riecht das nach Analyse, ein Wort, auf das manche "Kreative" ja gar nicht stehen, weil man ja kreativ und damit das Gegenteil von wissenschaftlich = analytisch = unproduktiv = tot sein möchte. 
Ich probiere es trotzdem.

Redeanteile

Definitionen

Ein Dialog enthält mehrere Redeanteile. Ein Redeanteil wird jeweils durch einen Sprecherwechsel begrenzt.
Nun gibt es hier zwei Aspekte, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten müssen. Zum einen kann ein Redeanteil auch non-verbal sein, so dass man besser von einer Äußerung sprechen sollte:
»Mein Gott! Ich war vorhin bei Frau Johansen. Und du wirst nicht glauben, was die schon wieder macht.«
Peter lehnte sich amüsiert mit seinem Stuhl gegen den Kühlschrank und blickte Tina schelmisch an.
»Jetzt nimm das Ganze doch nicht auf die leichte Schulter. Sie ist die Schwester meines Chefs und du weißt, wie er mir nachstellt. Da kann ich nicht noch ständig zu seiner Schwester rennen, nur weil sie mit ihren Kunstwerken die halbe Nachbarschaft in Aufruhr bringt.«
Tina antwortet auf ein non-verbales Signal von Peter. Das ist der eine Aspekt. Der andere ist, dass sich der Autor in der Gestaltung der Erzählung den Dialog unterbrechen oder durch nicht-dialogische Komponenten anreichern kann. Das ist ja klar, aber es bedeutet eben etwas anderes als wenn man einfach nur einen abgelichteten Dialog vor sich hat:
»Bist du denn bis zu der Tür gegangen?«
Milo nickte. Doch er fühlte sich unbehaglich. Er wollte Andi nicht erzählen, was er gesehen hatte (sie waren alle tot). Er wollte sich nicht daran erinnern (komm herein, wir haben hier sehr viel Spaaaß). Und natürlich wusste er nicht mehr so genau, was er hinterher getan hat. Von einem Moment zum anderen war er durch die Büsche gestürzt, die das alte, verlassene Haus umgrenzten, und der erste klare Moment, der ihm in den Sinn kam, war die alte Frau Klemer, die ihm, während er an ihrem Garten vorbeistürmte, verwundert nachrief: »Ist irgendetwas passiert, Milo?«
Das konnte er nicht berichten, nicht Andi, der ihn sowieso für einen Feigling hielt.
Mit rauer Stimme sagte er: »Da war nichts.«
Andi blickte ihn skeptisch an.

Markierung der Redeanteile

Als Markierung verstehe ich die Aspekte im Text, die einen Dialoganteil einem Sprecher zuordnen. Das ist wichtig, weil ein Leser schnell den Überblick verliert, wer was gesprochen hat. Dies geschieht vor allem dann, wenn der Roman spannend ist.
Am gebräuchlichsten ist hier das Äußerungsverb, dem ein Subjekt zugeordnet ist:
»Ja.«, sagte Tina.
Ebenfalls häufig verwendet werden eine Tätigkeit und eine Äußerung in einem Absatz:
Minu beugte sich nach unten. »Wo bist du denn?«
Eine andere Möglichkeit, solche Markierungen zu setzen, besteht darin, die Rollen deutlich zu machen:
Willi schaute Jan halb zweifelnd, halb verärgert an.
»Ich weiß, du bist davon nicht begeistert. Und vermutlich hast du recht. Das Wochenende wird stressig. Aber es ist nun mal meine Schwester und schließlich kann sie wirklich nichts dafür, dass ihr Leben bisher so schief gelaufen ist.«
»Ich auch nicht.«
»Das bisschen Seelenpflege wirst du doch noch ertragen.«
Ganz eindeutig ist diese Stelle nicht, aber wir können doch recht sicher davon ausgehen, dass Willi Jan dazu zu überreden versucht, ein Wochenende bei Willis Schwester zu verbringen.

Qualifikation der Redeanteile

Redeanteil und Figur

Redeanteile können auf sehr unterschiedliche Art und Weise individualisiert und an den Sprecher, bzw. die Figur angepasst werden. Manche Figuren haben ihre eigene Art zu sprechen (man denke zum Beispiel an Stotter-Bill aus Stephen Kings Es), andere haben ihre typischen Themen, bzw. einen typischen Umgang mit Themen (wenn man nur eine frauenfeindliche Figur in seiner Geschichte hat, muss man dessen Redeanteile gelegentlich weniger markieren).
Sehr häufig aber wird die Qualifikation eines Redeanteils nicht innerhalb, sondern außerhalb des Redeanteils vorgenommen, gleichzeitig mit der Markierung.

Keine Angst vor dem Wort "sagen"

Stephen King hatte keine Angst, das Wörtchen "sagen" zu verwenden, ebenso wenig Thomas Mann. Gut, es sollte auch nicht zu häufig vorkommen, aber in mehr als der Hälfte aller Fälle, in denen ein Redeanteil markiert wird, steht es da.

Wiederholungen?

Wie aber vermeidet man eine Monotonie? Nun, als allererstes lässt King die Markierung weg, wenn der Sprecherwechsel klar ist.
»Dein Vater hat ihn dir geschenkt, nicht wahr?« fragte Beverly.
»Ja«, antwortete Ben. »Aber ich erinnere mich kaum noch an ihn.«
»Bist du ganz sicher, dass du das tun willst?«
»Ganz sicher.« Er lächelte ihr zu.
King, Stephen: Es, S. 889
Und dann ersetzt er natürlich die Markierung entsprechend der Funktion des Redeanteils oder der Stimmung der Figur oder einer alternativen Möglichkeit, wie zum Beispiel den Sprecher durch eine Tätigkeit innerhalb desselben Absatzes zu verdeutlichen.

Funktion des Redeanteils

Redeanteile können sich inhaltlich und/oder funktional ergänzen.
Inhaltlich ergänzen sie sich durch dasselbe Thema oder denselben Bezug. Funktional besteht eine Beziehung zwischen Redeanteilen, wenn diese aus Gewohnheit zusammengehören, so z. B. Frage und Antwort oder Vorschlag und Zustimmung/Ablehnung:
»Die Sache ist nicht einfach zu handhaben.« sagte Jasmin.
Roanne nickte grinsend. »Das wird ein Höllenritt.«

Charakterisierung

Die Qualifizierung des Redeanteils charakterisiert zugleich die Figur. Ihr könnt euch das daran deutlich machen, dass ihr einen (beliebigen) Dialog nehmt und die Äußerungsverben ersetzt. Nehmen wir den eben zitierten Dialog aus Stephen Kings Buch und wandeln ihn folgendermaßen ab:
»Dein Vater hat ihn dir geschenkt, nicht wahr?« fragte Beverly.
»Ja«, murmelte Ben. »Aber ich erinnere mich kaum noch an ihn.«
»Bist du ganz sicher, dass du das tun willst?«
»Ganz sicher.« Er lächelte ihr unsicher zu.
Fast automatisch fügt sich hier das "unsicher" zu der Stelle dazu, einfach, weil Ben jetzt murmelt (und nicht antwortet). Die Atmosphäre verschiebt sich deutlich.

Sechster Teil: Dialoge - Qualifizierung und Charakterisierung
Kommentar veröffentlichen