27.10.2014

Körperräume I — Der physikalische Raum

Probleme mit dem Raum

Fragen sind ganz wunderbar und Fragen habe ich wohl aufgeworfen, als ich, eigentlich als eine Anmerkung zu den Dialogen, von den Körperräumen und Seelenwelten geschrieben habe.

Ich habe gerade sehr viel Luft, mein Spracherkennungsprogramm funktioniert heute außerordentlich gut, und so bin ich seit letzter Woche am Schreiben. Mein Kühlschrank ist gefüllt. Und ich lese. Eigentlich war ich nur auf der Suche nach schönen Dialogen. Unter anderem habe ich mir von Susanne Gerdom: Last Days on Earth zugelegt. Ich gestehe, dass ich ein großer Freund des Shadowrun-Universums bin, das man wohl als die Geburt des modernen Steampunk bezeichnen kann. Ich gestehe ebenso, dass ich kein großer Freund der Shadowrun-Romane bin. Hier gibt es zu viele Autoren, die dann auch mal einen solchen Roman veröffentlichen wollen und denen man sichtbar die Lust an dieser Welt absprechen kann. Susanne Gerdom hat ihr Universum allerdings selbst entworfen; sie ist jedenfalls mit Leidenschaft dabei.

Karl May ist mir mal wieder in die Hände gefallen, Die Pyramide des Sonnengottes. Heute darf man ihn fast als klassischen Erzähler bezeichnen. Jedenfalls kann man viel von ihm lernen, was die schriftstellerische Klarheit angeht.
Soviel zu der Situation: Fragen von den Besuchern, zwei Romane, und natürlich die Zeit, sich damit zu beschäftigen.

Eine Aufforderung allerdings konnte ich nicht wirklich nachkommen: deine Artikel sind in letzter Zeit viel zu lang. Lange Artikel im Internet lese ich nicht. Gut, damit muss ich wohl leben. Ich habe versucht, diese Folge kurz zu fassen. Das Ergebnis war das Gegenteil. Nach diversen Kürzungen umfasst dieser Text nun das vierfache. Deshalb werde ich ihn in kleinere Häppchen einteilen. Und danach, nach der Unter-Unterserie, zur Unterserie und dann schließlich wieder zu meiner Serie selbst zurückkommen. (Das ist also der Moment, an dem ihr den Kopf schütteln dürft.)

Vorstellung und Grammatik

Vielleicht ist es das, was vielen jungen Schriftstellern die Räume so problematisch werden lässt: Es ist einfach zu selbstverständlich, dass wir, wir Menschen, Wesen des Raumes sind und dass wir viele unserer Räume fraglos benutzen. Gerade weil wir dies so fraglos tun, vergessen wir, dass das, was wir uns vorstellen, durchaus nicht das ist, was sich der Leser vorstellen kann. Wenn wir also Geschichten schreiben, dann müssen wir auch den Leser so anleiten, dass er sich den Raum exakt genug vorstellen kann, damit unsere Geschichte in diesem funktioniert. Wir müssen, das ist unsere Pflicht, und das wird auch von uns erwartet, den Leser führen.

Was aber heißt ›den Leser führen‹? Damit ist natürlich gemeint, seine Vorstellungen zu führen. Nun hat Wilhelm von Humboldt einmal die Grammatik dazu bestimmt, dass sie aus undeutlichen Vorstellungen präzise Vorstellungen macht. Es ist klar, dass ein Haufen von Wörtern, die ohne Zusammenhang aufeinander oder nebeneinander liegen, nicht so deutlich eine Vorstellung ausdrücken können, wie wohlgeordnete, grammatisch korrekte Sätze. Ein Satz wie »Peter springt in den See.« erzeugt in uns eine bestimmte Vorstellung. Und der Satz »Peter geht am See entlang.« suggeriert ein anderes Bild in uns. Grammatik, so könnte man sagen, erzeugt einen Zusammenhang zwischen den Wörtern und damit zwischen Vorstellungen.

Dasselbe Phänomen treffen wir aber auch auf der Ebene von mehreren Sätzen an. Gelegentlich spricht man hier von einer Textgrammatik. Barbara Sandig beschreibt dies unter dem Begriff der Textkohäsion (in: Textstilistik des Deutschen).
Nun ist klar, dass wir, wenn wir den Leser zu einer bestimmten Vorstellung verführen wollen, solche Mittel der Textkohäsion anwenden müssen. Die Vorstellung des Lesers darf nicht zerbrechen. Für den Autoren macht es deshalb sehr viel Sinn, dass er sich seine Räume so präzise ausdenkt, dass er den Leser gut führen kann.
Genau dies möchte ich jetzt darstellen. Es geht um die Frage, wie Räume für den Menschen strukturiert sind, und das betrifft natürlich die Tatsache, dass wir Räume nicht nur physikalisch wahrnehmen, sondern uns auch ganz selbstverständlich in solchen Räumen bewegen, weil wir etwas wollen, weil wir Absichten haben und weil wir über die Räume etwas wissen.

Der Raum als physikalischer Ort

Zunächst ist ein Raum ein physikalischer Ort. Er lässt sich in einem dreidimensionalen Koordinatensystem nachbilden. Die Gegenstände lassen sich als geometrische Körper beschreiben, auch wenn diese teilweise sehr komplex sind und von solchen einfachen Körpern wie dem Würfel und der Kugel weit entfernt sind. Menschen, die sich mit der Vektorgrafik auskennen oder sogar Grafiken im dreidimensionalen Raum entwerfen, müssen den Raum als einen physikalischen behandeln und zunächst als nichts sonst.
Auch für uns Schriftsteller ist der physikalische Raum wichtig. Wir können aneinandergrenzende Räume nicht beliebig anordnen. Wenn wir den Blick aus einem Fenster schildern, dann können wir nicht dem Leser zumuten, dass dort einmal der Sonnenaufgang und einmal der Sonnenuntergang zu sehen ist. Das würde uns der Leser übel nehmen (es sei denn, es handele sich um einen postmodernen Leser, der ein besonders raffiniertes Spiel mit der Erzähltradition vermutet).

Die Karte, die Gegenstände

Um einen solchen Raum zu entwerfen, brauchen wir eine Karte. Als Karte können wir großzügig alle Skizzen bezeichnen, die das Nebeneinander von Räumen und Gegenständen aufzeichnet. Die Weltkarte gehört also genauso dazu, wie unsere flüchtige Skizze der Küche, in der die Protagonistin morgens und abends ihre Mahlzeiten zu sich nimmt. Wir können Karten von einem Tatort anlegen, egal wie groß oder wie klein er ist, wir können (zum Beispiel bei einem Reiseroman) einen Weg skizzieren. Wir können einen Gebäudeaufriss aus dem Internet nehmen.

Räume sind wichtig, aber natürlich nicht das, was wir in einem Roman bevorzugt schildern. Wir setzen Räume zunächst leer voraus. Sie sind mit Gegenständen gefüllt und von Wänden begrenzt. Wir finden hier Betten, Fenster, Tische, Büsche, Straßen und dergleichen Dinge mehr. Wir finden kostbare Schatullen, erdrosselte Leichen und unmanierliche Tagebücher. Der Charakter eines Raumes wird durch die Gegenstände geprägt, die er enthält. Und damit verlassen wir eigentlich schon den physikalischen Raum, denn wenn ich von einem Charakter der Gegenstände und damit auch vom Charakter des Raumes spreche, dann meine ich natürlich nicht, dass der betreffende Gegenstand physikalisch einen solchen Charakter besitzt: Hier handelt es sich dann um eine Projektion, die von einem Menschen (oder, für Fantasy-Schriftsteller, auch menschenähnliche Wesen) vorgenommen wird.
Projektionen sind Erwartungshaltungen. Sie gehören in den Bereich des emotional-kollektiven Raums.

Halten wir aber zunächst fest: ein Schriftsteller muss sich über den physikalischen Raum im klaren sein.

Im der nächsten Folge betrachte ich den eigentlichen Raum unserer Figuren, den emotional-volitiven Raum, bzw. die Seelenwelt.
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