01.10.2014

»Langsame Entwicklung« des Plots — Schreiben wie Stephen King. Teil III

Hier nun die dritte Folge von „Schreiben wie Stephen King“, ein Kommentar zu Stephan Waldscheidts Artikel 4 todsichere Möglichkeiten, Ihren Roman zu verbessern: Schreiben wie Stephen King.
Heute geht es, wie in der nächsten Folge, um den Spannungsaufbau. Die langsame Entwicklung des Plots ist eine Technik, um Spannung aufzubauen. Auf der anderen Seite, und das ist der Unterschied zum Spannungsaufbau, rückt zugleich ein anderer Aspekt des Schreibens in den Blick: die Figuren und die Identifikation des Lesers mit einer Figur. Dies hatten wir im zweiten Artikel besprochen.

Das dramatische Ende

Habt ihr euch eigentlich schon einmal gefragt, warum immer das Ende besonders dramatisch ist? Wahrscheinlich nicht, weil es doch klar ist, dass am Ende eine Art Auflösung stattfindet. Das wichtigste Ereignis, das, bei dem das zentrale Problem beseitigt wird, ist zugleich auch das letzte große Ereignis.
Aber stellen wir uns einfach mal ein wenig doof und fragen diese Frage, auch wenn die Antwort so selbstverständlich erscheint. Warum also findet erst am Ende das besonders dramatische Ereignis statt?
Parallel zum Spannungsaufbau erzeugt ein Roman die Identifizierung mit einem oder mehreren Protagonisten. Eine Identifizierung braucht Zeit. Dabei werden vor allem die Szenen wichtig, in denen sich ein Protagonist möglichst dicht in seinem Verhalten an unserer Alltagswelt orientiert. Auch ein Hobbit zweifelt gelegentlich an sich selbst und auch der kühnste Serienkiller ruft bisweilen seine kranke Mutter an.
Wir brauchen die Identifizierung mit einem Protagonisten, um die Ereignisse, die er erlebt, dramatisch zu finden. Ganz klar: am Anfang ist diese Identifizierung noch nicht da. Ein dramatischer Beginn bedeutet deshalb etwas anderes als ein dramatisches Ende. Beide erfüllen unterschiedliche Funktionen in der Geschichte. Ein dramatischer Anfang setzt häufig einen Konflikt oder ein Rätsel. Ein dramatisches Ende stellt die gute Ordnung wieder her, auf eine oftmals sehr blutige, zumindest aber meist gewalttätige Art und Weise.

Wozu brauchen wir die Identifizierung?

Bedeutsamkeit

Aus dem selben Grund, wie wir den konfliktreichen Weg zum Höhepunkt brauchen. Die Geschichte vor dem Höhepunkt muss die Bedeutsamkeit dieses Kampfes deutlich machen. Ein Kampf, der nichts bedeutet, ist ein ziemlich überflüssiges Ereignis. Der Erzähler wirbt gleichsam darum, dass der Leser den Höhepunkt für wichtig erachtet und sich einen bestimmten Ausgang wünscht.

Mach deinen Helden leiden

Es gibt auch noch eine andere Empfehlung für Autoren: Make your hero suffer! - Mach deinen Helden leiden. Der Held muss unbedingt etwas wollen, und zwar etwas, was die Leser des Romans nachvollziehen können. Und er muss ernsthafte Schwierigkeiten bekommen, wenn er sein Ziel verfolgt.
So schichten sich die langsame Entwicklung des Plots, der Spannungsaufbau, die Identifizierung und das Motiv für die Geschichte selbst (also das Motiv des Helden) übereinander und werden gleichzeitig verwirklicht. Für den Autor ist das relativ praktisch, da er die anderen „Schichten“ fast automatisch mit schreibt, wenn er sich zum Beispiel nur auf den Spannungsaufbau konzentriert.

„Dem Leser gleich alles vor die Füße kippen“

Informationsvergabe

Hier seufzt der Profi. Waldscheidt wird das wahrscheinlich sehr gut kennen: von Anfang an weiß man bei einem schlechten Roman, wer der Mörder ist, man kennt die Bösewichter und ihr Vorhaben genauso wie den Plan des Helden und sieht sofort: das funktioniert. Der Bösewicht wird überwältigt. Muss man dann noch weiter lesen? Eigentlich nicht.
Langsame Entwicklung des Plots meint auch noch etwas anderes, nämlich eine gute Informationsvergabe. Dazu hatte ich bereits früher recht viel geschrieben.

Rätsel

Eine immer wieder gute Technik ist das Rätsel. Es geschieht etwas Rätselhaftes oder etwas, bei dem die wichtigste Komponente fehlt. Jemand findet eine Leiche, die Polizei stellt auch sofort einen gewaltsamen Tod fest. Aber es fehlt etwas: zunächst die Tatwaffe, dann aber auch der Mörder. In den wenigsten Fällen wird ein Krimi auch dann funktionieren, wenn zu Beginn der Mörder und die Tat bereits feststehen. Das kann auch funktionieren, aber daraus noch einen Krimi zu machen, das ist schon hohe Kunst.

Show, don't tell!

Eine andere wichtige Technik, die Informationsvergabe zu kontrollieren, ist jenes Show, don’t tell! — Zeige es, erklärt es nicht! (to tell heißt eigentlich erzählen, ist aber im Deutschen missverständlich, da natürlich in einem Roman immer erzählt wird, deshalb die abweichende Übersetzung); wenn man nämlich nur das erzählt, was für den Protagonisten sinnlich erfahrbar ist, redet man erst gar nicht über Weltverschwörungen und ähnliches. Und gleichzeitig schlagen wir damit noch ein paar andere Fliegen tot: in dem vorangegangenen Artikel habe ich diese Technik als Technik der Identifizierung des Lesers mit dem Protagonisten genannt. Das leistet sie auch. Und schließlich strukturiert sie die Perspektiven im Roman und sorgt so für eine gute Klarheit, was die Flüssigkeit des Lesens erhöht.

Blähungen

Einfach länger machen?

Oh ja, man kann einen Roman so aufblähen, dass er anfängt zu stinken. Und das kann passieren, wenn man die „Langsame Entwicklung des Plots“ zu ernst nimmt. Dann fängt man nämlich an, irgendwelche Sachen zu schreiben, die man genauso gut hätte weglassen können. Für den Roman ist das ein Todesurteil.
Insofern finde ich Waldscheidt hier auch recht unglücklich mit seinem Beispiel. Ein Mensch, der im Moor versinkt, ohne dass etwas drumherum passiert, ist auf zwei Seiten genauso langweilig wie auf fünfzehn.
Natürlich kann man aus einer Geschichte eine immer längere Geschichte machen. Aber dazu gibt es Regeln und Techniken.

Umwege

Eine ganz wichtige Technik ist der Umweg. Der Umweg ist oft aufgebaut wie eine kürzere Geschichte in der längeren und erzählt den Erfolg oder das Scheitern des Protagonisten auf der Suche nach einer Lösung für den Hauptkonflikt. Hat der Protagonist Erfolg, dann ist dies auch ein Teilerfolg für den gesamten Konflikt; scheitert er, so scheitert er auch (zunächst) in Bezug auf den großen Konflikt.

Nebenkonflikte

Eine andere wichtige Technik ist der Nebenkonflikt, der den Hauptkonflikt stört. Die Verwendung von Nebenkonflikten ist typisch für Stephen King. Bei ihm spielen die Nebenkonflikte dem Hauptkonflikt häufig in die Hände. Ganz besonders brillant wird dies in den beiden Büchern Tommyknockers und Needful things erzählt. Beide Male münden viele der Nebenkonflikte so in den Hauptkonflikt, dass sie diesen verstärken. Beide Bücher sind deshalb auch so ungewöhnlich, weil sie nur bedingt einen einzelnen Protagonisten haben. Sie sind panoramaartig angelegt.
Deshalb muss man die Technik der langsamen Entwicklung präzisieren: erweitere deinen Hauptkonflikt durch relevante Nebenkonflikte; und teile deinen Hauptkonflikt in Teilkonflikte auf.

Vierter Teil: Steigerung der Spannung
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