30.11.2014

Die drei ??? und der tanzende Teufel

Heute habe ich an eher langweiligen Sachen herum gearbeitet, zum Beispiel an der Benotung von Texten. Dazu gibt es ja äußerst verschiedene Meinungen, hier eine eigene Position zu beziehen. Das ist wohl der Vorteil und zugleich der Nachteil von der pädagogischen Literatur. Sie ist so unglaublich praktisch. Sie besteht teilweise nur aus Handlungsvorschlägen. Aber gerade dann wird es schwierig, diese Handlungsvorschläge zu diskutieren. Sie werden eben nur vorgeschlagen und nicht begründet.

Metonymie, Rätsel und die Kriegsstrategien

Mein Schreibgeschäft ist geschlossen, seit dem Frühjahr, seit ich wieder angefangen habe, in der Schule zu arbeiten. Ich kann also getrost einige meiner Geschäftsgeheimnisse ausplaudern. Wenn sie nicht sowieso schon die Runde gemacht haben. Ich habe meinen Kunden ja kein Schweigegelübde auferlegt.
In den Jahren 2006-2008 habe ich mich intensiv mit dem Kriminalroman auseinandergesetzt. Eine meiner Arbeiten, die daraus entstanden ist, war die linguistische, bzw. rhetorische Darstellung von Listen und Finten. Ein maßgeblicher Bezugspunkt waren die Strategeme von Sunzi. 

Das Zeichen

Die Metonymie beruht auf dem Zeichen, bzw. der gängigen Ansicht von Zeichen. Ein Zeichen besteht aus drei Elementen, dem Signifikant, dem Signifikat und der Relation zwischen diesen beiden. Der Signifikant ist das, was materiell wahrnehmbar ist, also zum Beispiel das geschriebene oder gesprochene Wort. Üblicherweise definiert man dann das Signifikat als die Vorstellung, die sich ein Sprachbenutzer zu einem bestimmten Wort macht, zum Beispiel bei dem Wort Hund und der Vorstellung, die der Sprecher von einem Hund hat.
Typischerweise aber muss auch die Vorstellung eines Hundes zunächst erworben werden. Wenn ich von einer Drachenfrucht spreche und noch niemand eine Drachenfrucht gesehen hat, dann kann sich auch niemand eine Vorstellung davon machen. Oder jeder macht sich eine beliebige und damit willkürlich verschiedene. Bei Hunden stellt sich auch jeder Mensch etwas anderes vor, aber doch innerhalb eines gewissen Rahmens.
Wesentlich dabei ist allerdings, dass das Zeichen nicht notwendigerweise eine Vorstellung als Signifikat besitzt. Genauso gut kann ein Signifikant auch auf ein materielles Signifikat verweisen. 

Spur und Index

Diese Möglichkeit, dass sowohl der Signifikant als auch das Signifikat materiell sind, wird mit dem Zeichentyp Indice bezeichnet. Diese wiederum gliedert sich auf in die Typen Spur, Index und Symptom. Die Spur ist ein materieller Signifikant, der auf eine in der Vergangenheit liegende „Nachbarschaft“ verweist und damit auf ein Geschehen, das aktuell nicht mehr vorliegt. Jemand ist zum Beispiel durch das Fenster in ein Haus eingebrochen, doch diesen Einbruch selbst, die Handlung als solche, sieht man nicht mehr. Zu sehen ist das zerschlagene Fenster. Das Signifikat ist materiell, aber verschwunden.
Ein Index wiederum verweist auf eine Nachbarschaft, deren Signifikat verborgen ist. So steigt über dem Wald ein dichter Rauch auf, der die Forstleute alarmiert, da ein Waldbrand zu vermuten ist. Das Feuer selbst sehen die Forstleute nicht. Doch durch den Rauch können sie darauf schließen. Diese Nachbarschaft ist aktuell, aber der Wahrnehmung entzogen. 

Metonymie

Eine Metonymie beruht auf solchen materiellen Nachbarschaften. Allerdings wird hier der Signifikant „manipuliert“. Schreibt ein Dichter zum Beispiel den Satz „Der Wind pfeift um die Dächer.“, so kann der Leser daraus schließen, dass der Wind nicht nur um die Dächer pfeift, sondern auch um das ganze Haus. Auf der Ebene des Signifikanten wird also das Haus durch das Dach ersetzt. Als Signifikat gemeint ist allerdings das ganze Haus.
Nun gibt es verschiedene Verhältnisse zwischen dem eigentlichen Signifikanten und dem dargestellten. Das Verhältnis zwischen Dach und Haus ist der eines Teils zum Ganzen. Wenn ich mir noch ein Glas genehmige, dann natürlich nicht das Glas selbst, sondern den Inhalt davon. Hier ist das Verhältnis das von Inhalt und Hülle. Und wenn ich Goethe lese, dann natürlich nicht den Menschen, sondern (einen Teil) seines Werkes; das Verhältnis ist Verursacher/Werk. 

Rätsel

Rätsel, zum Beispiel im Kriminalroman, basieren nun darauf, dass eine Metonymie entweder nicht vollständig vorliegt oder auf eine falsche Art und Weise. Bei einer unvollständigen Metonymie sieht man den Signifikant, kann aber das Signifikat nicht einsetzen. Typisch dafür sind die Spuren an einem Tatort. Man weiß, dass ein Mord begangen worden ist: die Leiche liegt sichtbar da. Aber ein Teil der Spuren lässt sich nicht sofort einer Handlung zuordnen. Der Verursacher bleibt im Dunkeln oder es gibt zum Beispiel keine Erklärung, was eine bestimmte Spur verursacht haben könnte. Mit einer solchen unvollständigen Metonymie entsteht ein Rätsel, das dann im Laufe des Kriminalromans gelöst werden muss.
Eine falsch verwendete Metonymie nutzt den metonymischen Charakter unserer Welt aus. Das häufigste Beispiel dafür, und ich werde gleich darauf ausführlicher zurückkommen, ist die „falsche Verwendung“ von Inhalt und Hülle. Man sieht die Hülle und schließt auf den Inhalt, doch der Inhalt ist ausgetauscht worden, ergänzt, vermindert, oder was auch immer. Jedenfalls ist der gewünschte Inhalt nicht mehr vorhanden oder war es noch nie. Und genau darauf, dass eine solche Metonymie im Hintergrund den Austausch des Signifikats ermöglicht, beruhen sämtliche Kriminalromane, aber auch die Kriegsstrategien des Sunzi. 

Strategeme

All dies kann nun in Bezug auf die Strategeme angewendet werden. Strategeme sind meist Bündel von Metonymien, die verrätselt worden sind. Machen wir uns das an zwei der 36 Strategeme klar.
Das am häufigsten genannte Strategem heißt „den Kaiser täuschen und das Meer überqueren“. Es beruht darauf, dass der Kaiser unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen auf ein Schiff gelockt wird, das ihn dann über das Meer entführt. Das Schiff, auf dem, laut der zitierten Anekdote, ein Siegesfest stattfinden sollte, wurde heimlich von den Feinden platziert. Indem der Kaiser nun an dieser Siegesfeier teilnimmt, liefert er sich der Falle aus. Es ist klar, wie diese Verrätselung bewerkstelligt wird. Der Kaiser glaubt, dass die Einladung tatsächlich auf eine Siegesfeier hinweist. Im Hintergrund aber ist diese Siegesfeier längst ersetzt worden. Man lockt also jemanden unter der Vortäuschung falscher Tatsachen in eine für ihn missliche Situation.
Auch das Strategem „mit dem Messer eines anderen töten“ ist rasch erklärt. Typischerweise gehört dieses Messer (oder was auch immer der Schriftsteller dann verwendet) einer bestimmten Person. Doch gerade diese Personen benutzt das Messer nicht, um ein Verbrechen zu begehen. Jemand anderes hat sich heimlich dessen bemächtigt und führt nun eine verräterische oder unerlaubte Aktion aus. Das Messer ist der Signifikant und der Besitzer das Signifikat. Doch natürlich ist das Signifikat austauschbar.
Auf diese Weise lassen sich sämtliche Kriegsstrategeme erklären. Und sie lassen sich alle darüber vereinfachen, dass man sie auf unvollständige oder falsche Metonymien, also auf Rätsel, zurückführt. 

Die drei ??? und der tanzende Teufel

Interessant wird die ganze Sache mit den Metonymien dann, wenn man diese dazu benutzt, einen Plot zu konstruieren, also zum Beispiel einen Kriminalroman. Dass meine Wahl hier auf einen Kinderkrimi fällt, ist dem Umstand geschuldet, dass diese auf der Ebene der Darstellung recht schnörkellos vorgehen. Damit ist es einfach, eine Reihe von Einsatzmöglichkeiten aufzuzeigen. Was die Komplexität dieser Krimis angeht, so sind sie den Erwachsenenkrimis nicht unterlegen. Im Gegenteil kann man gerade die alten Folgen der Serie der drei ??? als besonders raffiniert bezeichnen. Große Kriminalromane wie Mord im Orientexpress von Agatha Christie, Die Stimme der Violine von Andrea Camilleri oder Brixton Hill von Zoe Beck sind von gleicher Komplexität, zumindest, was den Plot betrifft. Sie sind natürlich psychologisch komplexer. Doch das ist eine Sache, die uns hier nicht interessieren muss. 

Der Inhalt

Das Buch vom tanzenden Teufel erzählt einen Diebstahl, der zu einigen Verwicklungen führt. Der tanzende Teufel selbst ist eine Figur aus dem zwölften Jahrhundert, die einen mongolischen Schamanen darstellt. Sie ist aus Bronze und klein genug, um in einen kleinen Koffer zu passen. Passend zu diesem Figürchen gibt es ein lebensgroßes Kostüm derselben Machart.
Die Figur gehört einem amerikanischen Kunstsammler. Da sie aber eigentlich eine Kriegsbeute darstellt, soll sie der chinesischen Regierung übergeben werden. Diese Übergabe wird von dem Kunstsammler umstandslos akzeptiert. Nicht einverstanden damit ist allerdings der Sohn des Kunstsammler. Er beschließt, die echte Figur durch eine falsche auszutauschen und beauftragt einen Kunstfälscher mit der Anfertigung eines Duplikats.
Auf dem Weg zum Übergabeort verunglückt der Fälscher mit seinem Auto und verliert den schwarzen Koffer mit der Kopie. Da er vermutet, dass jemand aus der Nähe des Unfallortes sich des Koffers bemächtigt hat, beginnt er sämtliche Koffer ähnlichen Aussehens zu stehlen. In diesem Moment beginnt der Roman. Die drei jungen Detektive werden damit beauftragt, den Diebstahl einer Puppe aufzuklären, die sich in einem schwarzen Koffer befunden hat. Beauftragt werden sie von der sechsjährigen Besitzerin der Puppe. 

Die Vorgeschichte

Gerade Krimis brauchen eine solche Vorgeschichte. Denn jeder Krimi beginnt in dem Moment, in dem die Vorgeschichte als Spur ein Verbrechen hinterlässt, einen Diebstahl, einen Mord, oder was auch immer. So ist die erste Metonymie notwendig an das Genre gebunden.
In diesem Fall ist die Spur etwas komplizierter. Der Dieb stiehlt etwas, was er gar nicht stehlen will, nämlich Koffer mit dem falschen Inhalt. Er sucht allerdings einen Koffer mit dem richtigen Inhalt, nämlich der von ihm angefertigten Kopie. Wir werden sehen, dass der Weg von dem Diebstahl des Koffers bis zu der Rekonstruktion des eigentlichen Tathergang ein recht weiter ist, der auf diese Art und Weise selten bei Krimis zu finden ist.
Für uns ist zunächst interessant, dass das Verbrechen auf ein Rätsel hinweist. Es gibt einen Signifikanten, aber noch kein Signifikat. 

Koffer und Kopie

Aus meiner kurzen Nacherzählung der Geschichte lassen sich zwei wichtige Metonymien herausfiltern, die den ganzen Krimi strukturieren. Die erste Metonymie ist die von Original und Fälschung. Hier wird die äußere Gestalt als Signifikant genommen, während das Alter als Signifikat dient. Diese Metonymie ist deshalb besonders "trickreich", weil sich der Autor darauf berufen kann, dass der Unterschied nur durch einen Spezialisten erkannt wird. Es reicht also nicht aus, wenn ein unbedarfter Mensch diese Figur sieht, um die Täuschung aufzulösen. Insofern ist der Autor legitimiert, relativ offen mit der Verwechslung zu spielen.
Die zweite Metonymie ist üblicher für Krimis: der schwarze Koffer ist der Signifikant für einen unbekannten Inhalt, das Signifikat.
Für den Plot selbst ist weiterhin wichtig, dass der Koffer die Kopie der Figur enthält, also nicht, wie die drei ??? zuerst annehmen, das Original.

Der erste Diebstahl

Bevor allerdings all diese komplexen Verwicklungen enthüllt werden, muss die Geschichte mit einem ersten Rätsel beginnen. Ein sechsjähriges Mädchen beauftragt die drei Detektive mit der Suche nach ihrer Puppe. Diese habe sich in einem schwarzen Koffer befunden, den ihr Vater ihr als Bett für die Puppe gebaut habe. (Man merkt an diesem Beispiel schon, dass der Krimi gelegentlich nicht sonderlich auf die Logik achtet. Denn der Dieb sucht ja nicht den Koffer, sondern den Inhalt. Nun war aber der Koffer wohl geöffnet, als er gestohlen wurde, die Puppe also sichtbar. Sie hätte damit für den Dieb nutzlos sein müssen.)
Von der Mutter des Mädchens erfahren die drei Jungen, dass die Polizei in den letzten zwei Tagen mehrere solcher Diebstähle angezeigt bekommen habe. Es seien aber ganz unterschiedliche Dinge gestohlen worden, eine Puppe, eine Bohrmaschine, ein Mikroskop, usw. Nichts weist auf eine Gemeinsamkeit hin.

Die signifikante Serie

Es ist aber klar, dass es auch keine Gemeinsamkeit geben kann. Der Dieb sucht zwar das Signifikat, hält sich aber an den Signifikanten, also den Koffer. Erst hinterher stellt er fest, dass auch dieser Koffer der falsche ist und stiehlt deshalb weiter.
Es gibt immer wieder solche Serien in Krimis. In dem Film Jack Reacher bringt ein Scharfschütze mehrere Personen direkt hintereinander um. Die Polizei steht vor einem Rätsel, denn die Personen haben nichts miteinander gemein. Erst hinterher stellt sich heraus, dass der Scharfschütze nur eine Person umbringen wollte. Um sein Motiv zu verbergen, hat er gleichzeitig einige andere Personen erschossen. Sein gemeintes Ziel wird dadurch in der Serie aus Todesfällen verborgen. 
Joan Rowling nutzt diese Technik ebenfalls. In Der Gefangene von Askaban gleicht die Tiergestalt des Zauberers Sirius Black dem Todesomen des schwarzen Hundes. Sirius Black wird durch eine Verwechslung als böser Zauberer dargestellt. Zusammen mit der Ähnlichkeit mit dem Todesomen und einigen anderen Verwechslungen gelingt es Rowling bis fast zum Schluss die Täuschung vor dem Leser aufrecht zu erhalten. Sie versteckt das Gute zwischen bösen und schlechten Zeichen. Sie kann sie aufgrund der Ähnlichkeit der Signifikanten verstecken.

Die undeutliche Gestalt

Gleich am Ende des ersten Kapitels wird ein weiterer Koffer gestohlen. Dies passiert vor den Augen der drei ???.
Dieses kurze Ereignis ist auf doppelte Weise bedeutsam. Der gestohlene Koffer gehört dem Vater von Peter, einem der drei Junior-Detektive. Dadurch wird der Fall zu einer persönlichen Angelegenheit. Persönliche Betroffenheit ist immer ein wichtiger Aspekt, um eine Geschichte spannend und plausibel zu machen.
Zum anderen wird der Dieb eingeführt. Allerdings wird er in einer Weise beschrieben, die eindeutig etwas Fantastisches konnotiert:
Die drei ??? sausten um das Haus herum und sahen gerade noch eine seltsame Gestalt mit großen schwarzen Flügeln über den Zaun hinten fliegen und verschwinden!
S. 11
Die großen schwarzen Flügel sind wohl Frackschösse. Doch so richtig aufgelöst wird diese Beschreibung nicht. Jedenfalls haben wir jetzt ein äußerst reduziertes Bild von dem Dieb. Nur: dieses Bild ist so unklar, dass die betreffende Person jedermann sein könnte. Hier wird ein Austausch des Inhalts (also der Person) durch die vage Beschreibung möglich.

Der tanzende Teufel

Schließlich taucht in der Geschichte noch ein tanzender Teufel in Lebensgröße auf. Dieser tanzende Teufel ist ein maskierter Mensch, der Sohn des Statuen-Besitzers, der durch sein Auftauchen die ganze Geschichte noch rätselhafter machen möchte. Die Maske ist eine besondere Form der Metonymie: natürlich verbirgt sie ihren Inhalt. Zugleich verweist sie aber auch auf einen ganz anderen Inhalt, nämlich auf ihre Herkunft als mongolische Schamanenmaske. Sie verbirgt, sie täuscht aber zugleich durch eine Ähnlichkeit eine Verbindung vor.
Wir finden denselben Trick in der Natur als Mimikry vor. Indem sich die Orchidee als Hummel "verkleidet", bringt sie diese dazu, ihren Pollen weiterzutragen.
Die Metonymie ist insofern komplizierter, als der Signifikant nicht nur ein einfaches Merkmal oder ein einfacher Gegenstand ist, sondern etwas, was die Linguisten einen Text nennen, eine durchstrukturierte Ansammlung von Zeichen. Das Kostüm eines Schamanen besteht aus einer Mischung sehr verschiedener Zeichen, die zusammen etwas bedeuten sollen. So wird diesem Kostüm ein Wolfskopf und Yakhörner angedichtet (ungeachtet dessen, was mongolische Schamanen tatsächlich trugen: die Kleidung ist vermutlich der Fantasie des Schriftstellers entsprungen). Es gleicht der gestohlenen Figur. Einmal wird dies auch ganz deutlich benannt (S. 52).

Der Text als Täuschung

Wohlgemerkt: der Text oder die Textur, in diesem Fall das Schamanenkostüm, ist noch nicht die Metonymie. Aber sie ist ein komplexer Signifikant, der metonymisch benutzt werden kann. Ein anderes Beispiel für solche komplexen Signifikanten als Metonymien sind die Geschichten von Spionen, Doppelspionen und Schläfern. Diese bauen ein Leben oder auch nur eine Fassade auf, die den eigentlichen Inhalt verbirgt. Jedermann hält den Bäcker von nebenan für einen unbescholtenen Bürger, der jeden Tag seinem "Broterwerb" nachgeht, und ist umso überraschter, als diese Fassade einen Riss bekommt. Warum, so könnte sich der Protagonist fragen, sollte sich der Bäcker, der doch von Berufs wegen selbst backt, seine Brötchen heimlich liefern lassen? Ist er vielleicht gar kein Bäcker? Aber was ist er dann?

Fallen

Damit können wir zu den Kriegsstrategemen zurückkehren. Manche dieser Strategeme kombinieren mehrere Metonymien miteinander. Andere wiederum benutzen einen Text als Signifikanten. Betrachten wir das erste Beispiel, "den Kaiser täuschen und das Meer überqueren": es gibt nur eine Metonymie, aber einen ganzen Text, die Ankündigung einer Siegesfeier auf einem luxuriösen Schiff. Man darf sich nun ausschmücken, wie diese bevorstehende Feier ausgesehen haben mag. Aber sie wird sicherlich aus mehr als ein paar Zeichen bestanden haben.
Auch in Die drei ??? und der tanzende Teufel finden wir diese Strategie.
Justus hat das Rätsel des schwarzen Koffers gelöst. Er weiß nun, dass der Dieb die schwarzen Koffer stiehlt, aber nur einen ganz bestimmten Inhalt sucht. Also nutzt er seinerseits die Möglichkeit der Metonymie, um dem Unbekannten eine Falle zu stellen. Das Signifikat besteht darin, den Dieb in der Garage einzusperren. Der (komplexe) Signifikant wird durch den Fund eines schwarzen Koffers durch die drei Detektive, ihrer offensichtlichen Freude über den Inhalt, dem Wegschließen in der Garage und dem Weggehen gebildet. Damit verleiten sie den Dieb zu einem Diebstahl. Genau wie beim chinesischen Kriegsstrategem wird der Getäuschte mit einem Versprechen in eine unangenehme Situation gelockt.

Vier, drei, fünf

Wir hatten bereits angemerkt, dass sich der Sohn des Besitzers zum Schluss als Drahtzieher entpuppen wird. Er ist es auch, der sich das Schamanenkostüm anlegt und als tanzender Teufel auftritt. Später wird noch eine andere Figur aus dem Hintergrund auftauchen. In schlechten Kriminalromanen wäre dies eine Hauptfigur. Hier ist es allerdings ein Handlanger und damit ist das späte Auftauchen gerechtfertigt. Es ist kein Deus ex Machina.
Der Sohn verdoppelt sich also durch die Verkleidung und kann so zwei Gruppen voneinander trennen. Als Sohn und junger Mann nimmt er an den Recherchen der drei Detektive teil, als Dieb nutzt er sein Wissen aus, um zum Ziel zu gelangen. Die andere Gruppe, die ihm bei dem Diebstahl hilft, besteht aus dem Butler Quail und dem dubiosen Kunsthändler Wilkes. Zwischendurch taucht noch ein Hehler namens Hummer auf. Der Butler hilft dem Sohn allerdings nicht direkt. Er verhält sich nur loyal. Dabei versucht er das Schlimmste zu verhindern. Und der Hehler weiß nichts von seinem Glück. Er kommt durch Zufall an die Figur und verliert sie, ohne zu wissen, welchen Schatz er in den Händen gehalten hat. Der Butler wiederum weiß von dem Kunsthändler nichts. Dadurch entsteht eine weitere Verdoppelung des Sohnes.
Zusammen mit dem Künstler, der die Fälschung anfertigt, dem Butler Quail, dem Kunsthändler und dem Hehler bilden sich verschiedene Gruppierungen von je drei, vier oder fünf Personen. Diese Konstellationen sind mehr zufällig. Sie scheinen mir jedenfalls nicht geplant. Sie tauchen je nach dem Stand des Rätsels auf und verschwinden wieder. Durch die zwei Identitäten, die sich der Sohn zugelegt hat, einmal als tanzender Teufel und einmal als Drahtzieher eines Diebstahls, kann der Autor die Geschichte so verwickelt aufbauen, wie sie der Leser dann vorgesetzt bekommt. 

Die Unterbrechung

Kehren wir zurück zu der Szene, in der der Fälscher in die Falle gehen soll. Die Jungen warten in ihrem Versteck. Der Mann taucht auf und, wie erwartet, macht sich an der Garage zu schaffen. In diesem Moment wird allerdings die Täuschung unterbrochen. Zum ersten Mal taucht der tanzende Teufel auf und erschreckt die drei Detektive, so dass der Fälscher mit dem Koffer entkommen kann.
Es ist übrigens unklar, woher der Sohn des Kunstsammlers weiß, dass die drei Detektive seinem Komplizen eine Falle stellen. Jedenfalls vereitelt er diese.
Im Laufe des Romans tauchen weitere solcher Unterbrechungen auf. Die Geschichte nimmt eine überraschende Wendung. Ganz offensichtlich wird hier der Zufall in die Geschichte eingebaut. Bzw. ist Zufall das falsche Wort, denn der Autor hat natürlich die Geschichte so geplant. Sie verweist aber auf ein grundlegenderes Phänomen des Krimis. Jeder Krimi, zumindest jeder gut konstruierte, baut die Kerngeschichte auf einer logischen Abfolge auf (dies hatte ich in einem anderen Artikel schon einmal ausführlicher geschildert). An den Rändern dieser logischen Abfolge jedoch tauchen immer mehr Ungereimtheiten auf und eigentlich kann man jeden Krimi daraufhin abklopfen, was in ihm nicht stimmt.
Nun könnte man sagen: o. k., es gibt eben Krimischriftsteller, die können keinen logischen Plot durchkonstruieren. Wenn es so einfach wäre! Das 20. Jahrhundert hat in großen philosophischen Schriften gezeigt, dass die Rationalität von irrationalen Elementen durchzogen und zusammengehalten wird. Wollte man dies in einem kernigen Schlagwort zusammenfassen, dann könnte man sagen: Die Rationalität des Menschen ist eine Täuschung.
Genau diese begrenzte Rationalität finden sich im Mikrokosmos des Krimis. Die Kinderkrimis um die drei ??? sind von fantastischen Elementen durchzogen, die sich nur mühsam rational auflösen lassen; teilweise sind sie an den Haaren herbeigezogen (man denke etwa an den lachenden Schatten oder an die Geschichte von der singenden Schlange). Auch der rationale Kern des Krimis ist zwar durchgehend vorhanden, wird aber rasch durch unlogische und widersprüchliche Figuren begrenzt. Den erwachsenen Leser wird das nicht mehr befriedigen. Trotzdem möchte ich noch einmal darauf beharren, dass sich gerade deshalb diese Serie so vortrefflich für die Analyse anbietet. 

Der Weg der Figur

Es gäbe eine ganze Menge weiterer Sachen zu der Geschichte zu sagen. Ich möchte hier aber den Artikel auf eine letzte Bemerkung abkürzen.
Die Figur, so wissen wir, ist bei dem Autounfall des Fälschers verloren gegangen. Der Koffer wurde von einem Jungen mitgenommen, dessen Spur die drei Detektive verfolgen. Schließlich stöbern sie ihn in seinem Versteck auf. Dort befindet sich zwar der Koffer, aber nicht mehr die Figur. Von dem Jungen erfahren sie allerdings, dass das Versteck gelegentlich von einem Obdachlosen für die Übernachtung benutzt wird. Und sie vermuten, dass dieser Mann die Figur hat mitgehen lassen. Hier beginnt eine Nebenhandlung, die den Weg der Figur verfolgt. Nachdem die drei ??? einen Informanten auftreiben konnten, der den Aufenthaltsort des Obdachlosen kennt, teilt dieser ihnen mit, dass er die Figur an den Hehler Hummer weiterverkauft hat. Diesen Hehler suchen sie nun auf, geraten in eine Falle und verlieren die Figur wieder. Natürlich hat der Sohn, unter Mithilfe des dubiosen Kunsthändlers, mittlerweile die Figur wieder in seinen Besitz gebracht. Dabei handelt es sich, wohl gemerkt, immer noch um die Kopie, nicht um das Original.
Auch diese Umwege sind typisch. Sie basieren nur noch zum Teil auf der Metonymie. Stattdessen gerät das eigentliche Objekt „ins Gleiten“, d.h. es wechselt mehrfach seinen Besitzer. Üblicherweise ist die Jagd nach dem Objekt nicht notwendig für die Haupthandlung. Es streckt diese aber und behält, zumindest beim ersten Lesen, seine Spannung. Da eine solche Jagd sehr handlungsorientiert geschildert werden kann, fällt dem Leser kaum auf, dass hier der Roman hätte gekürzt werden können.
Gut konstruierte Romane nutzen allerdings solche Umwege dazu, um die zentrale Geschichte verwickelter zu gestalten. Irgendein Element aus der Nebenhandlung gibt der Haupthandlung eine überraschende Wendung. Joan Rowling führt dies z. B. sehr gekonnt an der Geschichte von Norbert, dem Drachenbaby in Harry Potter und der Stein der Weisen vor. Gleich mehrmals verändert sich die Haupthandlung durch dieses eigentlich unbedeutende Ereignis. Der Autor von Die drei ??? und der tanzende Teufel nutzt diese Möglichkeit dagegen nur in einem sehr geringen Maße. Anders kann man es von einem Jugendkrimi mit knapp 130 Seiten auch kaum erwarten. 

Zusammenfassung

Halten wir noch einmal fest, worauf sich die Konstruktion eines Krimis stützen muss: für den Plot nutzt sie den Zeichentyp der Indices und hier insbesondere die Spur und den Index. Diese beiden Zeichentypen nutzt sie metonymisch und, insofern sie das Signifikat austauscht, als Rätsel.
Der Signifikant kann einfach oder komplex sein. Komplexe Signifikanten eignen sich für Fallen, an die Mimikry angelehnte Täuschungen und für bestimmte Kriegsstrategeme.
Die Kriegsstrategeme wiederum bestehen entweder aus einfachen oder kombinierten Metonymien.
Der zentrale Plot eines Krimis ist streng logisch aufgebaut. Seine „Ränder“ dagegen werden willkürlich gesetzt. Jugendkrimis handhaben diese Regelung weitaus großzügiger als viele Krimis für Erwachsene (ich rede hier wohl gemerkt von echten Krimis; neuerdings wird dieses Genre relativ wahllos auf Erzählungen draufgeklebt, die eher als Thriller oder sogar als Fantasy zu bezeichnen sind).
Ich habe dazu auch eine ganze Menge Übungen. Übungen werde ich hier allerdings keine anfügen. Wer wissen will, wie man sich Übungen selbst konstruiert, dem sei auf Wikipedia der Artikel über die Bloomsche Lernziel-Taxonomie empfohlen. Alternativ dazu kann man auch einen bekannten dazu interviewen, der Lehrer ist. Die Lernziel-Taxonomien gehört zur Grundausstattung eines jeden Pädagogen. Sie sollte auswendig gekonnt und im Schlaf hin und her gebetet werden können.
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