31.03.2014

"Würde Heidegger heute noch leben, ...

... er wäre entsetzt, wenn er twittern sollte."
Goleman, Daniel: Konzentriert euch! München 2013, S. 29
Das lese ich gerade. (Und bedaure, dass ich nicht meine üblichen Notizen dazu machen kann.)

Konzentriert euch! von Daniel Goleman

Das Buch von Goleman liest sich sehr flüssig. Es spricht gleich zu Beginn von der zunehmenden Unfähigkeit, sich langanhaltend auf ein bestimmtes Thema zu konzentrieren. Und es spricht davon, dass wir diese Fähigkeit trainieren können und trainieren müssen, um komplexere Themen zu erfassen.

Ich kann diesem Gedanken nur zustimmen. Gerade letzte Woche habe ich erlebt, dass ein Student höheren Semesters komplett im Erfassen von Texten seines Fachgebiets versagte. Ich habe ihm dann Mind-Maps, Erstellen von Zwischenüberschriften und Zusammenfassungen in eigenen Worten empfohlen. Er meinte, er sei nicht in der Schule.
Aber genau das ist es ja auch nicht: Aufmerksamkeit ist eine Sache, die wir lernen und verlernen. Wenn wir uns im Minutentakt auf immer unterschiedliche Dinge konzentrieren, vergeht uns die Fähigkeit, uns auf eine Sache lange und gründlich einzulassen. Und fast öfter als als Text-Coach werde ich tatsächlich als Motivator gebucht, als jemand, der seinen Kunden von außen die Stützen bietet, seine Texte fertigzuschreiben. Ich mache dies meist durch Aufteilung des Arbeitspensums in Teilziele kombiniert mit relativ kreativen Schreibübungen. Doch natürlich spielt in diese Kombination die Aufmerksamkeit massiv hinein.

Besinnliches Denken

"Schon in den 1950er-Jahren warnte der Philosoph Martin Heidegger, dass eine »anrollende Revolution der Technik den Menschen auf eine Weise fesseln, behexen, blenden und verblenden könnte, dass eines Tages das rechnende Denken als das einzige in Geltung und Übung bliebe«; dies, so Heidegger, geschehe um den Preis eines Verlusts des »besinnlichen Denkens«, das heißt einer Form der Reflexion, die er für das Wesen unseres Menschseins hielt."
ebd., S. 29
Nun sollte man diese Warnung vielleicht etwas anders fassen, als sie hier Heidegger unterstellt wird. Jenes rechnende Denken ist das Denken in abstrahierten Begriffen, reiner Gebrauch des Verstandes. Das besinnliche Denken, das ist eben jenes Denken mit Begriffen, die "besinnlicht" werden, mit Sinnesleistungen versehen werden. Konkrete Beispiele zu geben ist eine Möglichkeit davon. Zu erzählen, eine andere.
Es ist das, was Kant "Erfahrungen mit Begriffen machen" nennt, die Vermittlung zwischen der Anschauung und den Begriffen selbst. Aus diesem entstehen die Urteile (also Aussagen über die Welt, die wahr oder falsch sein können). Aus diesem entsteht die Prüfung der Begriffe, ihre Kritik.

Auffalten, ausbremsen

In den letzten fünfzehn Jahren wurde in der pädagogischen Forschung der Begriff der Metakognition immer populärer. Metakognition, so kann man, wenn man etwas grob bleibt, sagen, ersetzt den Hegelschen Begriff der Selbstbewusstheit. Es ist (zunächst) die Aufmerksamkeit dafür, was wir, wenn wir wahrnehmen, tun; was "in uns" passiert. 
Das ganze zweite Kapitel aus Golemans Buch ist dieser Selbstwahrnehmung gewidmet (obwohl es schon im ersten eine Rolle spielt). Bei der Selbstwahrnehmung gehen Können (von Selbstwahrnehmung) und Wissen (um Prozesse der Wahrnehmung) Hand in Hand.
Daraus ergeben sich für mich zwei Lieblinge, zwei empfohlene Tätigkeiten, denen ich seit Jahren unter metaphorischen Titeln die Treue halte:

Auffalten 

Damit ist jenes Auseinanderfalten eines Phänomens gemeint, das uns berührt, anzieht oder stumm an uns vorübergleitet. Es ist das genauere Interesse dafür, was uns aufmerksam macht, spezieller aber noch das Interesse dafür, was uns nicht zu berühren scheint, was uns unverständlich, opak bleibt.
Meine initiale Erfahrung habe ich mit diesem Thema gemacht, als ich zwölf war. Ich hatte damals gehört, dass man bei Sigmund Freud erfahren könne, warum man Probleme mit seiner Familie habe und wie man diese lösen könne. Also habe ich mir aus der Bibliothek Werke von Freud ausgeliehen. Genauer gesagt: die Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Damals war ich der Meinung, ich hätte Freud ganz gut verstanden (eine trügerische Meinung, wie ich heute gestehe); nur die Vorlesung über die Angst blieb mir unverständlich. Aus biografischen Gründen wäre aber genau das für mich wichtig gewesen, denn ich hatte meine ganze Kindheit in großer Angst vor meinen Eltern verbracht. Aber ich habe damals darauf geschlossen, dass die Sachen, die einen am ehesten unangenehm berühren können, am wenigsten verstanden werden. Und habe mich dann, über Jahre hinweg, auf die Suche nach "meiner" Angst und dem Umgang mit dieser Angst gemacht. Gefunden habe ich dies dann zehn Jahre später in dem Buch Die Maske der Scham des kanadischen Psychoanalytikers Leon Wurmser.

Aus dieser Erfahrung ist dann als Technik übriggeblieben, sich kommentierend und gestaltend mit dem Unbekannten auseinanderzusetzen. Gestaltend und kommentierend: entlang eines Schaubildes bei Roland Barthes nenne ich dies "auffalten", weil ein zunächst als einfach gegebenes "Ding", also ein Text, ein Begriff, ein Charakterzug, gleichsam nach außen gestülpt wird und seinen verborgenen Mechanismen nachgespürt wird.
Dabei dürfte klar sein, dass es nicht der Text selbst ist, dem ich dabei nachgehe, sondern eigentlich "nur" den Wegen meines Verständnisses.

Ausbremsen

Wer so vorgeht, der schreitet langsam voran. Er lustwandelt. Er lässt sich zwischen freier Assoziation und Systematisierung treiben. Er ist nie zu Ende.
Wer mich kennt, weiß, dass ich von mir spreche.
Es gibt keine letztgültige Wahrheit. Es gibt nur Zwischenhalte, die entweder der didaktischen Vermittlung geschuldet sind oder anderen praktischen Anwendungen. 
So kenne ich mich zwar, wie sonst niemand, mit den narrativen Strukturen aus. Aber ich kann immer noch nicht sagen, dass ich "zu Ende bin". Für meine Arbeit sind meine Kenntnisse mehr als genug. Aber je tiefer man eindringt, umso eher sieht man auch, wo auf diesem Gebiet die Kenntnisse noch nicht ausreichen, wo seit vielen Jahren auch die Wissenschaft ebenso wie die Gemeinschaft kreativer Schreiber herumlaviert.
Als ich letzten Herbst meinen Blogeintrag zu Erzählperspektiven und Erzählsituation veröffentlicht habe, hatte ich innerhalb von drei Tagen fast 10.000 Klicks auf diesen Artikel. Und kaum eine Woche später fand ich dann Werbung dazu, von jemand anderem und ohne Hinweis auf meinen Artikel (was leider sehr oft unterlassen wird). Offensichtlich hatte ich einen Nerv getroffen. Von der Werbung allerdings ist wohl wenig zu halten. Wenn jemand meint, innerhalb einer Woche eine so komplexe Theorie wie Stanzels Typenkreis erlernen zu können, dann ist er entweder enormst intelligent, was unwahrscheinlich ist, oder er dümpelt in einer herbeigewedelten Professionalität herum, die deutlich abstrakt bleibt. 
Langsam sein, ausbremsen, sich die Sachen gründlich ansehen. Sich konzentrieren und auch seine Professionalität darin sehen, sich auf etwas lange zu konzentrieren, das ist wohl auch so eine Pflicht, die heute gerne vergessen wird.

Fazit

Ich brauche immer eine Weile, bis ich mir durch ein Buch Breschen geschlagen habe. Wenn ich lese, baue ich mir nach und nach Gegenstrukturen auf. Es ist klar, dass ein Buch wie Golemans Konzentriert euch! einen didaktischen Aufbau besitzt, der mehr auf den Leser Rücksicht nimmt, als auf die Verwickeltheit des Themas. Auch ein Thema muss man auffalten können.
Jedenfalls merke ich gerade, dass ich sehr von einer Idee zur nächsten hüpfe. Was immer passiert, wenn mich ein Buch besonders anregt. Ich hatte ja Ähnliches berichtet, als ich begonnen habe, Metzingers Der Ego-Tunnel zu lesen (mit dem ich übrigens immer noch nicht fertig bin, ja nicht einmal annähernd das Gefühl habe, dass ich es zu lesen begonnen habe). Goleman jedenfalls erzeugt in mir gerade eine fast gleiche Stimmung. Das Buch ist nicht so dicht geschrieben wie Metzinger und dadurch wohl auch schneller zu erfassen. Goleman plaudert mehr, allerdings auf recht hohem Niveau. 
Aber er kann eben bestimmte rote Fäden, die dieses Thema auch anbieten würde, nicht verfolgen, weil er der Lesbarkeit halber einige wenige aussuchen musste. Wenn ich nun sage, dass ich mir Gegenstrukturen entwickle, dann ist genau das gemeint: ich nehme den didaktischen Aufbau zur Kenntnis, aber ich unterwerfe mich ihm nicht. Ich bringe mir am Rande von Goleman das bei, was ich noch für bedenkenswert halte, indem ich sein Buch nach und nach umstrukturiere und durch weitere Lektüren ergänze.
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