30.03.2014

Kleine Bücherkiste: Thriller, Philosophie, klassische Literatur

Mein Computerproblem führt dazu, dass ich die Bücher schneller lese, als wenn ich die Möglichkeit hätte, sie durchzukommentieren. Ich liebe es, zwischendurch meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Wenn ich diese aber über mein Tischmikrophon einspreche, bin ich doch deutlich langsamer. Ich habe also gestern und heute gelesen:

Zoe Beck: Brixton Hill

Ich war bereits auf Seite 180, als mein Computer gecrasht ist. Nun habe ich es gestern morgen ganz durchgelesen. Ein toller Roman. Und einer, der, wie damals die Bücher von Camilleri, demnächst häufiger in diesem Blog auftauchen wird.

Postmodernes Schreiben

Es gibt einige Aspekte bei diesem Roman, die mir, der mittlerweile ein notorischer Leser klassischer Werke geworden ist, das Lesen sehr versüßen. Beck pflegt einen Schreibstil, der nicht einer einheitlichen Schule angehört, sondern sich sehr an gewisse "Inszenierungen", an gewisse Effekte anlehnt. Sie bremst aus, sie beschleunigt. Sie erklärt, sie stellt dar, sie berührt manche Sachen nur flüchtig. (Sie schreibt spannend. - für die notorischen Thriller-Leser.)
Nun könnte man einen solchen Schreibstil als uneinheitlich und damit als schlecht bezeichnen. Nur: in diesem Fall funktioniert das sehr hervorragend. Tatsächlich sind einige große Werke der Weltliteratur noch uneinheitlicher geschrieben und trotzdem eben jene großen, lesenswerten Werke geworden, die zu recht die Zeiten überdauern. Man denke an Herman Melvilles Moby Dick. Oder auch, obwohl das hier gemäßigter als bei Melville verläuft, Walter Scott (The heart of Midloathian), Charles Dickens. In Deutschland kann man aus neuerer Zeit anführen Alfred Döblin, Berthold Brecht, Hermann Broch (als Beispiele).
Beck kehrt damit der straight novel, die vom ersten Moment an auf das Ziel zusteuert, zwar nicht den Rücken zu, komponiert aber ihre Geschichte "barocker". Auch die in den letzten dreißig Jahren mit Psychologie und Weltwissen unterlegten Thriller (Psychothriller, Tech-Thriller, ...) bricht sie noch ein Stück weit auf. 
Und noch einmal gesagt: das ist nichts Schlechtes, sondern etwas Gutes. In diesem Fall. Anderen Schriftstellern würde das so nicht gelingen. Und bei all meiner doch jetzt recht "wissenschaftlichen" Erläuterung: der Roman macht einfach Spaß. Und das ist die Hauptsache.

Groteske

Was ich noch mag: den Humor. 
In dem Roman taucht eine Figur auf, die eines abtrünnigen Hackers, die mich sehr an einen der großen Bösewichte bei Dickens erinnert hat. Dickens vermischt diese Figuren in ihren bösartigen und befremdlichen Handlungen häufig mit karikierenden Beschreibungen: wir sehen die Taten dieser Wesen gleichsam durch eine verkleinernde Linse hindurch, die dem Leser Distanz ermöglicht. Jener abtrünnige Hacker nun wird ähnlich beschrieben. Und das sehr nett.

(Diese Neigung zur Groteske habe ich neulich in dem kleinen Psychothriller Der Torso von Adrian Schwartz deutlich ausgeprägter gefunden. Auch dort inszeniert der Autor einen ganz anderen Stil als man ihn sonst in Thrillern findet.)

Proust - Kafka

Zwei Bücher von Deleuze habe ich zu Ende gelesen: Proust und die Zeichen. und Kafka. Für eine kleine Literatur. Das letztere hat er zusammen mit Félix Guattari geschrieben.

Proust und die Zeichen

Das ist eines der frühen Werke von Deleuze. Er argumentiert seit seiner ersten Veröffentlichung zu Hume sehr frei, sehr nach einem eigenen Willen, nicht nach dem gängigen Kanon der Interpretation. Das ist sehr spannend und sehr befreiend.
Seine zentrale These lautet, dass Prousts Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit seine Einheit nicht durch das Gedächtnis erhält, sondern durch die Lehre der Zeichen. Bekanntlich gab es die Interpretation, die Proust auf Bergson und seine mémoire involontaire zurückbezog. Siehe zum Beispiel Walter Benjamin, auch wenn der zwischen Proust und Bergson einen deutlichen Unterschied sieht.
Deleuze behauptet nun, dass der Protagonist stattdessen eine Lehre durchläuft, die auf vier Zeichentypen aufbaut und die nur nacheinander erreicht werden können. Es ist ein kleines Buch, allerdings mit einer sehr beeindruckenden Darstellung.

Bergson, auch Deleuze, entstammen einer ganz anderen philosophischen Tradition als die die deutsche Philosophie. War bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts der Idealismus die zentrale Strömung, so spielten in Frankreich die englischen Philosophen eine sehr viel stärkere Rolle. Dementsprechend gab es auch so etwas wie zwei unterschiedliche materialistische Schulen. In Deutschland war dies der dialektische Materialismus, der, wenn auch mit der Umkehr zur Handlung, noch die Hegelsche Synthese vertrat; in Frankreich war dies der sensualistische Materialismus, der eher von einer Koexistenz sehr unterschiedlicher Bewusstseinsformen ausging. Marx bezog sich auf das Bewusstsein immer noch als einen Punkt, wenn auch nur noch utopisch, nach Befreiung der Menschen von ihrer Entfremdung und Abhängigkeit. Bei Bergson ist das Bewusstsein eher eine Fläche oder besser noch ein Milieu, das im Wechselspiel mit der "Umwelt" unterschiedliche, zum Teil widersprüchliche Kräfte entfalten kann.

Kafka

Ohne große Brüche, aber mit deutlich anderen Schwerpunkten ist das Buch über Kafka. Im Prinzip zeigt es, wie ein Werk sich nach und nach den großen ideologischen Systemen (Faschismus, Stalinismus, Kapitalismus) entzieht, indem es "intensiv" wird. Ein zentraler Begriff dabei ist der Wunsch, der unter den ideologischen Äußerungen entlanggleitet, diese benutzt und mit sich fortreißt. So gelesen ist Kafkas Werk nicht "absurd", sondern geradezu komisch. Und tatsächlich empfinde ich den Kafka von Deleuze und Guattari als ein besonders komisches Buch, ein Buch, in dem viel gelacht wird.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Gestern abend und heute morgen wieder einmal die ersten hundert Seiten gelesen. Als ich das letzte Mal angefangen hatte, hat mir mein Arbeitspensum zwischendurch einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Und es ist so schön, so voller netter Wörter, ironischer Wendungen, mitreißender Bilder.
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