22.09.2014

Form und Übersetzung

Wittgenstein fesselt mich weiterhin. In den letzten Monaten bin ich zwar kaum dazu gekommen, mich weiter einzuarbeiten, aber gelegentlich konnte ich mir dann doch einige Stunden frei nehmen. Dieses Wochenende bin ich dann endlich mal wieder dazu gekommen, im Tractatus zu lesen. Das letzte Mal, als ich diesen gelesen habe, war ich Anfang zwanzig. 

Während und nach dem Tractatus 

Der erste Abschnitt der Philosophischen Grammatik spielt mit verschiedenen Formen der Übersetzung eines Satzes. Die Philosophische Grammatik gehört in den frühen Bereich nach der Abfassung des Tractatus. Wittgenstein veröffentlichte den Tractatus 1922. Er stirbt 1951, mitten in der Vorbereitung der Veröffentlichungen der Philosophischen Untersuchungen. Diese erscheinen 1953. 
Diese etwas längeren Vorbemerkungen zum Leben Wittgensteins sind notwendig, um einiges über die Art und Weise zu sagen, die Wittgenstein Philosophie betrieb. Tatsächlich hat er zu seinen Lebzeiten kaum etwas veröffentlicht. Der Tractatus ist sein erstes und wohl auch sein berühmtestes Buch. Danach hat er sich, wohl auch aufgrund von massiven Zweifeln, mit Veröffentlichungen zurückgehalten. Mehr auf Drängen seiner Freunde als von ihm selbst aus hat er sich dann an die Vorbereitungen zu einer Veröffentlichung der Philosophischen Untersuchungen gemacht. Die restlichen Bücher, unter anderem auch die Philosophische Grammatik, sind von ihm wahrscheinlich so nicht geplant worden. 
Es gibt eine gewisse Stoffsammlung bei Wittgenstein, die sich um bestimmte Themen herum entfaltet. Aber richtige Planungen (wie man sie zum Beispiel in den Tagebüchern Nietzsches häufiger findet) hat er nicht gemacht. 

Operation 

Die Philosophische Grammatik behandelt also zum Teil die Übersetzung von Sätzen. Nun sind das oft recht seltsame Übersetzungen, denn die wenigsten betreffen die Übersetzung in eine fremde Sprache. Es geht unter anderem darum, ob man sein Verständnis (eines Satzes) in Ton kneten kann. Die Ausführungen von Wittgenstein dazu sind faszinierend. Sie lehnen sich noch sehr eng an den Tractatus an. 
In diesem heißt es: 
5.23 Die Operation ist das, was mit dem einen Satz geschehen muss, um aus ihm den anderen zu machen. 
Nun muss man dazu wissen, dass ein Satz bei Wittgenstein nicht der materiell hingeschriebene Satz ist, sondern der gedachte. Natürlich können diese beiden Arten der Sätze parallel laufen. Aber sie müssen es nicht. Deshalb ist der Satz genauso wie die Operation als ein geistiges Ereignis zu verstehen. Man muss diesen Satz aus dem Tractatus nun ganz wörtlich nehmen. Der eine Satz verschwindet und gleich taucht der nächste auf. Das, was dazwischen passiert, das die Übersetzung des Satzes in den nächsten leistet, ist die Operation. Sie taucht nicht als konkreter Gedanke auf. Sie geschieht dazwischen. 

Übersetzung 

Kurz darauf heißt es: 
5.241 Die Operation kennzeichnet keine Form, sondern nur den Unterschied der Formen. 
Genau an diesem Satz habe ich dann lange herum gearbeitet. Die Operation ist eine Art Übersetzung. In der Philosophischen Grammatik zeigt Wittgenstein allerdings auch, dass es unzählige Möglichkeiten der Übersetzung eines Satzes gibt. 
Deshalb ist der erste Schluss aus dieser Beobachtung, dass jede Übersetzung unvollständig ist. 
Das ist nun ein Gemeinplatz. 
Der zweite Schluss aus dieser Beobachtung ist eigentlich nur die Umkehrung des ersten, aber sehr viel wichtiger (weil man ihn häufig vergisst): 
Jede Übersetzung übersetzt irgendetwas aus dem Original. 
— Es ist dieses „irgendetwas“, worin sich die Operation ausdrückt. 

Struktur 

Schließlich aber muss man sagen, dass ein Satz dadurch seine Form bekommt, dass er übersetzt wird. Und die Form besteht aus der Vielfalt der Übersetzungen. 
Hier passieren wiederum zweierlei Sachen: zum einen kann man die Form immer durch Operationen ausdrücken. Versinnlicht man diese Operationen, dann kann man dafür Handlungen einsetzen. (Da man nicht für jede Operation ein passendes Verb zur Verfügung hat, schlägt Wittgenstein irgendwo vor, dass man in solchen Fällen auch Wörter erfinden könne.) Aus diesen Operationen ergibt sich eine erste Struktur, eben die Form. 
Nun entsteht gleichsam auf der Rückseite dieser ersten Struktur eine zweite. Diese zweite Struktur wird durch Konventionen des Verstehens geprägt. 
Bisher hatte es den Eindruck, als ginge Wittgenstein davon aus, dass jeder Satz beliebig übersetzt werden kann und alles erlaubt sein. Tatsächlich lässt er sich auf diese Annahme auch oft genug ein. Doch das, was als Übersetzung erlaubt ist und was nicht mehr, wird durch Konventionen geregelt, durch kulturelle Übereinkünfte. Auf dieser Ebene entsteht dann die zweite Struktur. Dies ist eine Struktur aus Geboten und Verboten. Sie regelt die Übersetzbarkeit eines Satzes gleichsam von außen, wie die erste Struktur aus einer Übersetzbarkeit „von innen“ bestimmt wird. 

Strukturalistische Tätigkeit

Die Form eines Satzes entsteht in der Übersetzung. Da jede Übersetzung nur eine unzureichende ist, entsteht immer nur eine unzureichende Form. Da aber zugleich mit der Operation der Unterschied zwischen Formen entsteht, lässt sich jeder Satz in einer Struktur zusammen mit anderen Sätzen einordnen.
In diesen Gedanken lässt sich unschwer eine Ähnlichkeit zur énoncé von Michel Foucault finden. Diese wird ebenfalls aus unterschiedlichen Elementen konstituiert, in dem die Verknüpfung dieser unterschiedlichen Elemente bezeichnet wird. Damit lässt sich auch Foucaults recht hartnäckige Weigerung erklären, eine positive Definition der énoncé zu geben. Diese konstituiert sich zum Teil aus den konventionellen Übersetzungen, zum Teil aber auch aus den Vorlieben des Interpreten, sei es aus einer Laune heraus, sei es aus methodischen Vorentscheidungen.
Jedenfalls bildet eine solche énoncé eine Veränderung ab, die immer teilweise, immer partiell ist. Damit erklärt sich des weiteren, warum die énoncé mal deskriptiv, mal ästhetisch zu sehen ist, je nachdem ob damit eine Konvention beschrieben wird oder ein bewusster, einzelner Akt, etwas auf eine bestimmte Art und Weise wahrzunehmen. 

Erzählen

Wittgenstein befasst sich nicht mit der Tätigkeit des Erzählens. Trotzdem können seine Aussagen natürlich auch für die Erzählungen gelten. Dem hat man besonderes Augenmerk an diesem Wochenende gegolten.
Jede Erzählung besteht aus einer Folge von Sätzen. Gemäß Wittgenstein muss zwischen diesen Sätzen je eine Operation stattfinden. Dann gibt es aber auch noch das Phänomen, dass sich eine Erzählung „aufbaut“, dass sich also bestimmte Sätze über einen größeren Raum hinweg aufeinander beziehen, zum Beispiel wenn in der Erzählung an ein früheres, ebenfalls erzähltes Ereignis erinnert wird.
Untersucht man dies, entstehen entlang von Konventionen verschiedene Zugehörigkeiten. Ganz typisch ist zum Beispiel die Konvention, eine Person in einem Roman als konstant anzunehmen. Harry Potter würde nicht funktionieren, wenn wir diesem nicht eine Einheit zuschreiben würden. Deshalb gehören alle Sätze, in denen Harry Potter irgendwie auftaucht, zu dieser Einheit dazu. Das Gesamt dieser Sätze ergibt dann die Bedeutung von Harry Potter. Sprich: wenn ich alle Sätze dieser Einheit systematisiere, bekomme ich eine (wahrscheinlich viel zu penible) Beschreibung des Protagonisten (kein Leser liest aber so).
Auf diese Art und Weise eine Erzählung zu beschreiben ist allerdings recht mühsam. Wie ich oben bereits erwähnt hatte, gibt es für diese Operationen teilweise keine richtigen Ausdrücke und man muss sie dann so umschreiben, dass man sich ungefähr vorstellen kann, wie man eine solche Operation empfindet. Dadurch liest man sehr gründlich, aber auch äußerst langsam. Vor allem aber erfährt man einiges über die Konventionen des Erzählens, denn bei manchen Erzählungen ist es völlig unklar, wie der Autor diesen Übergang gemeint hat. Besonders häufig geschieht dies bei recht verworrenen Erzählungen. Man neigt hier eher dazu, dass der Autor einfach verwirrt war, als er seine Erzählung geschrieben hat. Trotzdem lässt sich, wenn man länger und gründlicher darüber nachdenkt, auch hier eine positive Seite der Übersetzung finden.
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