08.03.2014

Cicero ballt jedenfalls die Faust: Lewitscharoff und die Bio-Politik

Ich liebe sie: diese Problematisierungen, just, nachdem man die Lösung bereits verraten hat. Im Titel übrigens. Und der lautet: 
Lewitscharoff trifft den wunden Punkt
Ergänzt wird das ganze dann durch eine Opposition:
Die Kommentatoren sind sich einig: Sibylle Lewitscharoff habe in Dresden eine Menschen verachtende Polemik gehalten. Nein, es war eine poetische Rede nach allen Regeln der Kunst.

Soweit das Vorgeplänkel eines Artikels von Alexander Kissler in Cicero. Und hier steckt noch gar nichts von einer Problematisierung. Es ist lediglich ein Schulterschluss. Der selbstverständlich in Ordnung ist, wenn es nichts Großes zu bezweifeln gibt, nichts Grundlegendes. Lassen wir diesen Aspekt erstmal außen vor.
Nun folgt der eigentliche Artikel und damit auch die Problematisierung.
Was alle schrecklich finden, ist entweder schrecklich — oder der Beweis für einen dieser berühmten wunden Punkte, der einer Gesellschaft anzeigt, was sie nicht wahrhaben will. Im Fall der von einem konzertierten Empörungstheater in den Orkus des Sinnwidrigen verbannten Rede Sibylle Lewitscharoffs spricht viel für die zweite Bedeutung.

Alternativen, die keine Alternativen sind

Es ist wohl Mode, durch eine mangelnde Auswahl an alternativen Antwortmöglichkeiten von vornherein die Positionen klarzulegen. Europa ja oder nein? will Lanz wissen. Aber so einfach und so doof ist Europa nicht zu haben. Und ebenso ging es sehr häufig in der Debatte um Lewitscharoffs Rede nicht um die absolute Schrecklichkeit oder die absolute Blindheit. Es wurde debattiert, es wurde argumentiert, es wurde, manchmal durchaus sehr dilettantisch, manchmal auf sehr hohem Niveau, abgewogen. Genau das ist Aufklärung.
Wie wenig der Autor Alexander Kissler dann selbst an seine Alternative glaubt, macht der zweite oben zitierte Satz deutlich. Wer glaubt, so legt er nahe, hier sei tatsächlich etwas Schreckliches geschehen, nehme an einem „konzertierten Empörungstheater“ Teil und, ja, so schrecklich ist dieses, dass es sich hier nicht um eine Kritik handelt, sondern um eine Verbannung, gar eine Verbannung an einen mythischen Ort.

Jenes Wort „konzertiertes Empörungstheater“ ist ein Pejorativ, also eine Abwertung. Das Pejorativ ist eine Sonderform der Hyperbel (der Übertreibung) und dem Euphemismus (der Verharmlosung) entgegengesetzt.

Führen wir hier gleich auch noch einen anderen Begriff ein, der zunächst Alternativen bezeichnet, die Disjunktion. Es gebe, so sagte Kant einmal, drei mögliche Formen des Gottesbeweises, und führt dann dazu aus, dass diese drei sich gegenseitig ausschließen würden. Das ist die zweite Bedingung der Disjunktion. Von den Alternativen kann schließlich nur eine gültig sein. Die beiden anderen müssen widerlegt werden, entweder, indem man sie einzelnen widerlegt oder zeigt, dass die dritte Möglichkeit stichhaltig bewiesen werden kann.

Nun sind die Gottesbeweise, die Kant anführt, in einer langen philosophischen Tradition entstanden. Die Opposition, die uns Kissler anbietet, ist im Fluge erhascht. Und wie so oft besteht der Trick der politischen Ideologie darin, eine Alternative anzubieten und sofort eine Wertung draufzusetzen, eine Wertung in Form einer Übertreibung. Und wer hier nicht innehält und nach diesen Machenschaften der Sprache lauscht, wird vielleicht dem gewünschten Impuls des Autors nachgeben.
Zögern wir also ein wenig an dieser Stelle und schauen uns die weiteren Impulse an, die der Autor in seinen Artikel einbaut.

Orpheus in der Unterwelt

Diese kleine Stelle, dieses „von einem konzertierten Empörungstheater in den Orkus des Sinnwidrigen verbannten Rede“ allerdings hat es in sich. Sie zeigt einmal mehr, dass die Elemente der Rhetorik nicht hübsch der Reihe nach aufgezählt werden könnten, sondern sich ineinander verschränken und überkreuzen und fortlaufend Mischungen bilden.
Das Theater ist ein Ort, an dem öffentlich gesprochen wird. Zugleich ist es aber auch ein Ort, an dem das Sprechen uneigentlich stattfindet. Wer über den Bühnenrand hinweg spricht, spricht mit der Stimme eines fremden Autors und meint das, was er sagt, in einer fremden Rolle. Komisch sind dann auch die Rahmenbrüche. Wenn der gestiefelte Kater in Ludwig Tiecks gleichnamigem Stück sich darüber aufregt, dass er eine so lächerliche Märchenfigur zu spielen hat, dann ist das komisch, weil der Schauspieler, der den gestiefelten Kater spielt, zugleich aus seiner Rolle ausbricht, aber auch deutlich wird, dass hier der Schauspieler einen Schauspieler spielt.

Die Empörung, die auf diesem Theater stattfindet, ist also keine Empörung. Zumindest darf man sie nicht im eigentlichen Sinne lesen, also im wahren Sinne.
Es ist dieser Glaube, dass etwas so sei, wenn etwas so sei, der hier beschworen wird. Es ist der Glaube an die Tautologie als die perfekteste aller Definitionen. Und wenn sich hier eine Empörung zeigt, die als Empörung verstanden werden will, also als Tautologie, aber keine Empörung ist, dann kann es sich wohl nur um eine Täuschung handeln.
Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an den ersten Satz. Er beginnt natürlich mit einer Tautologie. Wenn etwas schrecklich ist, dann ist es schrecklich. Und wenn es das dann doch nicht ist, dann will jemand etwas nicht wahrhaben. Er täuscht sich eben selbst und lässt dies nun an einer unschuldigen Rednerin aus, an Sibylle Lewitscharoff.

So ist es die Täuschung, die diesen Orpheus der Literaturszene in den Orkus verbannt, nicht um seine Eurydike zu suchen, sondern um ihn dem — ja, was ist das eigentlich? Dieses Sinnwidrige? Wie macht man so etwas, wenn man noch nicht einmal weiß, was das ist, was man dort eigentlich ablehnt, den Sinn? Die Phänomenologie hätte gute Antworten darauf gehabt, ebenso die Systemtheorie. Doch um die soll es hier nicht gehen. Nicht in dem Artikel von Kissler und deshalb auch nicht in meinen Analysen. Denn was hier beschworen wird, das ist das große Nichts, jener Tod, der nicht in die Erlösung führt, die komplette gesellschaftliche Isolation, die Missachtung, die Auslöschung dessen, was das politische Leben ist (wenn man Hannah Arendt folgt).

Und so ist es vielleicht diesmal an Eurydike, Orpheus ans Licht zurückzuführen, zu jenem Apollon, der ihm die Leier schenkte, mit der er das wütende Meer bezwang, auf der Suche nach dem goldenen Vlies.

Das Hoch- und Runterklappen der Poesie

Beinah weinerlich ist die Bildunterschrift unter dem Foto von Sibylle Lewitscharoff:
Literatin, nicht Politikerin
Nur: was soll uns das sagen? Dass eine Literatin das Recht hätte, sich so und auf diese Weise zu äußern, ein Politiker allerdings nicht? Und was impliziert das für Lewitscharoff selbst? Dass sie jetzt etwa doch nicht die Wahrheit gesagt hat, sondern nur eine Meinung? Dass sie sich nur poetisch gegen das „Moralregiment der Fruchtbarkeitsindustrie“ wendet? Oder dass sie sonst nicht die Wahrheit sagt, in diesem Fall (geprüft, genehmigt und weiterempfohlen durch Herrn Kissler) allerdings schon?

Man darf diesen Gedanken gar nicht lange folgen. Denn ab hier wird die Verwirrung so groß, dass man nicht einmal mehr erahnt, ob der Artikel überhaupt einen einzigen vernünftigen Gedankengang ausführt.

Auch das ist ein beliebtes Spiel. So, wie der Autor beliebig bestimmt, was eigentlich gesprochen wird und was nur uneigentlich, wenn es um seine „Gegner“ geht, so weiß er es auch für seine „Freunde“. Lewitscharoff habe eine „poetische Rede nach allen Regeln der Kunst“ gehalten, und man höre hier, dass dieses „alle“ von „allen Regeln der Kunst“ keineswegs uneigentlich gemeint ist, nicht idiomatisch, sondern eigentlich und der Wahrheit gemäß. Herr über diese Wahrheit ist natürlich der Autor, der es besser weiß, der die Argumentationen zu trennen, die Dinge zuzuordnen weiß.

Symptomatisch für die ideologische Rede ist auch dies. Die Unterscheidung, die anfangs gesetzt wird, harrt der Ausarbeitung. Sie wird aber nicht argumentativ begründet, sondern in eine Wolke aus rhetorischen Figuren eingehüllt. Später wird Kissler noch eine andere Strategie des Nicht-Argumentativen nutzen: die Andeutung von enormer Belesenheit; das Herbeizitieren von Autornamen.

Wie perfekt der Autor selbst Poesie und ihre Rhetorik zu benutzen versteht, um sein Freund-Feind-Bild zu untermauern, zeigt der zweite Absatz dieses Artikels. Wir kommen gleich darauf zurück.

Vermutungen reichen nicht: es muss die Wahrheit sein

Im ersten Absatz spricht noch viel dafür, dass die Gesellschaft an einem empfindlichen Punkt berührt worden ist und dies nicht wahrhaben möchte. Das ist die Hypothese. Im zweiten Absatz nun ist daraus eine „Hysterie der Medien“ geworden. Und dies liest sich ausführlicher so:
Schrei und Geplärr sind zu deren bevorzugten Sprechweisen geworden.
Von einer Hypothese ist hier keine Spur mehr. Wir befinden uns auf dem festen Boden der Gewissheit. Und damit kennen wir auch eindeutig den Feind.

Kennen wir ihn? Denn tatsächlich findet hier ein Sprecherwechsel statt. Vorher war es noch die Gesellschaft. Jetzt sind es die Medien.

Man muss kaum mehr dazu sagen.
Je weniger eine Zeitung gelesen wird, desto lauter schlägt sie um sich.
So weiß uns der Herr Kissler zu berichten. Und wenn man nun ein paar Sätze weglässt, so weiß er auch, dass von Rudolf Borchardt die Aussage stammt:
„Ich stelle dar, ich greife an.“
Und er fährt fort:
Genau das ist des Poeten Beruf. Thomas Bernhard wusste noch, dass man die Dinge aufblasen muss, um sie sichtbar zu machen.
Jenes Um-sich-schlagen, jene Hysterie und jenes Geplärr gehört natürlich nicht dazu. Auch nicht jener Kick einer Spontanerregung, der all jene, die Frau Lewitscharoff keineswegs poetisch, sondern nur dämlich finden, verdammt. Wohin wohl? 

Bio-Politik

Was einst Michel Foucault als ein Schlagwort für ein Untersuchungsprogramm in den Raum geworfen hat, ist mittlerweile ebenso Gewissheit geworden. Biopolitik existiert. Es ist die Herrschaft über das Leben, die Verwaltung des Menschen. Es muss, in den Augen der Christen, zumindest der besonders guten, eine Sünde gegen die Schöpfung Gottes sein.

Bio-Politik, so steht es als Schlagwort, als strittiges Gebiet, noch ganz zuallererst über diesem Artikel, bevor uns der Titel auf die kommenden Überzeugungen einstimmt.

Die Feinheit an dieser ganzen Sache ist nur, dass jene Bio-Politik auch dann stattfindet, wenn man Mann und Frau im christlichen Schlafzimmer einzusperren versucht. Man könnte hier dann jenen Vergleich heranziehen, wenn er nicht allzu dämlich wäre: genauso, wie Hitler den blonden SS-Mann mit der blonden deutschen Hausfrau zur Kopulation gebracht hat.

Jenes „Moralregiment der Fruchtbarkeitsindustrie“, das selbstverständlich nichts mit dem „Liebet und mehret euch“ der Bibel zu tun hat, ist also abzulehnen.
Wenn dann Kissler später selbst die Autoren der Bio-Politik heranzieht, um sein Gefasel zu stützen, zeigt er in demselben Gestus auf andere Menschen, wie derjenige, der zunächst eine Menge aufhetzt, um sie dann zu denunzieren. Die dort, scheint er zu sagen, die machen Bio-Politik. Aber bei uns, nein, da nicht. Da ist kein Weibsvolk anwesend. Da geht noch alles sauber und vernünftig, gottgefällig und schicksalsergeben zu.

Und was will, folgten wir Kisslers schlagseitigen Definition von Bio-Macht in der Rede von Sibylle Lewitscharoff, uns die Autorin sagen? Dass manche Menschen biopolitischer sind als andere? Und dadurch nur Halbwesen?

Die Maxime der Verantwortung

Eine Maxime ist eine allgemeine Handlungsempfehlungen. Und wer sich ein wenig mit der Maximenliteratur der letzten 500 Jahre auskennt, zum Beispiel mit all jenen Fürstenspiegeln oder auch Empfehlungen für Höflinge, schließlich den Rhetorik-Empfehlungen für die jungen und etwas älteren Parlamente, der weiß, dass er hier viel Gegenteiliges und viel Uneindeutiges finden wird.

Seitdem hat sich wenig geändert.
Und so wundert es auch nicht, dass wir gleich am Ende des ersten Absatzes eine Maxime finden. Eine Maxime in Form einer Warnung.
Denn hinter jeder Möglichkeit, die man ihm [dem Menschen] präsentiert, lauert eine Verantwortung, und aus jeder Verantwortung kann Schuld werden. Das Glück findet man so nicht.
Wollen wir aber nicht alle das Glück finden? Und nicht gerade das Gegenteil von Glück? Das Gegenteil von Glück, zumindest das, was uns daran hindert, das Glück zu finden, das ist die Schuld. Die aus der Verantwortung entstehen kann. Und jene Verantwortung lauert hinter der Möglichkeit, jener Möglichkeit so völlig im Abstrakten. Möglich wird das Mögliche aber nur, wenn der Mensch meint, er müsse sich Macht aneignen, indem er sich selbst ermächtigt. Die Maxime kann also nur lauten: finde dein Glück, indem du dich nicht selbst ermächtigst. Beuge dich den Notwendigkeiten. Trage keine Verantwortung.

Es war der Schwan und nicht die Kerche. Letzte Lieder

Noch ein Klagelied weiß der Autor zu singen.
Mit dem wilden Denken ist es vorbei.
Nicht so bei ihm. Ihm geht alles durch Kraut und Rüben, im wilden Galopp quer durch sämtliche Felder und Nachbarschaften, durch jede Disziplin, der er sich habhaft zu meinen wähnt. Und das ohne ein Wort des Selbstzweifels.

„Dichterische Sprache“ soll“ angreifbar“ sein, sagt der Autor zum Schluss, aber eben nur von Menschen, die prinzipiell bereits einverstanden sind.

Ob dieser Selbstermächtigung des Widersinnigen muss sich dann der aufmerksame Leser fragen, ob nicht jemand rein biologisch diesem Menschen ins politische Hirn geschissen hat. Und das nach allen Regeln der Kunst. Mit einem poetischen Pfurz hernach.
Das wäre doch mal eine gute Definition von Bio-Politik.
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