22.05.2013

Simon Beckett: Leichenblässe. Zufälle und Unfälle

Eine der wichtigsten Aufgaben eines Autors ist es, die Geschichte immer wieder so zu verändern, dass sie der Handlung neuen Stoff liefert. In einem Krimi wird dies normalerweise durch eine Annäherung an den Täter erreicht. Zuerst passiert das Verbrechen (meist ein Mord). Durch die Untersuchung des Tatorts kommt der Kommissar dem Täter näher und durch die Untersuchung der Motive kann er schließlich zu so etwas wie einer Lösung gelangen.

Vorgestern habe ich mir einen ruhigen Tag gemacht und Leichenblässe (von Simon Beckett) zu Ende gelesen. Seit ich mich 2008 so intensiv mit der Logik des Kriminalromanes auseinandergesetzt habe, kann ich diese nicht mehr einfach nur so lesen. Mein literaturwissenschaftliches Ich liest ständig mit.
Becketts Roman ist sehr in Ordnung. Er hat eine etwas langatmige und umständliche Erzählweise, was zu den doch recht reißerischen Mordfällen kontrastiert. Doch wenn man sich klassischere Erzählungen ansieht, sind solche langen Beschreibungen durchaus noch kurz. Ich verweise hier zum Beispiel auf die Erzählung Das öde Haus von ETA Hoffmann. Lange Beschreibungen sind auch dann notwendig, wenn ein Tatort, ein Fundstück oder, wie hier, eine Leiche in ihren Details wichtig ist. Da der Protagonist von Leichenblässe, David Hunter, Gerichtsmediziner ist, gibt es sich natürlich, dass der Leser mit längeren Beschreibungen rechnen muss.

Im Folgenden möchte ich zunächst kurz auf die Logik eines Kriminalromans eingehen, bzw. auf die Logik eines Kriminalfalles. Dazu werde ich ein altes Thema aufgreifen, das der Spuren und Indizien. Als nächstes werde ich dies einbinden in Mittel der Erzähltechnik, die ich hier Zufälle und Unfälle nenne. Sie beide haben gemeinsam, dass sie plötzlich auftauchen und gerade in Krimis, die auf Logik verweisen, vorsichtig gebraucht werden sollten. Schließlich gehe ich auf deren Gebrauch in Becketts Thriller ein. (Weitere Anmerkungen zu Becketts Roman, bzw. zum konkreten Erzählen: Emphase und Adjektiv, und zu Perspektivwechsel, dramatischer Ironie und Psychologisierung.)

Kausalität
Die Kausalität ist eine Abfolge von Ereignissen, die auf Tatsachen beruht und sich regelhaft wiederholt. Typisch sind dafür zum Beispiel Naturgesetze. Das Gesetz von der Anziehung der Massen besagt, dass zwei Körper mit jeweils bestimmten Massen sich gegenseitig anziehen und aufeinander zubewegen. Ebenso werden Äpfel im Laufe des Sommers reif. Das ist immer so und kann als Kausalität, als Abfolge von Ursache und Wirkung gelten.
Werden die Äpfel nicht reif, ist dies kein Widerspruch zu der Regel. Hier muss ich nach einschränkenden Bedingungen suchen. Die Äpfel sind zum Beispiel deshalb nicht reif geworden, weil das Frühjahr zu spät angefangen und der Frost zu früh eingesetzt hat.
Kausalitäten beruhen auf Schlussfolgerungen, die gewöhnlich dreigliedrig sind. Sie bestehen aus einer Beobachtung, einer Regel und einer Folgerung. Beispiel: der Apfel fällt vom Baum (Beobachtung), verschiedene Massen ziehen sich an (Regel), die Erde zieht den Apfel an (Folgerung). Ist die Regel allgemein bekannt, kann diese weggelassen werden. Deshalb sind gewöhnliche Vorgänge häufig nicht durch drei Sätze, sondern nur durch zwei Sätze ausgedrückt: der Apfel fällt vom Baum, weil ihn die Erde anzieht. (Ein sehr brauchbares, aber etwas komplexeres Modell bietet das Argumentationsschema von Toulmin.)

Enthymem
Das Enthymem ist ebenfalls eine "zweigliedrige" Schlussfolgerung. Natürlich kann sie auf Regeln basieren. Häufig aber sind es Wahrscheinlichkeiten, die hier genutzt werden. Wenn im Supermarkt abends immer das Hackfleisch vom Rind ausverkauft ist, dann gibt es besonders viele Käufer dafür (ungeachtet der Tatsache, dass der Supermarkt vielleicht viel weniger von der Ware im Angebot hat). Die Wahrscheinlichkeit dahinter ist zwar begründet, aber nicht notwendig: viele Käufer einer bestimmten Ware sorgen dafür, dass diese knapp wird.
Oft bindet sich das Enthymem an bestimmte Einschätzungen oder Wertschätzungen. So wird einer berühmten Persönlichkeit eher geglaubt als irgendeinem Menschen von der Straße. Viele Menschen glauben auch, dass ein teures Produkt besser oder notwendiger sei, als ein billigeres.
Betrachten wir Krimis, dann finden wir in vielen klassischen Whodunits Kausalitäten, durch die ein Fall gelöst wird. Dabei ist es übrigens egal, ob es sich um eine naturwissenschaftlich erwiesene Kausalität handelt oder um eine vom Autor und dessen Vorurteilen geprägte. Wenn der Autor glaubt, dass ein größerer Gehirnumfang auf eine höhere Intelligenz verweise, dann benutzt er dies auch in seiner Konstruktion von Kriminalromanen, ohne die Regel dabei zu erläutern.

Enthymeme sind deshalb so wichtig, weil sie stark sozial geprägt sind. Wird aus einem Haus mit einer Leiche ein kostbares Instrument gestohlen, handelt es sich wohl um einen Raub, bei dem ein Mord passiert ist. Die Regeln im Hintergrund sind folgende: der Täter hat seinen eigenen späteren Vorteil im Blick, also zum Beispiel den Besitz eines kostbaren Gegenstandes; Menschen, die aus persönlichen Gründen morden, stehlen nicht.
Nun hat der Täter allerdings das Instrument nur deshalb gestohlen, weil er eine falsche Fährte legen wollte. Und schon ist der Kommissar dem ganzen auf den Leim gegangen. Der Leser natürlich auch. Besonders auffällig werden Enthymeme dort, wo ein Psychopath zum Serienkiller wird. Der Gerichtsmediziner findet die Spuren an der Leiche, der Tatort liefert weitere Spuren. Das sind die Folgen einer Handlung. Nun gilt es, die Regeln herauszufinden, nach denen der Serienkiller seine Morde verübt. Hier handelt es sich allerdings nicht um Regeln, die unabhängig von ihren Erscheinungsort oder dem sozialen Träger immer gelten, sondern eben um Wahrscheinlichkeiten. Gewohnheiten, vor allem, wenn diese kulturell geprägt sind, oder Zwänge und Wahnvorstellungen gehören zu diesen Wahrscheinlichkeiten. Es sind keine Naturgesetze.
Quintilian schreibt, das Enthymem bedürfe der Auslegung, im Gegensatz zum Syllogismus, der eindeutig sei.

Anmerkung: Ich habe hier das Enthymem als Argumentationsfigur etwas über den Daumen gepeilt vorgestellt. Derzeit bin ich noch am Sammeln, was in der Geschichte der Rhetorik alles als Enthymem verstanden wird. Zwei Zitate von Roland Barthes verdeutlichen mein Verständnis des Enthymems:
Die Rhetorik von Aristoteles ist vor allem eine Rhetorik des Beweises, der Beweisführung, des approximativen Syllogismus (Enthymem); sie ist eine absichtlich vergröberte, dem Niveau des Publikums angepasste Logik, das heißt eine Logik des gesunden Menschenverstandes, der gängigen Meinung.
Barthes, Roland: Die alte Rhetorik. in: Das semiologische Abenteuer, Frankfurt am Main 1988, Seite 15-101, hier: Seite 26.

Das Enthymem hat nacheinander zwei Bedeutungen erhalten (die einander nicht widersprechen). 1. Für die Aristoteliker ist es ein Syllogismus, der auf Wahrscheinlichkeiten oder Zeichen beruht, und nicht auf Wahrem oder Unmittelbarem (wie dies beim wissenschaftlichen Syllogismus der Fall ist); das Enthymem ist ein rhetorischer Syllogismus, der einzig und allein auf der Ebene des Publikums entwickelt wird (wie man sagt: sich auf das geistige Niveau von jemandem einstellen) und vom Glaubhaften ausgeht, das heißt von dem, was das Publikum denkt; es handelt sich um eine Deduktion mit einem konkreten, auf eine Darbietung (eine Art annehmbares Schauspiel) ausgerichteten Wert im Gegensatz zur abstrakten, rein für analytische Zwecke angestellten Deduktion; es ist eine öffentliche Beweisführung, derer sich ungebildete Menschen leicht bedienen können.
ebenda: Seite 60

Indizien und Spuren
Schlussfolgerungen beruhen auf Argumenten. Argumente sind "überprüfbare" Beobachtungen oder Wahrscheinlichkeiten. In Leichenblässe zum Beispiel finden die Gerichtsmediziner in einer Leiche eine Libellenlarve. Diese gehört einer Sumpflibelle. Sumpflibellen kommen an stehenden Gewässern vor und deshalb muss die Leiche an einem stehenden Gewässer gelegen haben. Erst später wurde sie dann von dem Täter an dem Ort platziert, an dem sie von der Polizei gefunden wurde.
Die Libellenlarve gehört zu den Spuren. Eine Spur verweist auf eine vergangene Ursache. Natürlich könnte der Täter die Larve auch bewusst platziert haben (wie zum Beispiel den Totenkopfschwärmer in Das Schweigen der Lämmer), aber das erscheint in diesem Fall als nicht wahrscheinlich. Ursache ist in diesem Fall also, dass die Larve die Möglichkeit gehabt hat, bzw. dass ein Sumpf oder etwas ähnliches in nächster Nähe gelegen hat.
Das Indiz lässt sich von der Spur nicht ganz so einfach trennen. Das Indiz sagt im Prinzip "es gibt (ein noch nicht identifiziertes oder aufgefundenes) X". Wenn die Gerichtsmediziner eine abgetrennte Hand finden, dann ist das ein Indiz dafür, dass irgendwo der restliche Körper existiert. Nun ist die abgetrennte Hand allerdings auch eine Spur. Irgendjemand muss sie (in der Vergangenheit) abgetrennt haben. Sie ist also die Spur eines Verbrechens.
Ganz grob gesagt kann man also diese beiden Begriffe folgendermaßen definieren: die Spur verweist auf eine vergangene Handlung oder ein vergangenes Ereignis; das Indiz verweist auf eine aktuelle, aber nicht wahrnehmbare Existenz. (siehe auch: Zeichen und Bedeutung)

Schlussfolgerung und Argument
Indizien und Spuren liefern dem Kommissar, Gerichtsmediziner, usw. ihre Argumente. Ein Argument ist, entgegen dem alltäglichen Gebrauch, lediglich eine Tatsache, die für einen Beweis genutzt werden kann (hier gefällt mir das alte deutsche Wort besser: Beweisgrund). Solche Argumente werden gesammelt. In Leichenblässe ist die Fundstelle für Argumente meist eine Leiche und der Ort, an dem diese Leiche gelegen hat. So finden die Gerichtsmediziner auf allen diesen Leichen eine ungewöhnlich weit fortgeschrittene Entwicklung von Fliegenlarven. Aus anderen Spuren schließen sie zwar, dass die Leiche seit höchstens fünf Tagen verwesen müsste, aus den Larven aber, dass diese schon seit sieben Tagen aus den Eiern geschlüpft sind.
Wir können hier zunächst sagen, dass ein Argument an sich weder eine Spur noch ein Indiz ist. Erst ihr Gebrauch in einer Schlussfolgerung macht dieses Argument dazu. "Viele Fliegenlarven in diesem Stadium zeigen auf verwesende Fleisch." benutzt die Beobachtung "viele Fliegenlarven" als Indiz; "Viele Fliegenlarven in diesem Stadium beweisen, dass der Körper seit mindestens sieben Tagen verwest." gebraucht dieselbe Beobachtung als Spur.
Spuren und Indizien sind nicht eindeutig.

Disjunktion
Gibt es mehrere Möglichkeiten, von denen aber nur eine richtig sein kann, sprechen wir von einer Disjunktion. Der Tote kann entweder erwürgt oder erstochen worden sein, aber es kann nur eine Todesursache geben. Die Disjunktion enthält also alle Alternativen, die wahrscheinlich sind; die Alternativen widersprechen aber einander. Zumindest in der Logik funktioniert das ganz gut. Im Alltag vergisst man schon mal gerne eine Lösung (oder hat Alternativen, die allesamt zweifelhaft sind). Das Opfer ist weder gewürgt noch durch Messerstiche getötet worden; der Mensch wurde erstickt.

Die Nähe
Wie auch immer man eine Tatsache jetzt im Kriminalroman liest, ob als Spur oder als Indiz, wichtig für den Erzähler ist immer, dass es eine räumliche Nähe gegeben hat. Die Vermischung von Spur und Indiz kann, muss aber nicht getrennt werden. Allerdings gibt es typische Situationen, in denen genau dies wieder wichtig wird. So ist zum Beispiel der Kauf einer Ware an einem bestimmten Ort für die Ermittlungen manchmal besonders relevant. In Donna Leon Krimi Venezianische Scharade werden an einer männlichen Leiche zwei besonders auffällige rote Schuhe gefunden; und der Kommissar stellt fest, dass der Tote offensichtlich erst nach dem Tod "verkleidet" wurde. Die Frage ist dann nicht so sehr, warum der Mann verkleidet wurde, sondern woher die roten Schuhe stammen. Der Kommissar liest also die roten Schuhe nicht als Spur, sondern als Hinweis, dass diese merkwürdigen Schuhe irgendwo verkauft werden. Sie sind ein Indiz auf ein Geschäft. Und natürlich erhofft der Kommissar, dass der Verkäufer sich an den Käufer erinnert und ihm eine Beschreibung liefern kann. Um es ganz penibel zu machen: irgendjemand muss dem Verkäufer "nahe" gekommen sein.
Der Serienkiller in Leichenblässe befindet sich am Romanende auf der Flucht vor der Polizei. Mit seinem Fluchtwagen allerdings baut er einen Unfall und lässt ihn stehen. Der ermittelnde Beamte schließt, dass er irgendwo in der Nähe ein anderes Auto als Ersatz gestohlen hat und wird natürlich fündig. Der Beamte liest also das stehen gelassene Auto als Indiz für einen weiteren Autodiebstahl.

Zufälle und Unfälle
Camilleris Krimi Die Stimme der Violine führt den "Nutzen von Unfällen" vor. Der Kommissar Montalbano lässt sich von einem Polizeibeamte zu einer Beerdigung in einer anderen Stadt fahren. Dieser Polizeibeamte, Gallo, leidet unter dem "Indianapolis-Syndrom", d.h. er fährt immer viel zu schnell. Auf dem Weg zu der Beerdigung läuft ihnen einen Huhn vor das Auto. Gallo weicht aus, fährt dafür aber gegen ein stehendes Auto vor einem einsamen, aber offensichtlich neugebauten Haus. Montalbano hinterlässt einen Zettel an der Windschutzscheibe, wo der Besitzer des Wagens sich melden kann. Nun meldet sich niemand. Montalbano wird unruhig und beschließt auf eigene Faust, sich das Haus näher anzusehen. Was findet er? Eine Leiche!
Wir haben zunächst einen Zufall. Das Huhn kommt aus heiterem Himmel hereingeschneit. Es wird in der typischen Manier von Camilleri als "Selbstmordhuhn" abgetan und verschwindet sogleich wieder aus der Geschichte. Dieser Zufall ist nur ein Auslöser, um den Protagonisten, den Kommissar Montalbano, in die richtige Position zu bringen. Die richtige Position ist, dass sich Montalbano in der Nachbarschaft eines Hauses befindet, das ihn im Laufe des Tages mehr und mehr beunruhigt.
Zufälle und Unfälle geschehen ohne Begründung. Da Krimis häufig auf einer Logik aufbauen, zumindest auf einer Begründbarkeit, sollte man meinen, dass grundlose Ereignisse dort nichts zu suchen haben. Doch das Gegenteil scheint der Fall. Wie die Szene mit dem Huhn den Kommissar "manipuliert", so finden wir dies zum Beispiel auch bei Harry Potter. Harry schleicht nachts durch sein Schulschloss und belauscht "zufällig" den Streit zweier Lehrer. Durch diesen Streit wird er über wichtige Einzelheiten informiert. Man kann an Joanne Rowling sehr gut studieren, wie Zufälle und Unfälle in eine Geschichte eingeflochten werden können. Sie webt allerdings die Zufälle nebenher ein. Im ersten Buch von Harry Potter (Harry Potter und der Stein der Weisen) muss Hagrid mit Harry aus seiner Schatzkammer Geld holen. Hagrid hat allerdings noch einen zweiten Auftrag: ein kleines, schmutziges Päckchen aus einem Hochsicherheitsverlies zu nehmen und nach Hogwarts zu bringen. Harry sieht das und wundert sich, warum ein solches Paket so gut verschlossen ist. Noch ahnt er nicht, dass sich darin der Stein der Weisen befindet, kann es später rückblickend erschließen. In unseren Begriffen: Harry gerät zufällig in die Nachbarschaft eines Gegenstandes, der für die darauf folgende Geschichte wesentlich ist.
Bei Rowling liefern die Zufälle und Unfälle Argumente, die gedeutet werden müssen. Auch Camilleri nutzt diese Art des Zufalls. Die eigentliche Auflösung des Verbrechens gehorcht immer noch der Logik. Schauen wir uns Beckett an, der in Leichenblässe eine etwas andere Vorgehensweise nutzt.

Unfall, Zufall und der deus ex machina
Zu Beginn des Romans begleiten wir die typische Arbeit eines Gerichtsmediziners: er untersucht eine Leiche auf verwertbare Spuren, d.h., dass er die Zeichen zunächst auf ihre physikalische Ursache deutet, dann auf ihre mögliche psychische Ursache. Der Serienkiller entkleidet seine Opfer; dass die Leichen allesamt nackt sind, ist sozusagen die "physikalische Ursache". Der Profiler Irving (ein Profiler erstellt ein psychologisches Gutachten über Straftäter) schließt aus der Tatsache, dass die Ermordeten entblößt und allesamt männlich sind, dass der Täter homosexuell sei; das wäre eine mögliche psychische Ursache.
Nun ist es aber Zufall, dass die gefundenen Körper männlich sind. Man kann dieses Vorgehen falsche Disjunktion nennen. Die Menge der Lösungen, die der Profiler "sieht", ist kleiner als die mögliche Menge der Lösungen. Dies ist eine Möglichkeit, die Geschichte zu manipulieren und zunächst in eine Sackgasse und einen Umweg zu treiben.
Zufälle, so hatte ich oben geschrieben, tauchen im klassischen Whodunit am Anfang auf, während die Lösung des eigentlichen Kriminalfalles einer (vermeintlich) schlussfolgernden Argumentation folgt. Aus den Tatsachen und Ereignissen wird die Identität des Mörders erschlossen. Eine der typischsten Situationen in den ganz alten Krimis findet man im abschließenden Gespräch, in dem der Detektiv (dabei ist ein klassischer Fall Hercule Poirot) alle möglichen Täter in einem Salon versammelt und seine Beweisführung offen legt. Am Ende kann er dann ganz genau sagen, wer den Mord begangen hat.
Dies verläuft bei Beckett anders. Die Libellenlarve, die die Gerichtsmediziner in der Leiche finden, verweist zwar auf ein sumpfiges Gebiet, da die Gegend westlich der Appalachen generell sumpfig ist, würde sich der ursprüngliche Ort, an dem der Tote gelegen hat, sowieso kaum finden lassen (hier findet ihr Fotos von der Sumpflibelle, die in den USA Swamp Darner genannt wird). Zufällig kommt nun David Hunter an einem Waldgebiet vorbei, in dem es von Sumpflibellen wimmelt. Er verlässt sich auf seine "Intuition" und siehe da: er findet ein Haus, das eindeutig auf den Serienkiller hinweist. Dieser Zufall kommt ganz am Ende der Geschichte, widerspricht also dem klassischen Aufbau eines Whodunit. Nun könnte man sagen, dass Beckett einen Thriller geschrieben hat. Aber nach den ganzen vielen Seiten, auf denen uns Beckett durch wissenschaftliche Beweisführungen auf eine logische Aufklärung des ganzen Falles, auf eine entscheidende Lösung hat warten lassen, ist diese Technik doch arg willkürlich eingesetzt. Als ob der Autor nicht mehr gewusst hat, wie er seine Geschichte sonst zu Ende bringen sollte.
Kurz zuvor baut der Serienkiller dann auch noch einen Unfall. Er hat die schwangere Frau vom Leiter der Gerichtsmedizin entführt, indem er mit einem Krankenwagen einen Notfall vorgetäuscht hat. Der sonst so penibel arbeitende Mörder legt hier für die Ermittler eine Spur: er streift ein Auto und rammt dann einen Baum. Am Unfallort stellen die Beamten fest, dass vermutlich der Motor beschädigt ist und dass sich der Täter höchstwahrscheinlich einen anderen Wagen zulegen wird. Nun spricht nichts dagegen, dass auch der perfekte Mörder einen Unfall hat. Aber sowohl die Begegnung mit den Sumpflibelle, als auch der Unfall liefern die entscheidenden Hinweise für den Aufenthaltsort. Die vorherigen Ermittlungen spielen kaum noch eine Rolle. (Ein logisch-erzählerischer Bruch ist zum Beispiel auch, dass sich die Ermittlungen am Anfang auf die Inszenierung der Verwesung durch den Mörder konzentrieren, der Übergang zu dem eigentlichen Motiv aber recht nebensächlich abgehandelt wird.)
Schließlich baut Beckett noch einen sehr ungünstigen Effekt ein, eine Art deus ex machina. Mit dem deus ex machina bezeichnet man eine Lösung, die aus heiterem Himmel in die Geschichte einbricht. In Leichenblässe wird zunächst der Besitzer eines Friedhofes als Hauptverdächtiger identifiziert; dieser befindet sich auch, aber aus ganz anderen Gründen, auf der Flucht vor der Polizei. Erst ganz zum Schluss, als sie den Leichenbestatter schon erschossen haben (der natürlich von dem Serienkiller ebenfalls entführt worden ist), taucht der brave Gehilfe aus der forensischen Pathologie als der eigentliche Täter auf. Er hatte bis dahin eher eine Nebenrolle. Vor allem gab es aber überhaupt keine Hinweise darauf, dass (1) der Friedhofsbesitzer andere Motive haben könnte und (2) der Gehilfe ein schwer gestörter junger Mann ist.
Unbefriedigend ist die Geschichte also deshalb, weil die Hinweise zu offensichtlich manipuliert werden und die Lösung zu willkürlich verläuft.

Bewertung anderer Erzähltechniken Becketts
Zweifellos kann Beckett gut schreiben. Seine Figuren haben die nötige psychologische Tiefe und, was mir sehr gut gefällt, keine Psychologisierung nötig, auch der Serienkiller nicht. Aber nicht nur die Charakterdarstellung, sondern auch die Leserorientierung kann man eigentlich als vorbildlich bezeichnen. Der Leser ist immer orientiert, wo sich der Protagonist gerade befindet. Was als so selbstverständlich gilt, wird häufig nicht gemacht. Gerade von jungen Autoren könnte man hier sehr grobe Fehler zitieren. Personen springen plötzlich von einem Raum in den nächsten oder sie fahren plötzlich mit dem Auto irgendwohin, ohne dass das Motiv dafür klar ist. Hier sind Schriftsteller wie Joan Rowling, Stephen King, Andrea Camilleri und überhaupt die eher "klassischen" Autoren hervorragend zum Studium geeignet. Stephenie Meyer (Twilight) ebenfalls, obwohl ich ihre Geschichten eher mittelmäßig konstruiert finde. Aber bestimmte Erzähltechniken, zum Beispiel auch den Dialog, beherrscht sie für eine Unterhaltungsschriftstellerin hervorragend.
Gute Dialoge findet man auch bei S. Beckett, obwohl er hier, soweit ich das beim ersten Lesen beurteilen kann, insgesamt doch recht farblos und monoton bleibt. Ihm fehlt die Bandbreite an Dialogen und, das finde ich zum Beispiel sehr witzig, er kann seine Figuren nicht "herumzicken" und "flirten" lassen, weshalb Nebengeschichten wie Hunters (erotisches) Interesse an einer der Polizeibeamtinnen mich wenig beeindruckt. Das widerspricht ein wenig seiner guten Charakterdarstellung; er hat hier eventuell eine sehr eingeschränkte Auswahl, die ihm zur Verfügung steht und vielleicht kann er liebende oder hysterische Figuren nicht schildern und bleibt bei seinen ernsthaften und wissenschaftlich orientierten Charakteren.
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