18.05.2013

Simon Beckett: Leichenblässe. Emphase und Adjektiv.

Ich lese seit etwa drei Tagen das Buch Leichenblässe von Simon Beckett. So richtig komme ich nicht voran; das mag daran liegen, dass ich mir die Erzählweise doch genauer ansehe. Auffällig ist, dass Beckett eine recht langsame Gangart pflegt, zum einen durch wesentlich längere Beschreibungen als man dies zum Beispiel von Camilleri oder Simenon kennt. Zudem musste ich natürlich in meinem Hegel (Phänomenologie des Geistes) weiterlesen.
Trotzdem möchte ich auf einige Textstellen bei Beckett hinweisen. Er ist insgesamt ein vielleicht nicht besonders aufregender, aber durchaus kompetenter Schreiber. So beherrscht er zum Beispiel die Personencharakterisierung sehr gut, wodurch seine Figuren eine psychologische Glaubwürdigkeit erhalten, die man heute im Thriller eher selten findet.
Als erstes möchte ich eine Textstelle erläutern, in der "zu viele" Adjektive auftauchen, die aber eine sehr genaue Funktion hat, weshalb es dann doch nicht zu viele Adjektive sind.
[Es ist, weil ich zwischendurch in "meinen" Büchern zur Philosophie der Grammatik hängen geblieben bin, mittlerweile vier Uhr morgens. Ich werde die zweite Anmerkung morgen in einem weiteren Artikel geben:] Zweitens wechselt Beckett eine kurze Passage in die Perspektive des Serienmörders. Diese Stelle ist im Gegensatz zu vielen solcher Perspektivwechsel äußerst akzeptabel, da der Autor sich mit bizarren psychologischen Begründungen (die überbehütende oder eisige Mutter sei an allem schuld!) zurückhält.

Adjektiv und Emphase

Emphase

Die Emphase ist eine Betonung. In einer mündlich vorgetragenen Rede kann man sie sich ein wenig salbungsvoll oder missionarisch vorstellen. In einem geschriebenen Text brauchen wir andere Mittel, um diese Verstärkung deutlich zu machen. Auf der anderen Seite können wir hier keine Übertreibungen gebrauchen, zumindest nicht in einem auf wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit und Spannung angelegten Roman. Wissenschaftlich ist der Roman deshalb, weil er immer wieder wissenschaftliche Erklärungen zur Eingrenzung und Ermittlung des Täters gibt. Hauptfigur ist ein Gerichtsmediziner.

Innensicht eines Serienmörders

Die folgende Stelle wird allerdings aus der Perspektive des Täters geschildert. Auf zweieinhalb Seiten erzählt der Autor aus der Innensicht den ersten Mord des Serienmörders. Es handelt sich um eine betrunkene Frau, die der Mörder in einer Bar schon länger observiert hat. Er wartet, bis sie herausgeschmissen wird. Dann schreibt Beckett folgendes:
Du hast gewartet, bis sie die Geduld des Barkeepers erschöpft hat. Während sie ihn noch angeschrien hat, mal fürchterlich fluchend, mal weinerlich flehend, bist du unbemerkt hinausgeschlichen.
Beckett, Simon: Leichenblässe, Reinbek bei Hamburg 2009, Seite 120
Die drei Adjektive, auf die ich hier hinweisen möchte, qualifizieren das Verb. Die Frau flucht nicht, sondern sie flucht fürchterlich. Wir finden solche Stellen immer wieder bei Beckett. Anscheinend, aber das ist jetzt nur eine grobe Einschätzung, dienen sie dem Kontrast und der Verdeutlichung. An dieser Stelle markieren die beiden Sätze so etwas wie einen Wendepunkt. Vorher lag der Mörder auf der Lauer; jetzt ist er auf der Jagd.

Maßlosigkeit

Die Beschreibung der Frau deutet auf eine Maßlosigkeit hin, während der Täter sehr planvoll und diszipliniert vorgeht. Die Frau ist auffällig, der Täter unauffällig. Die Frau flucht und fleht, der Täter schleicht. Diese Adjektive (die man früher als Adverben bezeichnet hat) und die sehr konkreten Verben selbst bilden so etwas wie eine Spannung: die Frau, die sich betrunken jedem an den Hals schmeißt, kann man nicht mögen; der Mörder dagegen spricht etwas an, das sich viele Menschen wünschen: die Voraussagbarkeit, das Gelingen eines Plans. Trotzdem wünscht man dieser Frau nicht den Tod. Beckett nun kreuzt hier die hintergründigen Bedeutungen sehr geschickt: auffällig/unauffällig, exaltiert/rational, tot/lebendig, Opfer/Mörder.

Adjektive im Prädikat

Die Emphase, wie ich sie hier analysiert habe, kann natürlich nicht für sich alleine stehen, sondern gewinnt ihren Charakter im Kontext. Sie wirkt meiner Ansicht nach nur deshalb, weil von dem Gang der Erzählung her die Schwelle zu einer anderen wichtigen Aktivität überschritten wird (Lauer/Jagd) und weil das Opfer unsympathisch dargestellt wird, aber Opfer bleibt, weil es nur unglücklich, aber nicht bösartig ist.
Schließlich muss man beachten, wo Beckett seine Adjektive hinsetzt. Sie qualifizieren direkt die Verben, also Tätigkeiten. Im ganzen Absatz, in dem die zitierte Stelle steht, findet sich sonst nur noch ein Adjektiv: "… das gelbe Licht der Straßenlaternen …". Auch im vorhergehenden Satz finden sich viele Arten Verben, dagegen gar keine anderen Adjektive. Das ist auffällig und gibt einen brauchbaren Schreibtipp ab:
Sei mit Adjektiven sparsam, es sei denn, du kannst damit ein Verb, also eine Tätigkeit, präzisieren.

Emphase und Kontrast

Die Emphase entsteht, allerdings nur bezogen auf das Zitat, durch sehr konkret vorstellbare Tätigkeiten, die zueinander im Kontrast stehen. Dies muss man übrigens sehr deutlich von einer Detailverliebtheit abgrenzen. Die ganze Passage (Seite 120-122) enthält nur sehr wenige konkrete Merkmale von Gegenständen oder Orten. Nur zu Beginn wird die Frau mit einigen Adjektiven geschildert, anderthalb Seiten später noch einmal die Gasse, in der der Mörder die Frau umbringt. Ansonsten sucht man sie, denn sie sind selten.

Zur Grammatik: die Adjektivgruppe

1. Anmerkung: Die Bezeichnung Adverb ist nicht ganz korrekt. Der Duden nennt sie Adjektivgruppe und definiert: "Satzglied mit einem Adjektiv oder Partizip im Kern" (Grammatik, Seite 860); allerdings handelt es sich hier um ein besonderes Satzglied, das bestimmte Grammatiken als Satzkern betrachten und Prädikat nennen. Dieses bezieht sich immer auf das Satzglied mit dem Verb. Das Adjektiv darin wird adverbial gebraucht, ist aber kein Adverb im eigentlichen Sinne (Grammatik, Seite 262).
2. Anmerkung: In der Grammatik unterscheiden wir zwischen Wortarten und ihrem Gebrauch im Satz. Die Wortarten dienen einer ersten Identifikation. Der Gebrauch im Satz dagegen muss aus dem Kontext erschlossen werden. Verben "werden zu" Teilen eines Prädikats und bestimmen den Satzteil als Prädikat. Die Verwirrung, die hier beim Normalbürger herrscht, ist verständlich. Wortarten stehen "für sich alleine" und sind im Rechtschreibduden zuhause, während Satzglieder nur im Kontext eines Satzes erschlossen werden können, und sowohl formalen Regeln gehorchen als auch der Bedeutung im Zusammenhang.
So macht ein Satz wie "Der Hahn bellt jeden Morgen die Manager aus dem Schlaf." zunächst keinen Sinn. Ein Hahn bellt nicht und wir verknüpfen ihn auch eher mit dem Beruf des Bauerns. Nehmen wir aber denselben Satz als Beispiel für einen unsinnigen Satz, macht genau dieser unsinnige Satz als Beispiel wieder Sinn. Und natürlich können wir hier auch einen Kontext konstruieren, in dem der Hahn eine Kurzform für den Namen "Markus Hahn" ist, der gerade ein Erlebnisseminar mit Managern durchführt. Auch dann macht dieser Satz plötzlich Sinn.
Der "Skandal" an diesem Beispiel ist, dass ein grammatisch korrekter Satz inhaltlich trotzdem völlig wirr sein kann; dass derselbe wirre Satz aber im Kontext von anderen Sätzen wiederum klar werden kann. Und dies zeigt, dass ein Mensch, der allein auf die formale Einhaltung der Grammatik pocht, nur eine sehr einseitige Betrachtung der Sprache betreibt.
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