05.05.2013

Despotismus à la Putin: wie man Kinderspielplätze baut

Eigentlich wollte ich darüber nun nicht schreiben, aber irgendwie lässt mich dieser Gedanke nicht los. Er hat wohl Großes mit mir vor. Vielleicht war es auch einfach nur, dass ich, als ich Merkels Gespräch mit sechs Bürgern gesehen habe, ein unangenehmes Echo hatte: Putin und seine Fragestunde. Beide Gespräche waren inszeniert.
Damit soll Frau Merkel nicht schlecht gemacht werden. Sie hat für die Inklusion geworben, was auch immer das ist. Für mich fehlt hier immer noch der soziologische Gedanke, dass die Kultur auch dazu da ist, den Menschen Konflikte zu liefern. Dieser Gedanke findet sich zwar nicht in den "humanistischen" Soziologien, aber in den "funktionalistischen" (was auch heißen soll: mit einem Marxisten kann man über solche Hypothesen eher nicht diskutieren). Trotzdem: dass ein solches Gespräch inszeniert ist, heißt ja weder, dass vorher alles authentisch verlaufen sei, noch, dass man damit als aufmerksamer Mensch nicht umgehen könne.

Ganz anders als Merkel dagegen Putin. Er hat sich in den Gesprächen gewisse Freiheiten erlaubt. So hat er mit einer Familie gesprochen; eines der Mädchen hat sich einen Kinderspielplatz gewünscht. Putin verspricht diesen.
Jetzt könnte man natürlich sagen, dass das großzügig sei. Aber was bedeutet es schon, wenn sich die russische Regierung einen solchen Gunsterweis erlaubt? Ein Spielplatz ist nicht so teuer. Ich habe gerade ein wenig gegoogelt, allerdings keine Preislisten gefunden, deshalb hier ungefähr eine Überschlagsrechnung: nehmen wir an, ein unbebautes Grünstück koste 1000 € pro m2 (das ist für Berlin nicht unrealistisch). Soll der Spielplatz 40 m2 haben, käme das auf 40.000 €. Das Ausheben und Auffüllen des Sandkastens sowie die Umzäunung kosten ebenfalls 5000 € und die drei Spielgeräte 2000 € (was sogar recht teuer wäre: diese typischen großen Kletterburgen, die man häufiger auf Spielplätzen sieht, habe ich aus Holz für 500 € gefunden). Wir wären also bei 47.000 €. Das Bruttoinlandsprodukt von Russland beträgt (sehr grob) 2000 Milliarden. Davon könnte man immerhin 42,5 Millionen Spielplätze bauen lassen. Anders gesagt, im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt kostet ein einzelner Spielplatz 0,00000235 %.
Die Gunst, die hier Putin erweist, ist nicht nur überraschend kleinherzig. Sie etabliert öffentlich den Filz und die Begünstigung. Andere Kinder haben nicht die Chance, sich vom Staatsoberhaupt einen Spielplatz zu wünschen. Demokratisch wäre es gewesen, wenn Putin ein Gesetz versprochen hätte, nachdem für so und so viele Kinder auf jeden Fall ein Kinderspielplatz gebaut werden müsse. Dann wäre der Effekt strukturell gewesen, für ganz Russland gedacht.
So aber empfängt der Despot die Bittsteller und verteilt Almosen.
Lotteriespiel statt Rechtsstaat.
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