09.05.2013

Storytelling & Businessmetaphern

Storytelling, so lese ich gerade, werde in der Wirtschaft immer wichtiger. Ende der Behauptung. Manchmal findet man sogar eine Begründung: Geschichten ließen sich wesentlich besser einprägen. Zugegeben: das kann ich nachvollziehen. Dagegen sehe ich aber auch, dass diese so genannten Profis teilweise nichts zu sagen haben. (Zwischenbemerkung: natürlich gibt es sie, diese Menschen, die allein schon an der Auswahl der Themen, die sie für das Coaching anbieten, zeigen, dass sie einen Zusammenhang gut begriffen haben.) Insbesondere liegt das an unscharfen Begriffen. Erzählungen haben mit Metaphern nur bedingt etwas zu tun. Sie werden aber durcheinander geschmissen, zumindest teilweise.
Für meine Blogleser wird es nicht neu sein, dass ich hier auf eine ordentliche Trennung dieser Begriffe poche. Für meinen Buchtitel Metaphorik. Strategien der Verbildlichung habe ich deshalb Kritik einstecken müssen. Denn hier bediene ich die schlechte Begriffsweise. Das habe ich zwar bewusst gemacht, als Werbeeffekt und damit dem Marktsegment Berater und Coaches gehuldigt. Glücklich bin ich damit aber nicht. Ursprünglich, so mein Arbeitstitel, sollte dieses Buch kantsche Begriffe tragen: Hypotypose. Strategien der Versinnlichung. Aber ihr werdet zugeben müssen, dass dieser Titel noch unattraktiver ist.

Wie verführerisch es sein kann, dass bestimmte Begriffe nicht durch Logik, sondern durch Gewohnheit zusammengehören, sieht man an den Kommentaren zu dem "Buch" (es handelt sich wohl in diesem Fall um 50 Karten) Storytelling: Businessmetaphern in 50x2 Minuten. Offensichtlich sind es aber weder Geschichten, noch Metaphern, auch keine Regeln für das Geschichtenerzählen, sondern etwas, was Kant Maximen nennt und als allgemeine Handlungsanweisungen definiert. Jedenfalls ist die Verwirrung unter den Rezensenten groß.
Um noch einmal ein Grundgerüst zu liefern, mit hoher Abstraktion, erkläre ich deshalb den Unterschied zwischen Paradigma und Syntagma. Beide Begriffe tauchen früh im 20. Jahrhundert in der Linguistik auf und sind dann auf verschiedenste Art und Weise aufgegriffen worden.

Paradigma

Ein Paradigma beschreibt alle Phänomene, die an einem bestimmten Platz "sinnvoll" sind. Das ist sozusagen die theoretische Beschreibung. In der Praxis drückt sich ein Paradigma allerdings nicht durch eine Aufzählung aus, sondern dadurch, dass ein einzelnes Element aus dem Paradigma ausgewählt werden muss. Man kann sich dies sehr gut am grammatisch korrekten Satz ansehen:
"Das Auto bewegt sich Richtung Norden."
Das ist sozusagen unser Ursatz. Nun kann ich anstelle von "das Auto" auch andere Wörter schreiben, zum Beispiel:
"Der Flüchtling bewegt sich Richtung Norden."
Damit können wir sagen, dass das Auto und der Flüchtling zum selben Paradigma gehören, weil beide in die Satzregeln hinein passen. Dasselbe kann ich mit Lauten/Buchstaben machen. Hund und Hand unterscheiden sich nur durch einen Vokal. In der Umgebung von H*nd verhalten sich also der Buchstabe U und A paradigmatisch.
Manchmal findet man für bestimmte Mengen die Bezeichnung Paradigma. Die vier Elemente (Luft, Feuer, Wasser, Erde) seien dann ein Paradigma. Hier benutze ich allerdings lieber die Bezeichnung Gruppierung oder kulturelle Gruppe.
Wir können dies auch in der Kultur, die nicht schriftlich ist, feststellen. Bei einem Architekturwettbewerb haben sich zehn Architekten mit ihrem Entwurf beworben. Allerdings kann auf dem Grundstück nur ein Haus gebaut werden. Ebenso ist es mit Erzählungen. Es gibt typische Erzählmuster, zum Beispiel in einem Krimi, aber je nachdem, welches Erzählmuster ich auswähle, verändere ich den Verlauf der Erzählung selbst. Möglich sind allerdings eben verschiedene dieser Erzählmuster.
Halten wir fest: ein Paradigma bietet die Möglichkeit, an einer Stelle verschiedene Elemente zu platzieren, bloß eben nicht gleichzeitig.

Syntagma

Ein Syntagma beschreibt die Regeln oder Gewohnheiten, nach denen ein Element auftauchen kann. Betrachten wir folgende Sätze:
"Das Auto bewegt sich Richtung Norden."
"Das Auto kommt aus Frankfurt."
"Das Auto befand sich eine Zeit lang im Besitz von George Clooney."
Alle diese Sätze fangen mit denselben Wörtern an, verändern sich aber dann. Diese Veränderungen zu einem bestimmten Phänomen nennt man ein Syntagma. Wie man von dem Satz weiß, bestehen Syntagmen aus mehr oder weniger festen Regeln. Im Falle des Satzes werden diese Regeln in der Grammatik gesammelt. Doch erst die Bedeutung regelt das genauer. Ein Satz wie:
"Das Auto stieg in die warme Londoner Frühlingsluft."
macht in unserem Alltag wenig Sinn, obwohl er grammatisch korrekt ist. In der Umgebung von Harry Potter dagegen gewinnt der Satz eine "normale" Bedeutung.

Fasst man die Unterscheidung zusammen, dann kann man zunächst eine Nähe zu dem Kontrast Raum/Zeit feststellen. Im Raum liegen die Gegenstände nebeneinander (Paradigma). In der Zeit folgen sie nacheinander (Syntagma). Ebenso kann man eine gewisse Ähnlichkeit mit Menge/Reihe feststellen. In einer Menge befinden sich Elemente, die ich unter gewissen Beziehungen gleich benutzen kann (Paradigma). Eine Reihe dagegen beruht auf bestimmten Regeln, nach der ich ähnliche Reihen herstellen kann (Syntagma).

Paradigma und Syntagma in der Erzählung

Wer sich mit den Bausteinen der Erzählung auseinandersetzt, wie ich, versucht natürlich solche Paradigmen und Syntagmen zu systematisieren. So gibt es zum Beispiel verschiedene Möglichkeiten, den Helden charakterlich zu gestalten. Er kann ein flammender Draufgänger sein, ein gewissenhafter Wissenschaftler oder ein zweifelnder Künstler. Und hier sind 1000 andere Beispiele möglich. Dieses Paradigma taugt wenig für eine Systematisierung, weil es viel zu umfangreich ist. Ein präziseres Paradigma wäre zum Beispiel: die Helden bei Shakespeare, also Lear, Hamlet, Othello, usw.
Orte lassen sich hier besser erfassen, vor allem, wenn man Konventionen folgt. Der jugendliche Raufbold zum Beispiel kann in einem Familiendrama auftauchen. Dessen Ort ist relativ fixiert auf das Haus der Eltern und die nähere Umgebung. Oder er gerät in ein Gespensterhaus, dass relativ abgeschottet ist und dem er (natürlich zusammen mit einer ganzen Gruppe anderer Jugendlicher) nicht entgehen kann. Flieht der Jugendliche von zuhause, befindet er sich auf einer Reise, auf der verschiedene Orte "besucht" werden. Das zweite Beispiel verweist auf einen Horrorroman, das dritte zum Beispiel auf einen Bildungsroman.
Das Familiendrama zeigt dann verschiedene typische Orte, das Wohnzimmer, die Küche, das Zimmer des jungen Mannes, eventuell der Speicher und natürlich in irgendeiner Weise das Haus des angebeteten Mädchens, Klassen in der Schule, usw. Diese werden dann nach bestimmten Prinzipien, Gewohnheiten oder Regeln angeordnet, nach Erzählschemata.
Solche typischen Abfolgen findet man zum Beispiel mit Gefangenschaft-Befreiung, Katastrophe-Rettung, Streit-Versöhnung, Verbrechen-Aufklärung, usw. Man findet sie ebenfalls in Kochrezepten. Es gibt zahlreiche Arten, einen Käsekuchen herzustellen (das ist allerdings noch das Paradigma in diesem Falle). Durch die unterschiedlichen Zutaten sind die Handlungsabfolgen allerdings unterschiedlich und jeweils nützlich angepasst. Das Backen erfordert also Regeln für eine Abfolge, also ein Syntagma.
Hier noch einmal in Übersicht das Schema:

Syntagma und Paradigma in der Verbildlichung

Die Verbildlichung, von Kant Hypotypose genannt, stellt Ideen dar, die nicht anschaulich sind. Ich hatte schon öfter Beispiele für Ideen genannt. Hier sind sie noch einmal: Motivation, Menschenkenntnis, Liebe, und so weiter. Auch hier lassen sich zwei Typen unterscheiden, also eine paradigmatische und eine syntagmatische Verbildlichung. Zu der syntagmatischen Verbildlichung gehören alle Textphänomene, die in irgendeiner Weise Handlungsabfolgen zur Illustration eines Sachverhalts benutzen, also zum Beispiel das Gleichnis oder die Parabel. Zu der paradigmatischen Verbildlichung kann man Metaphern und Analogien, die pictura (wenn auch nur bedingt) zählen: sie "ersetzen" ein oder mehrere andere Wörter.
Allerdings kann man hier nicht so trennscharf unterscheiden. Eine Parabel zum Beispiel ist (oft) voller Metaphern. Je komplexer ein Text wird, umso eher verzahnen sich auf unterschiedlichen Ebenen die Strategien der Verbildlichung. Sie unterstützen sich in der Textwirkung oder beißen sich.
Analytisch gesehen jedenfalls sollte man sie auseinanderziehen und einteilen können.

Storytelling & Businessmetaphern

Ich hatte mich ja schon öfter darüber beklagt, dass die moderne Coaching-Theorie die Erzählung und die Metapher durcheinander schmeißt. Die Erzählung benutzt natürlich Metaphern. Zunächst aber wird eine Erzählung durch Handlungen definiert und zwar durch mindestens zwei Handlungen, die miteinander verknüpft sind. Dies ist zum Beispiel eine dieser minimalen Erzählungen:
Die Königin wurde geköpft. Der König weinte.
Der Zusammenhang wird über das Paar Königin/König gebildet und dadurch, dass der Leser nachvollziehen kann, dass man weint, wenn die Ehefrau stirbt. Keine minimale Erzählung ist dagegen:
Es regnet. Die Erde wird nass.
Beides sind keine Handlungen. Eine Handlung braucht immer einen Handlungsträger, immer jemanden, der zu dieser Handlung irgendwie motiviert ist.
Erzählungen müssen also syntagmatisch aufgefasst werden, aber natürlich nur, wenn man sie auf dieser abstrakten Ebene des Handelns erfasst. Im Alltag ist eine Erzählung ein abgeschlossener Text mit allen möglichen Strategien der Verbildlichung. Meine Definition von eben ist zwar für den Praktiker unbrauchbar, aber für den Analytiker bietet sie zumindest ein orientierendes Gerüst.
Metaphern dagegen sind eindeutig paradigmatisch. Ich kann beides sagen: es regnet; der Himmel weinte. Ich kann es aber nicht gleichzeitig sagen. Ich muss mich entscheiden.

Wenn heute Metapher und Erzählung durcheinander geschmissen werden, verlieren diese Begriffe an Trennschärfe. Dieser Verlust an Trennschärfe heißt immer auch, dass ich sie nicht mehr präzise einsetzen kann, dass ich ihre Wirkungen nicht mehr überprüfen kann. Vor allem bedeutet es aber, zum Beispiel für mich als Coach, dass ich sie nicht mehr verständlich beibringen kann. Für den Unterricht brauche ich möglichst scharfe Begriffe. Und wenn ich hier keine Schärfe einziehen kann, keine präzise Definition, wie das häufig bei Softskills ist, brauche ich mindestens ganz andere Unterrichtsmethoden. Auf jeden Fall muss ich mich darauf einlassen, dass die Verständlichkeit darunter leidet. Das lässt sich nicht vermeiden, es sei denn man versucht, dieses Problem unter den Tisch zu kehren. Dann aber sieht es leider nur so aus, als habe man kein Problem, hat es aber trotzdem.

Ich kann zu dem Produkt Storytelling: Businessmetaphern in 50x2 Minuten nun wenig sagen. Für mich war es mehr der Aufhänger, die Begriffe Paradigma und Syntagma zu klären. Allerdings ist es doch immer wieder schön, auf einem ungeliebten Phänomen herumzureiten.
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