09.05.2013

Art und Exemplar, oder: Liebe Damen!

Heute habe ich einen Artikel im Tagesspiegel (online) gefunden, den ich höchst bedenklich halte. Er soll wohl ein feministisches Anliegen in den Mittelpunkt rücken, macht dies aber auf eine so unglückliche Art und Weise, dass er, meiner Ansicht nach, genau das Gegenteil bewirken könnte: Einladung von der Bundeskanzlerin: Merkel diskutiert mit Frauen übers Rollenbild.

Biologische Trugschlüsse

Ein immer wieder beliebtes Thema: die Art und das Exemplar. Oder, um es anders auszudrücken, die Verwechslung von Einzelfall und statistischem Mittelwert. Besonders beliebt ist das im Antifeminismus. Einzelne Frauen hätten so und so zu sein, weil der statistische Mittelwert darauf hinweist. Die meisten Frauen würden zum Beispiel einen Kinderwunsch haben. Deshalb müssen auch alle anderen Frauen als eben die meisten eigentlich einen Kinderwunsch haben.
Die Verwechslung von Art und Exemplar geht (oft) einher mit der Verkausalisierung: dies meint, dass eine Ursache-Wirkungskette aufgebaut wird, die den statistischen Mittelwert beweist. Typisches Beispiel: die Evolution habe gewollt, dass Frauen Kinder kriegen. Schließlich findet sich noch das Fehlurteil der Extrapolation: damit ist gemeint, dass aus allen möglichen Urteilen, die es gibt oder geben könnte, genau die herausgezogen werden, die einem in die Argumentation hinein passen. Die Biologisten und Anti-Gender-Aktivisten machen genau das. Evolution ist in Ordnung, weil man so etwas biologisch begründen kann; Neuroplastizität dagegen wird weitestgehend nicht beachtet, weil das ja hieße, dass Frauen durch die sie umgebende Kultur beeinflusst werden können. (Vgl. dazu umfangreicher: Lamarckismus. Noch einmal: Die Elefanten meines Bruders)

Die gläserne Dame

Im Tagesspiegel steht nun folgendes:
Die Damen sehen zwar allesamt sehr elegant aus, sie haben aber offenbar nicht das geringste technische Verständnis. Erste Frage: „Wie funktioniert denn diese Mikrofonanlage?“
Und man lese hier gründlich: allesamt sehen die Damen elegant aus. Alle. Keine Rastalöckchen, keine Jeans, kein selbst gestrickter Pullover, keine Ringe in den Augenbrauen. Alle eben und alle elegant. Leider nur "zwar". Man wird uns wohl gleich die ganze Wahrheit erzählen.
Offenbar hätten die Damen … Was hier so offenbar ist, lässt sich kaum nachvollziehen. Als ob die Damen, und zwar sämtliche, der Journalistin gläserne Körper seien. Sie haben auch nicht Probleme, diese eine Mikrofonanlage zu bedienen, sondern gleich nicht das geringste (!) technische Verständnis. Zwar schreibt die Autorin, dass hier ein Klischee bedient wird, aber wenn dieser Satz ironisch sein soll, dann auf eine sehr ungekonnte und deshalb üble Art und Weise. Er bestätigt eigentlich ein Klischee.

Technisches Verständnis

Das Klischee ist übrigens in seiner Grundform folgendes: man könne, wenn man denn nur technisches Verständnis hat, die Funktionsweise eines Gerätes durchschauen. Darin steckt noch der Aberglaube, man könne anhand eines Gesichtes oder einer Mimik auf den Charakter schließen. Dass dieser Aberglaube dann im technischen Bereich geschlechtsspezifisch verteilt wurde, hat historische Ursachen. Unter den Frauen, die Frau Merkel besucht haben, befinden sich zum Beispiel Chefärztinnen. Wer sich heute die Medizin ansieht, das, was in einem Krankenhaus nicht auf der Pflegestation, sondern in den Labors und Operationssälen stattfindet, muss eigentlich zwangsläufig davon ausgehen, dass die hier arbeitenden Menschen ein großes technisches Verständnis brauchen, größer, als dies in der allgemeinen Gesellschaft üblich ist.

Klischees: Art/Exemplar, Elitebildung

Soweit das allgemeine Klischee. Nun das Klischee, das in dem Artikel des Tagesspiegels bedient wird (es handelt sich um die Passage direkt im Anschluss an das obige Zitat):
Doch Frau Merkel ist Pragmatikerin, Physikerin und Regierungschefin. So ein kleines Problemchen hält eine Frau wie sie nicht auf. „Einfach aufklappen“, rät sie, „dann geht das schon.“
Und wirklich – gut eineinhalb Stunden reden die Frauen über das eine Thema, das sie alle beschäftigt: [...]
Fast unbemerkt kehrt sich nämlich hier die Fehlargumentation von Art und Exemplar um, als Ausnahme. Im allgemeinen nämlich hätten Frauen nicht die geringste Ahnung von Technik, aber die Frau Merkel, die hat ja Physik studiert, unter anderem offensichtlich auch zwei Seminare über "Moderne Mikrofonanlagen bedienen". Was man im Physikstudium der DDR eben so macht. Und dann ist es auch kein Wunder, dass dieses kleine Problemchen eine Frau wie sie nicht aufhält. Andere Frauen natürlich schon. Die sitzen dann da und schwitzen und müssen ständig auf Toilette rennen, um sich ihr zerfließendes Make-up zu erneuern.
Die Ausnahme als Beispiel soll natürlich darauf hinweisen, dass man (die Autorin) schon andere Perspektiven im Blick hat, aber die allgemeine Erfahrung und Statistik … So kann man über undifferenzierte Sichtweisen jedenfalls gut hinwegtäuschen. ("Ich kannte tatsächlich mal eine Frau, die war in Mathematik richtig gut. Leider ist sie jung gestorben.")
Die andere argumentative Wirkung, die die Ausnahme verursachen kann, ist die Elitebildung. Weil Frau Merkel Regierungschefin ist, kann sie selbstverständlich mit der Technik umgehen; weil Frau Merkel Physikerin ist, kann sie selbstverständlich mit der Technik umgehen; weil Frau Merkel Pragmatikerin ist — meine Kaffeemaschine springt seit einigen Tagen beim Aufbrühen immer wieder auf Aus: ich würde sie Frau Merkel trotzdem nicht zur Reparatur in die Hand drücken.

Oppositionen und Brüche in der Argumentation

Das entscheidende Wort ist hier das "doch". Es verweist auf einen Gegensatz, bzw. mindestens auf eine deutliche Trennung. Frau Merkel ist nicht wie die anderen Damen, sondern womöglich noch viel erfolgreicher. Auf jeden Fall kann sie das, was den anderen Frauen versagt ist. Diese argumentative Opposition wird gestützt von einer semantischen Opposition und pointiert durch zwei rhetorische Figuren. Das eine ist eine Übertreibung (Hyperbel): "nicht das geringste technische Verständnis", das andere eine Untertreibung (für die es, soweit ich weiß, keinen klassischen Namen gibt): "kleines Problemchen". Da diese beiden rhetorischen Figuren auf unterschiedliche soziale Träger verteilt werden und einen scharfen Kontrast bilden, übertragen sie diesen Kontrast in die sozialen Träger hinein. Sofern man sich, als Leser, nicht dagegen wehrt (sie resignifiziert, wie Judith Butler manchmal sagt).
Die Stelle besagt nichts anderes, als dass Frau Merkel nicht irgendeine erfolgreiche Dame ist, sondern weitaus höher steht. Nun habe ich ja nichts dagegen, dass man sich mit Frau Merkel besonders intensiv auseinandersetzt. Doch hier schleichen sich, wie übrigens zurzeit in vielen eher konservativ gehaltenen Artikeln, Ideen einer Monarchie ein, die weder der Arbeit von Frau Merkel kritisch gegenüber stehen, noch einen Gedanken an demokratische Prozesse verschwenden. (Und um es nochmal deutlich zu sagen: mir geht es nicht darum, was Frau Merkel tatsächlich denkt und will; ich untersuche ich hier nur rhetorische Wirkungen eines journalistischen Textes.)
Noch viel seltsamer allerdings gebärdet sich die kurze Phrase "und wirklich". Lässt man sich diese Stelle gründlich auf der Zunge zergehen, dann scheint es so, als habe Frau Merkel durch ihren kurzen Rat die ganze Situation gerettet. Ohne Mikrofon können Akademikerinnen eben nicht reden oder so ähnlich!
Man muss sich diesen Bruch deutlich machen: auch hier wird ein einzelnes Ereignis zum Aufhänger für eine unterschwellige Schlussfolgerung. Der logische Fehler ist die Extrapolation. Solche Brüche muss man allerdings lesen lernen.

Der Teufel steckt im Detail, manchmal aber auch die Teufelin

Die Journalistin des Tagesspiegels hat einen äußerst problematischen Artikel abgeliefert. Ihre Intention war wohl, ironisch zu sein und mit den Klischees zu spielen; stattdessen unterstützt sie all diese kleinen Mythen und Hierarchisierungen hervorragend. Selbst ein Satz wie "Die Anwesenden sind konstruktive Arbeit an der Sache gewohnt, hier trifft sich kein Kränzchen zum Tee." suggeriert einen eindeutigen Kontrast: Entweder die konstruktive Arbeit oder das Kaffeekränzchen, entweder eine gute Frau oder eine schlechte, eine Karrieristin oder eine Hausfrau.
Und schließlich fällt den Frauen zur steuerlichen Anerkennung auch nichts anderes ein, als Putzhilfen und Kindermädchen zu entlasten. Nun habe ich prinzipiell dagegen gar nichts, aber diese Verengung auf diese klassischen, schlecht bezahlten Frauenberufe zeigt doch, dass mindestens die Autorin des Artikels Frauen nur als Akademikerinnen im Blick hat. Den Feminismus auf studierte Frauen zu verkürzen ist ja auch eine Art von intellektuellem Luxus.
Jedenfalls sollte klar geworden sein, dass diese Geschlechterhierarchie nicht nur in Bevölkerungsgruppen steckt, sondern in die Einzelanalysen hineingehen muss und die vielen kleinen, rhetorischen Kniffe hervorheben muss. Diese Kniffe machen im einzelnen natürlich nicht den Antifeminismus aus, aber insgesamt tragen sie ihn doch. Sie blenden Argumente aus, sie verschärfen Kontraste, sie spielen über Argumentationsbrüche hinweg, und so weiter.

Extrapolation und die Topik

Ich hatte mich in früheren Artikeln schon ausführlicher zu der Verwechslung von Art und Exemplar geäußert, ebenso zu den falschen oder nicht beweisbaren Kausalitäten. Die Extrapolation war noch nicht ein großes Thema, jedenfalls nicht als Theorie.
In der Rhetorik gibt es ein Teilgebiet, das sich Topik nennt. Es ist abgeleitet von dem griechischen Wort topos, der Ort. Die Topik behandelt die Fundorte für mögliche Argumente oder, als Frage formuliert: wo kriege ich meine Argumente her?
Hier gibt es nun zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Auf der einen Seite kann man alle Argumente sammeln und bedenken (das ist ungefähr die Position von Aristoteles), auf der anderen Seite kann man alle Argumente zusammensuchen, die einem nützlich sein könnten, ohne tatsächlich so etwas wie eine vollständige Sammlung zu versuchen.
Die Extrapolation ist nun eine Art Karikatur dieser zweiten Position: Sie nimmt ein nützliches Argument, ordnet alle anderen Argumente diesem einen unter und wertet gegensätzliche Argumente ab, entweder, indem das Argument gar nicht erst beachtet wird (mein Beispiel oben war die Neuroplastizität) oder man denunziert einen der Träger dieses Argumentes (wie dies zum Beispiel häufig mit Judith Butler passiert).
Wenn wir also Argumentationen untersuchen, müssen wir auf folgendes achten:
  • Wurden alle Argumente beachtet?
  • Wem nützt diese konkrete Argumentation?
Im weiteren müssen wir allerdings auch, wie in diesem Artikel des Tagesspiegels, auf die rhetorische Schicht achten. Denn diese kann sich manchmal ganz anders verhalten, als die Oberfläche eines Textes. Ich hoffe, dass ich das zeigen konnte.
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