13.05.2013

Humor: wann Detailverliebtheit sinnvoll ist

Eins meiner Projekte, das ich nebenher immer wieder weiterführen, ist die Rhetorik des Humors. Das ist eine schöne Aufgabe, aber relativ komplex. Einfacher dagegen sind bestimmte Phänomene im Text, die entgegen den Empfehlungen für junge Autoren gerade in humorvollen Texten wichtig sind. Ich habe hier zwei zusammengefasst: den übermäßigen Gebrauch von Adjektiven (auch Adjektivitis genannt) und die übertriebenen (hyperbolischen) Aufzählungen.

Adjektivitis
Walter Moers beschreibt in seinem Roman "Der Schrecksenmeister" die Stadt Sledwaya (eine deutliche Anspielung auf Gottfried Kellers Seldwyla):
"Eine kleine Stadt mit krummen Straßen und schiefen Häusern, über der ein schauriges schwarzes Schloss auf einem dunklen Felsen thronte." (Seite 9)
Warum funktioniert dieser Satz? Schlicht gesagt: er wirkt lächerlich, und weil er lächerlich wirkt, passt er in den skurrilen Kontext.
Jedes Objekt ist mit einem Adjektiv versehen. Aber nicht nur das: alle diese Adjektive passen zu einer bestimmten Isotopie (Ebene der Bedeutungsgleichheit: siehe meinen Artikel Isotopien (Ilse Aichinger: Kleist, Moos, Fasane)). In diesem Fall, zusammen mit der ganzen Textstelle, in der dieser Satz auftaucht, kann man die Isotopie mit "Krankheit und Tod" benennen.
Semantisch gesehen wird die Isotopie verdichtet. Es gibt nur Krankheit und Tod und nichts, was alternativ aufgesucht werden kann. Damit aber landen wir bei einer Art syntaktisch-textuellen Hyperbel, einer Übertreibung, die in die Karikatur hineinspielt. Übrigens benutzt Moers diese Art der Hervorhebung eher selten. Häufiger sind bei ihm Beschreibungen, die zwar viele Details benennen, aber die Mittel zur Darstellung deutlich variieren. (Das ist eine meiner Sammlungen zu Walter Moers: die hyperbolische/satirische Beschreibung.)

Übertriebene Aufzählung
Immer wieder finden sich bei Moers Aufzählungen. Meist haben diese die klassische Form der Dreierfolge, wie zum Beispiel hier:
"Eine Stadt, in der man nicht lebte, sondern vegetierte. In der nicht geatmet wurde, sondern geröchelt. In der niemand lachte, sondern jeder jammerte." (Seite 9)
An dieser Textstelle fällt vor allem auf, dass ein allgemeines Verb (leben, atmen) durch ein Wort ersetzt wird, das "noch irgendwie" zur gleichen Isotopie wie das allgemeine gehört, aber im selben Moment die Isotopie "Krankheit und Tod" genauso benennt. Eine zweite Sache fällt auf: die Wiederholung wird auf der syntaktischen Ebene durch eine Anapher gestützt. Die Anapher ist eine rhetorische Figur. Sie bezeichnet eine Häufung gleicher Satzanfänge, bzw. gleichgestellter Satzteile. In diesem Fall finden wir die Phrase "in der man nicht …". Diese rhetorische Figur kann man allerdings auch häufig in politischen Reden beobachten, zum Beispiel, wenn ein Oppositioneller der Regierung alle ihre Fehler vorhält. Es gibt dort ein schönes Beispiel von Jürgen Trittin, in der er zehnmal oder zwölfmal den gleichen Satzanfang benutzt, um der CDU vorzuwerfen, welche Wahlversprechen sie alle gebrochen hat. Leider finde ich gerade nicht das Video auf YouTube.
Ebenso ist die Anapher ein stilistisches Mittel in der Kinderliteratur:
Der Opa behauptet, er kennt Rosalindes Gedanken im Kopf trotzdem. "Wenn du denkst und dabei Nase bohrst", sagt er, "dann hast du Ein-mal-eins-Gedanken im Kopf!" 
"Wenn du denkst und dabei deine Zungenspitze aus dem Mund schaut, hast du Kleinschreib-Großschreib-stumme-H-Gedanken im Kopf", sagt er. 
"Und wenn du denkst und dabei die Augen zukneifst und ganz dünne Lippen bekommst, dann hast du Wut-auf-jemanden-Gedanken im Kopf", sagt er. 
"Und wenn du beim Denken runde Glitzeraugen und feuchte Lippen bekommst, dann hast du Schlagoberstorte- möchte-ich-Gedanken im Kopf", sagt er. 
Der Opa sagt, er hat Rosalinde jahrelang genau beobachtet, er weiß Bescheid. Er kennt sich in Rosalindes Kopf so gut aus wie in seinem eigenen. 
Nöstlinger, Christine: Rosalinde hat Gedanken im Kopf. Hamburg 1981, Seite 5-6.
Natürlich sind solche Wiederholungen auch humorvoll. Sie haben in diesem Fall aber (meiner Ansicht nach) vor allem auch einen pädagogischen Effekt: sie verdeutlichen (oft) ein Problem. ("Oft" heißt, dass dies nicht die einzige rhetorisch-textuelle Wirkung ist, die bei Kinderliteratur genutzt wird. In den Petterson-und-Findus-Büchern dient sie der genaueren Beschreibung; oder sie kann auch einen dramatischen Effekt in die Länge ziehen.)
Eine weitere, übertriebener Aufzählung steht fast direkt zu Beginn, am Ende des ersten Absatzes:
In der es die seltensten Bakterien und kuriosesten Krankheiten gab: Hirnhusten und Lebermigräne, Magenmumps und Darmschnupfen, Ohrenbrausen und Nierenverzagen. Eine Zwergengrippe, die nur Personen unter einem Meter Körpergröße befiel. Geisterstundenkopfweh, das Schlag Mitternacht begann und Punkt ein Uhr verschwand, jeweils am ersten Donnerstag jedes Monats. Phantomzahnschmerzen, die ausschließlich Leute bekamen, die schon Gebisse trugen. (Seite 9)

Schluss
Wiederholungen und der übermäßige Gebrauch von Adjektiven sind also keine stilistische Fehlgriffe, wenn sie im richtigen Kontext benutzt werden. Die humorvolle Literatur (mit der ich alle Literatur bezeichnet, deren Intention es ist, die Menschen zum Schmunzeln oder zum Lachen zu bringen) lebt geradezu von diesen rhetorischen Phänomenen.

Die Rhetorik des Humors ist allerdings insgesamt eine recht komplexe Angelegenheit. Er hat das mit Sicherheit selbst gemerkt: hier verflechten sich so viele stilistische Besonderheiten ineinander, dass man sie in ihrer gemeinsamen Wirkung kaum zu trennen vermag. Das ist eines der Probleme, mit denen ich mich bei der Analyse und der systematischen Darstellung herumschlage. Denn eigentlich wollte ich schon letztes Jahr im Spätsommer ein Büchlein über die rhetorischen Mittel bei Walter Moers veröffentlichen. Aber gerade Moers zwingt einen dazu, dann sämtliche rhetorischen Teilgebiete mitzuanalysieren. Meine erste Rohfassung dieses Textes ist viel zu lang und ausufernd geworden, meine zweite, in der ich mich auf zentrale Aspekte von Moers' Humor bezogen habe, zu kurz und, so fürchte ich, zu unverständlich.
Da ich gerade dabei bin, meine Kommentare des letzten Jahres in meinen Zettelkasten einzubinden, bin ich auf diese Aufzeichnungen gestoßen. Ich habe die ersten davon herausgegriffen (deshalb zitiere ich nur den Anfang des Romans), um sie hier vorzustellen.
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