02.03.2009

Gracchen; Codierung durch Besitz/Eigentum

Die Optimaten waren im alten Rom eine Gruppe von Adeligen und Senatsangehörigen, die die Macht der Volkstribune einschränken wollte. Die Popularen verfolgten ein dementsprechend entgegengesetztes Ziel.
Was war der Hintergrund dieser Spaltung, die mit den Proskriptionsgesetzen von Sulla in einer umfangreichen Ermordung politischer Gegner gipfelte?
Damals bestand das römische Heer aus den römischen Bürgern, die durch den Heerdienst eine Art Bringeschuld gegenüber dem Staat erfüllten. Die meisten Bürger waren Bauern. Mit dem zweiten punischen Krieg geriet dieses wirtschaftliche Gefüge in eine Krise. Die Bauern waren teilweise auf Jahre von zu Hause fort, ganze Familien waren, männerlos, vom "Aussterben" bedroht. Viele Gehöfte gingen während und nach dem Krieg zugrunde.
Viele der Bauern mussten sich dem Proletariat anschließen. Das Land ging in den Besitz der Eliten über, die diese dann verpachteten, die meisten Gewinne aber für sich einstrichen. Damit war erstens nicht nur die Heeresstruktur gefährdet: nur freie Bauern waren zur Aushebung vorgesehen, sondern durch die Pauperisierung des Proletariats entstand auch eine starke politische Unruhe.
Hintergrund dieser gesellschaftlichen Verwerfung ist auch eine Trennung zweier Begriffe, und durch diese Trennung erklärbar, die zunächst nicht so eindeutig verschieden sind, die von (physischem) Besitz und Eigentum. Eigentum ist ein juristischer Begriff, deren andere, aber nicht eindeutige Seite der Besitz als ökonomisches Gut ist. Doch schon alleine hier liegt ein Denkfehler vor. Erst wenn es eine Rechtssicherheit gibt, das heißt ein juristisch fundiertes Vertrauensverhältnis ins Eigentum, kann es einen ökonomisch so verwertbaren Besitz geben, dass daraus die besonderen Produktionsbedingungen einer Geld- und Kreditwirtschaft erwachsen. Ist dieses Vertrauensverhältnis massenweise und in einem ausdifferenzierten, arbeitsteiligen Warenproduktionssystem angelegt, dann sind die Voraussetzungen für den modernen Kapitalismus geschaffen. Dies war die zugleich bürgerliche und dann industrielle Revolution.
Nur Eigentum kann gekauft, beliehen und belastet werden. Der physische Besitz dient zwar häufig als Grundlage desselben, aber erst die Rechtssicherheit, dass ein bestimmter Besitz auch ein jeweiliges Eigentum ist, ermöglicht den Tausch oder den potentiellen Tausch (Hypothek).
Diese doppelte, sowohl juristische als auch ökonomische Codierung ruft Spezialisierungen hervor und damit abgelöst auch getrennte Wirkungsgefüge. Das Kreditwesen, insbesondere die Banken, haben zwar Eigentum, aber keinen Besitz. Der Besitz besteht nur aus dem potentiellen Gegenwert an Besitzen all derjenigen, die sich Kredite genommen haben (was sehr naiv und vereinfacht ausgedrückt ist). Nun hat dieses Eigenverhalten des Kreditwesens eine deutlich andere Entwicklung als die des Besitzes genommen.
Vertrauen in Eigentumsverhältnisse sind nur solange kreditwürdig, solange ein entsprechender Gegenwert angenommen werden kann. Besitz dagegen ist nur auf dem Besitz und seine Marktförmigkeit auf seinem aktuellen Gegenwert aufgebaut. Wenn der Besitz nun bis zum Höchstmaß kreditiert ist, also im Prinzip dem Kreditgeber gehört, nun aber der Markt einbricht, gibt es für den Besitz keinen Gegenwert mehr, und damit gerät auch das Eigentum in eine Krise. Laut Eigentumsrechten besitzt der Kreditgeber nun den Gegenwert seines Kredits, der aber nicht mehr der Gegenwert ist, sondern, konjunkturell bedingt, darunter liegt. Damit ist der Tausch in seiner juristischen Grundlage, dem Eigentum, erschüttert. Da diese juristische Grundlage erst den monetären Warentausch ermöglicht, da der monetäre Warentausch erst den modernen Kapitalismus ermöglicht, gerät der Kapitalismus in die Krise, sobald Besitz und Eigentum nicht mehr in ein genügend ähnliches Deckungsverhältnis gebracht werden können.
In der FAZ fand ich dazu einen netten Artikel: Das Eigentum in der Krise.
Ähnlich ergeht es ja dem Begriff des Kapitals. Marx definierte seine Geldbegriffe aus der Funktion ihrer Produktionsbedingungen heraus und behielt sich den Begriff des Kapitals für eine ganz bestimmte Produktionsbedingung vor. Der heute üblicherweise verwendete Kapitalbegriff dagegen hat die Produktionsbedingungen unter den Tisch fallen lassen und geht ausschließlich von einem wie auch immer eingebundenen Besitz aus. Man muss ja Marx nicht zustimmen; aber allein der Verlust an Analysefähigkeit sollte doch überzeugen, dass zumindest hier Marx Recht hatte: mehr komplexe Begriffe sind einem komplexen System adäquater als weniger komplexe Begriffe.
Und was die Popularen angeht, so sollte die damalige Lösung lauten, und deswegen wurden die beiden Gracchus-Brüder auch ermordet, die Großgrundbesitzer zu enteignen und den Bauern das Land nicht als Lehen, sondern wieder als Besitz zukommen zu lassen. Die Enteignung schafft allererstens wieder eine genügende Deckung zwischen Besitz und Eigentum, bis eben zur nächsten Krise. 


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