02.03.2009

Luhmann-Listen

Luhmann-Listen sind ein gefährlicher Aufenthaltsort für meine Wenigkeit. Da wird doch gerade seit gestern über die Semantik des Genusses gemailt und ich habe mich bisher erfolgreich geweigert, an dieser Diskussion auch noch mit herumzuwetzen.
Jetzt überkamen mich bei einer dort geschriebenen Mail arge Süchte und Sehnsüchte. Folgende:
Hintergrund der Anfrage bilden wieder einmal Überlegungen zum Thema Design. Die Probierthese wäre, solche Kommunikationen als designtypische Operation aufzufassen, die Ge-Nutz in Genuss transformieren, oder anders: Zwecke genießbar "machen" qua Drapieren, Überzeichnen, Verzeichnen, nah-und-fernlegen.

Mich würde interessieren, ob eine vermutete "massenhafte" Zunahme an Adressen, die für Genussangebote (z.B. als habitus) in Frage kamen, einherging a) mit einer bei "Genuss" womöglich immer schon mitlaufenden (publikumsbezogenen) Inklusion/Exklusions-Grenzziehungs-Chance und b) dem Aufkommen von Designproblemkonstruktionen.
Der erste Absatz hat mich sofort an Nelson Goodmans Buch Weisen der Welterzeugung denken lassen, und wenn Genießen eine Art der Weltkonstruktion ist, dann ist natürlich Lacan nicht weit entfernt.
Das war das eine, was mich an meinem Vorsatz hat zweifeln lassen.
Das andere war, dass mir sofort ein paar schicke Hypothesen zu Walter Benjamin eingefallen sind, die ich notiert habe und schon drauf und dran war, sie auszuformulieren. Dann habe ich das Passagen-Werk aber doch wieder in den Schrank zurückgestellt. Hier sind die Thesen, zum allgemeinen Weiterverarbeiten, wenn's denn jemanden interessiert:
  • Mythos / Ware (d.h. Semantik / Nutzwert: zwei unterschiedliche Formen des Genießens; inwieweit diese beiden sich trennen, in ein anderes kulturelles Verhältnis treten, zum Beispiel, wenn der Mythos als Ware genossen wird (Ideologie?))
  • Werbung als ästhetisches/deiktisches Medium
  • Raum / Zugang zum Raum (manche Passagen hatten Türsteher! - Formen der bürgerlichen Inklusion/Exklusion: die Inklusion in Genuss-/Warenräume gehorcht hier noch einem gewissen vulgären Materialismus)
  • Differenzierung der Verkaufsräume (die spécialités und die magazins de spécialités), der Genussräume (Vaudeville, Weltausstellung, Bahnhofskonstruktionen, Bordelle, Opiumhöhlen, Pferderennen, Galerien) (Foucault: Heterotopien)
  • Individualisierung durch Zurückweisen der Adressabilität (Baudelaire, der Snob, ennui) (und - bei Foucault -: Objektivierung des Subjekts durch Aufzwingen der Adressabilität -> vlt. hier Gegensatz zwischen Snob und Gefangenem und das Pendeln mancher "Krimineller" zwischen diesen beiden Formen -> s. Sartres Saint Genet, evtl. dort als Perversion / Quarantäne, -> die Perversion ist eine Entgiftung von dem gesellschaftlichen double-bind, für die Kriminalität bestraft und beachtet zu werden, und: Bestrafung+Beachtung = Quarantäne, die das produziert, was sie konsumiert, den verachtenswerten Verbrecher)
  • Individualisierung durch Verharren auf der Schwelle (der Flaneur: weder Inklusion noch Exklusion, sowohl Inklusion als auch Exklusion; der Flaneur als ausgeschlossener Dritter; Strategien des Auf-der-Schwelle-verharrens --> Barthes hat eine Schwellenkunde vorgeschlagen, eine Bathmologie (bathmos, gr.: die Schwelle))
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