18.03.2009

Deutsche Argumentation

Charlton Heston ist einer der konservativsten und unbeugsamsten Befürworter von Waffenbesitz von Bürgern.

In Deutschland läuft diese Diskussion zum Glück anders. Noch!
Sieht man sich die Diskussion um den Religionsunterricht an, wünscht man sich, dass die Menschen zum Beispiel etwas mehr Kant lesen. Argumentationslehre ist kein schamanistisches Mysterium. Und hüben wie drüben wäre das eine oder andere an Differenziertheit und genauerer Argumentation doch sinnvoll.

Überhaupt: ich habe mir heute ein kleines Experiment geleistet und mal ein paar Leute auf der Straße angesprochen (mit äußerst seltsamen Erlebnissen: einige Menschen haben mich angesehen, als ob ich irre geworden sei; zum Glück dachte ich mir solch eine Reaktion schon und war darauf vorbereitet, aber das ist ein anderes Thema).
Jedenfalls habe ich die Menschen gefragt, ob sie es für wichtiger halten, dass ein Manager ethisch oder religiös handelt. 100%ige Antwort: Manager sollen ethisch handeln (die Stichprobe betrug allerdings nur sieben Menschen).
Als ich gefragt habe, ob sie für Religion als Zusatzfach oder Alternativfach für Ethik stimmen würden, fiel die Antwort auf 5 für Zusatzfach, 2 für Alternativfach.
Auf die Frage, warum sie so wählen würden, kam von denen, die Religion als Zusatzfach belassen würden, etwa folgende Antwort: "Die meisten glauben doch eh' nicht mehr an einen Gott." (2 Stimmen), "Ethik ist umfassender." (1 Stimme), "Das sind keine ausgebildeten Lehrer, die das unterrichten." (1 Stimme), "Die Kinder sollen nicht getrennt in Werten unterrichtet werden." (1 Stimme).
Die Menschen, die Religion als Alternativfach wählen würden, meinten: "Damit die jungen Leute wissen, was ihnen heilig sein muss." (1 Stimme), "Jeder hat doch das Recht auf seinen eigenen Glauben." (1 Stimme)

Dröseln wir das auf:
  • "Die meisten glauben doch eh' nicht mehr an einen Gott." --> Das ist eindeutig ein resignatives Argument. Nur weil viele Menschen nicht mehr an Gott glauben, heißt das noch lange nicht, dass Ungläubigkeit zur Pflichtübung werden muss.
  • "Ethik ist umfassender." --> Was zu beweisen wäre. Ethik stellt (und beantwortet die Frage, mit welcher Qualität auch immer), wie wir zusammen leben sollen. Religion befasst sich, je spezifisch, mit den Bräuchen und Lehren einer spezifischen Religion. Dass der Religionsunterricht und die Theologie eng mit ethischen Fragen verknüpft ist, ist das Ergebnis einer langen historischen Entwicklung (sage ich hier mal kühn). Jedenfalls kann man nicht behaupten, dass Ethik so eine Art Meta-Religion wäre. Auch das ist also kein Argument, jedenfalls nicht direkt. Dass Ethik etwas anderes ist, und deshalb Ethik und Religion nicht als Alternativen gleichgesetzt werden können, ist wohl das eigentliche, worauf man beim Argumentieren abzielen sollte. Und die ganze Frage ist dann nur noch: behandelt der Ethikunterricht die Religionen mit, oder behandelt der Religionsunterricht die Ethik mit?
  • "Das sind keine ausgebildeten Lehrer, die das unterrichten." --> Soweit ich weiß, sind die meisten Religionslehrer ausgebildete Lehrer, die hier - in Religion - eine Zusatzqualifikation erlangt haben.
  • "Die Kinder sollen nicht getrennt in Werten unterrichtet werden." --> Das ist für mich das überzeugendste Argument. Werte sind, folgt man Luhmann, ein semantisches Äquivalent zu Normen. Äquivalent heißt nicht, dass Werte das ausdrücken, was Normen einschleifen. Es heißt nur, dass diese sich in der Codierung darauf beziehen, wo Normen das erwartbare Handeln begrenzen. Gemeinsame Werte, also - salopp formuliert - semantische Konfigurationen, die sich auf das Wie des Zusammenlebens beziehen, müssen nicht Entsprechungen auf der normativen Ebene besitzen, siehe Multikulturalismus, der normativ eher von Mischungen, Abgrenzungen und erduldeten und nicht-geduldeten Missverständnissen gezeichnet ist. Aber zumindest liefern hier Werte eine Art Ritualisierung in der Sprache, was man noch einmal probieren sollte, weil es einen Wert hat: zum Beispiel, mit Menschen sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds zusammenzuleben.
  • "Damit die jungen Leute wissen, was ihnen heilig sein muss." --> Hier ist heilig eine recht seltsame Metapher für Respekt, Achtsamkeit. Der Mann meinte wohl ethisches Handeln, metaphorisierte das aber in den religiösen Bereich.
  • "Jeder hat doch das Recht auf seinen eigenen Glauben." --> Unbestritten? Nicht wirklich. Glauben, der antidemokratisch ist, wird von den Gesetzgebern zurecht beschnitten. Siehe Fundamentalismus. Und was hat das Recht auf einen eigenen Glauben damit zu tun, dass Religion als Alternativfach eingeführt werden soll? Die Antwort war ausdrücklich: "Ja, man kann die Menschen doch nicht zwingen."

Bodo Ramelow, Mitglied des Parteivorstandes der Linken, fordert in Schulen nun Kurse für Konfliktbewältigung und Mediationsverfahren, außerdem mehr Medienkompetenz im Unterricht (unsinnig, wenn man die vorhandenen Rahmenpläne ansieht, da bereits vorgeschrieben). Des weiteren fordert er mehr Kontakt mit Schulpsychologen und Traumatherapeuten. Das ist ein schwieriges Feld. Die Kinder werden ja gerade überpsychologisiert, weil allzuviele Lehrer sich das Recht herausnehmen, in einer Art und Weise in die Köpfe der Kinder hineinzublicken, die so garnicht möglich ist.
Auf der anderen Seite werden fundamentale Sachverhalte der Wissenschaftstheorie nicht nur nicht in der Schule behandelt, sie scheinen auch den meisten Lehrern unbekannt zu sein. Dazu gehören Begriffs- und Modellbildung, Argumentationslehre oder, was den Deutschunterricht angeht, was ein Zeichen ist (und das ist wirklich erschreckend, denn das hat man wirklich in einer halben Minute erklärt, zumindest in den Grundzügen).
Nicht nur die Wertevermittlung, sondern der strategische Umgang mit der Pluralität des Sinns, mit der unendlichen Semiose (U. Eco) gehört stärker gewürdigt. Statt also mehr sozialpädagogisches "Gedöns" (entschuldigt bitte, liebe Sozialpädagogen), sollte eine klarere Ausrichtung auf methodisches Wissen, also auf Methodenkompetenz, auf die Sozialität des Wissens, also auf Sozialkompetenz, und auf das persönliche Spiel mit dem Wissen, also auf Personalkompetenz (scheußliches Wort übrigens) gelegt werden. All dies gibt der Berliner Rahmenplan übrigens vor, ich wiederhole es. In der Zeit, als dieser eingeführt wurde, hieß es an meiner damaligen Schule, man habe ja ein Jahr Zeit, um diesen umzusetzen, dabei müsste man - meiner Ansicht nach - nicht allzuviel pädagogischen Sachverstand haben, um mit fliegenden Fahnen zu der Neufassung überzuwechseln.
Denn was die Wissenschaftlichkeit der Pädagogik angeht, kann ich hier nur auf mein Lieblingshassbuch hinweisen, ein Geschmier an Doktorarbeit, das ich mir von keinem Zwölfjährigen so hätte geben lassen.

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