12.03.2009

Winnenden

Schlimm ist, was in Winnenden geschehen ist. Eine Erklärung allerdings für die Tat wird es wohl kaum geben können. Abgesehen davon, dass der Vater nachlässig gehandelt hat, als er seine Waffen und die Munition offen im Schlafzimmerschrank hat liegen lassen.

Es wird wohl genug über diese Tat debakelt. Uns soll hier die Mediensprache interessieren. Nicht als Kritik, sondern als ein Versuch, Bildfelder zu ordnen.
Das mag angesichts der grässlichen Tat intellektuell, abstrakt, ja kühl wirken. Vielleicht verzeiht man mir, dass ich seit heute Nachmittag von dem Amoklauf weiß und eine ganze Weile gebraucht habe, um mich emotional in den Griff zu kriegen. Schließlich habe ich selbst einen Sohn auf einer Schule.

Mediensprache

Metaphern der Entgrenzung
Die Grenze spielt als Leitmotiv im Hintergrund eine starke Rolle. Die Grenze an sich ist hier auf zweierlei Felder ausgerichtet: einmal die örtliche Grenze, samt der Grenze nach unten, dem Fundament, und zum anderen die logische Grenze, die zugleich eine kausale und sprachliche Grenze ist. Über das Motiv der Grenze koppeln sich beide, örtliche und logische/kausale/sprachliche Grenze.

"Ich bin ... bestürzt ..." wird Angela Merkel zitiert. Bestürzen, d.h. - laut Grimmschem Wörterbuch - fallen machen, ganz wortwörtlich noch im Mittelhochdeutschen. Dort aber auch schon die Übertragung ins Abstrakte, der Körper, der dem Geist sein Bild leiht: "nu het mir den sin bestürzet", "ich bin so bestürzet, das ich nicht weisz was ich reden sol." (Steinmeier: "In solch einer Stunde versagt auch die Sprache.")

unfassbar / unfaszbar, so "sei das Wort des Tages" (Spiegel online); unfassbar wird passivisch konkret (unfassbare Wolken), eher aber noch abstrakt verwendet (unfaszbare Qual (Hauptmann), unfaszbare Vermutungen (Schnitzler)) --> wird als stärkerer Ausdruck für ungreifbar vermutet; auch: unfaszlich - auch hier eine vorwiegend passivische und abstrakte Verwendung (dem auge unfaszliche mannigfaltigkeiten (Goethe)), aber: "ringer, fechter, ... mit öl gesalbt, das sie unfaszlich sein" (übersetzt nach Petrarca). Interessant ist beim letzten die Herkunft aus dem Kampf. Ebenso aber: "... räuber, ... unfaszbar für die ausgesandten patrouillen ..."

entsetzt - "Politiker zeigen sich entsetzt ..." (Spiegel online): entsetzen als Verb ist das Gegenteil von setzen --> "berg entsetze dich von dem ort und setze dich in das meer!" (Paracelsus), gewöhnlich aber von Personen: "der könig setzet und entsetzet etliche bischöfe" (Kirchhof), d.h. also des Amtes entheben. Der Spiegel hätte, nach der alten Bedeutung also folgendes gesagt: "Die Politiker zeigten sich des Amtes enthoben ...". - Ganz umgedreht zum heutigen Sprachgebrauch: "fasse mut, ich will dich in der rechten stunde entsetzen" (Schiller), im Sinne von befreien, von einer Belagerung, Betrübnis befreien. - Als dritte Bedeutung auch: beschirmen, helfen, lösen, ersetzen: "des römischen kriegsvolks war die menge, dasz sie einander konnten entsetzen" (also ablösen), "wir menschen sind geborn einander zu entsetzen / und keinen durch gewalt gestatten zu verletzen" (Opitz): hier wohl im Sinne von helfen, beschirmen. - Vierte Bedeutung: den Besitz oder das Recht nehmen --> "derselb soll wasser und weid und aller gerechtigkeit dieser vier gemeinden walden verweist und entsetzet sein". - "alaun vier loth dienet zu entsetzen und zu reinigen und zu küelen" --> im Sinne von entspannen, entkrampfen. - "da fürchten und erschrecken, in vielen wörtern, ein auffahren, aufspringen, entsitzen ist, drückt das transitive entsetzen aus in furcht und schrecken jagen, aus der ruhe in unruhe setzen", so bei Luther: "und wen solch stücklin nicht entsetzt noch warnt, den lasz faren, er wil verloren sein".
Entsetzen hat also eine sowohl positive wie negative Bedeutung gehabt, aus dem Bereich des Krieges (eine Stadt entsetzen/befreien), der Medizin (den Leib entsetzen/entkrampfen), der Gefühle (von Ängsten entsetzen/befreien, aber auch: aufspringen, unruhig werden), der Politik und des Rechts (von einem Amt, von Rechten, vom Besitz entheben).

Wörter wie fassungslos, unfassbar, entsetzt, erschüttert, aber auch Ausnahmezustand, Ratlosigkeit, Ohnmacht, verweisen auf eine tiefe Unruhe im Verhältnis der Vernunft zu sich selbst. Wörter, wie diese, aber auch im Fundament erschüttert oder das Ausmaß der Katastrophe, bringen den räumlichen Aspekt, die räumlichen und/oder körperlichen Entlehnungen der Vernunft mit sich, ohne diese noch sonderlich mitzureflektieren.
Es ist vielleicht nur eine unbedachte Ironie, aber einer der Autoren von Spiegel online - Florian Gathmann - konterkariert den Bericht über Winnenden gleich zu Beginn mit folgendem Satz: "Eigentlich sollte dieser Tag zum großen politischen Befreiungsschlag der Kanzlerin werden, ..."

Wie eng sich dies wieder an das Folgende anlehnt, an die Konsequenzen, sei mit einigen anderen räumlichen Metaphern belegt. So wünschte sich Ute Vogt, die SPD-Chefin Baden-Württembergs, "ein gewisses Innehalten". Ursula von der Leyen dozierte, ja dozierte, solche Taten würden häufig von sozial isolierten Jugendlichen begangen (kriminologisch eine sehr interessante Aussage). Wolfgang Bosbach warnte davor, die deutsche Schulen "zu Hochsicherheitstrakten" auszubauen, und der Chef der Polizeigewerkschaft Konrad Freiberg sagte, es gebe keinen "lückenlosen Schutz". "Jedenfalls müsse", so gibt Florian Gathmann wieder, "die Frage im Mittelpunkt stehen, ..."
Zu den Metaphern des Entgrenzen treten hier die Metaphern und Bilder des Zentrums und des Abriegelns hinzu.

Innehalten, als eine Form der Bewegungslosigkeit, korrespondiert mit Aussagen wie "Ihr Gesicht wirkt wie versteinert: ..." - dem ein "... bricht es aus ihr heraus ..." folgt; oder: "mit starrem Gesicht". Schließlich geht aus auch darum, die Betroffenen zu "unterstützen" und nichts zu "überstürzen".

1. Man kann zwar nicht sagen, dass Metaphern, die sich auf soziale, psychische oder physische Grenzen beziehen, in den Medientexten haufenweise vorkommen, aber sie bilden den stärksten Bereich aus.
2. Dicht angelehnt daran, und mit diesen Metaphern verwandt, sind all jene Metaphern, die sich auf den Boden oder den Grund beziehen.
3. Eine dritte häufige Metaphernart ist die des Theaters: es sei "ein dramatischer ... Tatablauf" und "die Bluttat werde ein politisches Nachspiel"haben.
4. Den Metaphern des Entgrenzen treten Metaphern des Zentrums gegenüber: es sind komplementäre bildgebende Bereiche; ebenso stehen Metaphern des Aushöhlens und Bebens und Einstürzen-lassens denen des Stützen gegenüber.
5. Das unfreiwillig metaphorische Echo, das Gathmann in Bezug auf die politische Situation von Angela Merkel zu hören gibt, zeigt aber auch, wie dicht - und sei es nur über die Metaphorik dicht - die Politik zu solchen Gewaltexzessen stehen könnte. Lakoff (Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht, Heidelberg 2008) stellt dar, wie sehr unsere Sprache über den Dialog von Metaphern des Kämpfens und des Krieges durchsetzt [sic!?!] ist. Dabei solle Dialog dem Verständnis und der Gemeinsamkeit dienen.
6. Die Aussagen der Politiker haben alle ein gleiches Moment: das aus der Rolle fallen: bestürzt sein, entsetzt sein, schockiert sein (choc, der Stoß), und so fort, die eine Verbindung zwischen der Grenze der eigentlichen Rolle, ihrem Übertreten, eine zeitweilige Suspension beinhalten(!). Was auch immer die Tat des sogenannten Amokläufers motiviert hat, erst in der Reaktion treten solche Bilder und solche Bildmischungen auf.
Wenn Öttinger, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg sagt, der "Amoklauf, der Ausmaße angenommen hat", dann handelt es sich um eine doppelte Verdrehung. Denn erstens hat der Amoklauf keine Ausmaße angenommen, sondern sie werden ihm zugesprochen, und zweitens ist die Metaphorizität von "Ausmaß" genau der Versuch einer vernunftgemäßen Befriedung, den der Exzess nicht zu haben scheint. In dem Ausdruck von Öttinger schwingt also nicht die Gewalt des Amoklaufes mit, sondern schon der Versuch seiner Bewältigung. Er verschiebt den Zusammenhang von Ereignis und Bewertung in eine Kausalität über den Dreh- und Wendepunkt einer Metapher, die zum Ereignis gegenläufig scheint.
7. Wie sehr hier die Metapher ersetzt, mag auch folgende Wendung zeigen: "Zunächst hatte Merkels Sprecher Ulrich Wilhelm die Trauer und das Entsetzen der Kanzlerin ausgedrückt." Wie immer man das macht! Es scheint doch, als sei in die Sprache, zumal auch in die politische, eine Art logischer und logistischer Repräsentation eingeflochten, die selbst etwas Metaphorisches hat. Die politische Rede, strukturiert wie ein Heer von Metaphern (um Nietzsche und Lacan in einer innigen Verbindung zu "zitieren").
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