31.03.2009

Zeit und Adresse des Alkoholikers

Fieldings Tom Jones, das Findelkind, ein im psychologischen Sinn »triebhafter Charakter«, steht für den von Konvention unverstümmelten Menschen ein und wird zugleich komisch. Letzter Widerhall dessen sind die Nashörner von Ionesco: der einzige, der der tierischen Standardisierung widersteht und insofern ein starkes Ich bewährt, hat, Alkoholiker und beruflich erfolglos, nach dem Verdikt des Lebens gar kein so starkes.
Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik, S. 289.
Hanscom neigte den Kopf zurück. Drückte. Schniefte den Zitronensaft dieses Mal buchstäblich, als wäre es Kokain. Er schluckte Whisky wie Wasser. Er sah Ricky Lee ernst an. »Bing-bong, ich hab' die ganze Bande in meinem Wohnzimmer tanzen gesehen«, sagte er und lachte. Er hatte vielleicht noch zwei Fingerbreit Whisky in dem Krug.
»Es ist genug«, sagte Ricky Lee und griff nach dem Krug.
Hanscom zog ihn behutsam aus seiner Reichweite. »Der Schaden ist angerichtet, Ricky Lee«, sagte er. »Der Schaden ist angerichtet, Junge.«
King, Stephen: Es, S. 91.

Das verborgene Wort

Als ich Ulla Hahn's Buch Das verborgene Wort las, hat mich jene Stelle bis zur absoluten Schmerzgrenze berührt, in der die Protagonistin Zeugin eines unerhörten Vorfalls nach einem Theaterbesuch wird. Gespielt wurde im Theater Ionescos Die Nashörner. Die Fahrgäste des Busses waren für dieses Erlebnis herankutschiert worden, so dass jeder im Bus das Stück gesehen hatte. Man lärmte und lästerte über dieses Stück, in dem sich die Menschen nach und nach in Nashörner verwandelten. Plötzlich steht eine Frau auf und fängt an zu schimpfen. "Seht ihr denn nicht, seht ihr denn nicht, dass das ist wie damals, als Hitler ..." (Der Roman spielt in den 50ern).
Noch aus einem anderen Grund hat mich diese Stelle sehr berührt: Stephen King erzählt in seinem Buch Das Monstrum von der dummen Evolution, von einer Evolution, in der sich die Menschen mehr und mehr in Monster verwandeln und ihr eigenes Ökosystem erzeugen, ganz wortwörtlich. Es ist der nämliche Gesang, den Ionesco anstimmt.
Und auch bei Stephen King ist es der Alkoholiker, der diesen Veränderungen, diesem Monster-Werden am hartnäckigsten widersteht.

Alkohol, neurophysiologisch

Alkohol wirkt im Gehirn in verschiedene Richtungen. Es hemmt GABA(A)-Rezeptoren, die ihrerseits dopaminerge Neuronen hemmen. Das heißt, die Dopaminausschüttung wird erhöht und damit eine Art "Glückszustand". Zudem hemmt Alkohol die Ausschüttung von Acetylcholin, wodurch die Aufmerksamkeit beeinträchtigt wird. Schließlich behindert Alkohol noch die Lernfähigkeit.
Jene Schüler, die sich jetzt in Antalya so betranken, dass einer von ihnen starb und zwei weitere noch im Koma liegen, galten als Schüler einer Musterklasse. Auffällig hier, dass Alkohol in etwa die entgegengesetzten Wirkungen hat, wie die, sich in eine Leistungsklasse einzupassen. - Das ist natürlich eine Anspielung, nicht mehr.

Fitzgerald, nach Deleuze

Laut Deleuze (Logik des Sinns, S. 197ff) sind es zwei Zeiten, die den Alkoholismus Fitzgeralds ausmachen.
Einmal ist dies eine weiter entfernte Vergangenheit, die sich aus harten Segmenten zusammensetzt: arm-reich, verheiratet-unverheiratet, Mann-Frau. Das Kippen von der einen zur anderen Seite folgt einem Prozess der Niederganges. Je dichter diese Vergangenheit an die Gegenwart herantritt, umso mehr ist alles bereits zerstört. Der Alkoholismus, das ist in der Erzählung, wenn sich ein Mensch für eine Seite einer Dichotomie entscheidet und diese im Augenblick festhalten will. Die Verliebtheit Gatsbys. In der Erzählung sind dies manische Figuren, aber zwanghaft in ihrer Manie, solche, die einer fixen Idee folgen: Anderson, die das seltsame Ding im Wald ausgräbt (King, Stephen: Das Monstrum), die Fetischisierung der Einwohner von Castle Rock (King, Stephen: Needful things), ja, auch Inspecteur Clouseau aus dem Rosaroten Panther. Komik des Menschen mit der fixen Idee: sie zu erreichen, ja mehr oder weniger in sie hinein zu stolpern; Tragik: mit der fixen Idee sich seines Lebens zu berauben.

Man fühlt sich erinnert an den Satz von Lacan, an jene großartige Übersetzung von Descartes Ich denke, also bin ich, die Lacan in seinem Aufsatz L'instance de la lettre dans l'inconscient gegeben hat:
C'est-à-dire que c'est peu de ces mots don't j'ai pu interloquer un instant mes auditeurs : je pense où je ne suis pas, donc je suis où je ne pense pas. Mots qui à toute oreille suspendue rendent sensible dans quelle ambiguité de furet fuit sous nos prises l'anneau du sens sur la ficelle verbale.
Will sagen, dass es nur wenige Worte sind, mit denen ich meine Zuhörer einen Moment stutzig mache : ich denke wo ich nicht bin, also bin ich, wo ich nicht denke. Worte, die jedes aufmerkende Ohr feinfühlig für den stöbernden Zwiespalt machen, mit denen der Bezirk des Sinns unseren Zugriffen auf der Schnur des Sprechens flieht. [Übersetzung von mir]
Der Sinn flieht in die vollendete Zukunft, der Alkoholismus in die Wirkungen der vollendeten Vergangenheit, die Romanfigur mit der fixen Idee verschafft sich mit der vollendeten Vergangenheit Wirkungen einer vollendeten Zukunft (Ich hatte den rosaroten Panther, also wird er aus der Zukunft wieder zu mir zurückkommen. So die Logik von Inspecteur Clouseau.)
Die andere Zeit ist die Vergangenheit des Trinkens. Im Trinken verschmelzen das Objekt und sein Verlust und das Gesetz dieses Verlustes. Das Objekt verschwindet, ist aber noch da, ist es selbst und doch nur noch ein Zeichen seiner selbst. Eine entsetzliche Paradoxie, in der die geliebte Frau durchscheinend wird, wie aus Glas, und in der die Leere ihres Körpers durch die Haut farbig leuchtet. Doch genau diese Paradoxie kann auch schwinden: dann ist die geliebte Frau ganz Haut, ganz Ereignis, ein Moiré, in der sich die Farben der Frau mit den Farben der Welt abwechseln, je nach Lichterspiel. Entweder Leere und Hülle einer Leere, oder Moiré und Farbenspiel.
Der Trinker trinkt nicht. Er hat getrunken. Seine Zeit ist die des Getrunken-habens. Trotzdem ist es eine komplexe Zeit. Denn auch diese Zeit teilt sich ein: in ein Nüchtern-gewesen-sein, ein Getrunken-haben, ein Nüchtern-geworden sein. Nie ist es Gegenwart, nie am vibrierenden Rand, dort wo die Gegenwart nicht aufhören kann, in die Zukunft überzugehen. Stets ist die Zukunft des Alkoholikers dort, wo sie schon vergangen ist.
Ich habe drei Figuren und drei Zeiten benannt. Tatsächlich existiert bei Deleuze neben den beiden Zeiten des Alkoholikers noch eine dritte Zeit, die von Gatsby.
1. Zeit:
Vergangenheit ohne Gegenwart, der Prozess des Niedergangs, die harten, dichotomen Segmente; die Gegenwart des Alkoholikers ist unzeitlich, eine Zeit ohne Aktionen und Passionen;
2. Zeit:
vergangene Vergangenheit, vergangene Gegenwart und vergangene Zukunft, Paradoxie des Zeichens, in der das Objekt ganz in den Signifikanten überzugehen droht, in der Ursache, Effekt und Wirkung aus einem gleitenden, haltlosen Sprechen kommen;
3. Zeit:
die vorweggenommene Zukunft, in der die Zukunft noch weiter in der Vergangenheit liegt als die Vergangenheit, oder die Zukunft zugleich wie die Vergangenheit sein wird und sich so wie zu einem Kreis zusammenbiegt, die Zeit des erzählten Alkoholikers, die Zeit der fixen Idee.
Wenn also der Alkoholiker der Zeit widersteht, dann nicht, weil er eine besondere Widerstandskraft hat, sondern weil bei ihm alles, was passiert, schon passiert ist: Vergangenheiten ohne Gegenwart, Projektion der Zeit in die Vergangenheit, Eins-sein von Vergangenheit und Zukunft in einem Kreis.

Systemische Sichtweisen

Drei Aspekte des Beziehungsmusters eines Suchtsystems spiegeln die Zeiten des Alkoholikers wieder.
Zwei Beziehungsmuster stellt Helm Stierlin in seinem Buch Eltern und Kinder vor:
Ein Teil [der Kinder] wird von den Eltern regressiv verwöhnt und infantilisiert ("Bindungsmodus"), traut sich wenig zu, und findet später keine ihn gleichermaßen verwöhnenden Gleichaltrigen, sucht im Drogenrausch die Unterdrückung seiner Liebeswünsche und die Abschwächung seiner aggressiven Impulse.
Schweizer, Jochen/ von Schlippe, Arist: Lehrbuch der systemischen Therapie, Band II, S. 196
Dieses erste Beziehungsmuster korrespondiert mit der ersten Zeit des Alkoholikers. Vor der Blaupause der regressiven Verwöhnung wird der Prozess der Individuation zugleich ein Prozess des Niedergangs. Alles gerät aus den Fugen, ist aus den Fugen geraten. Die Gegenwart kann nicht existieren, da sie sich nicht in die Vergangenheit zurück bewegt.
Die andere, von den Eltern eher vernachlässigte Gruppe ("Ausstoßungsmodus"), sehnt sich nach elterlicher Zuwendung und sucht im Rauschzustand kompensatorisch die vorenthaltene Wärme und Geborgenheit.
Schweizer, Jochen/ von Schlippe, Arist: Lehrbuch der systemischen Therapie, Band II, S. 196
Dieses Beziehungsmuster wiederholt die vergangene elterliche Zuwendung, aber als Mangelzustand. Die Eltern waren signifikant, aber es machte trotzdem keinen Sinn, gleich jenen Zeichen, die keine Bedeutung haben. Dies ist die zweite Zeit des Alkoholikers, in der die Gegenwart ausgestoßen ist, um sich endlos als Vergangenheit zu wiederholen.
Ein mit dem süchtigen Kind verstrickter Elternteil unterstützt durch Geheimnisse, Schutzangebote und Finanzierung das Symptom des Kindes; der andere Elternteil kritisiert das abhängige Kind wie den Partner und zieht sich dann zurück.
Schweizer, Jochen/ von Schlippe, Arist: Lehrbuch der systemischen Therapie, Band II, S. 196
In dieser Delegation zeigt sich die dritte Zeitform des Alkoholikers. Er wird erzählt. Er, der Alkoholiker, wird dort ankommen, wo seine Vergangenheit sein wird. Diese erzählte Zeit ist auch die Zeit des Ko-Abhängigen. Dieser verstrickt sich in das System des Alkoholismus, weil er Erwartungen hat und Befürchtungen hegt.
Diese dritte Zeit muss sich in ihrer ganzen Ambivalenz offenbaren: wenn die Zeit ein Kreis ist, dann kann der eine noch so sehr eine Zukunft meinen, dem anderen steht immer frei, sie als Vergangenheit zu deuten.

Tödliches Trinkgelage

Das tödliche Trinkgelage in Antalya, das letzte Woche ein Todesopfer forderte und sechs zum Teil schwer "Verletzte" hinterlässt, mag gewesen sein, was es will. Die Medienberichte delegieren die Informationen in ein Außen hinein, in eine Art Zukunft, in der die Ursachen, also die Vergangenheit, aufgeklärt sein wird. Der Bericht also bedient sich eines Zeitkreises und damit der Struktur des erzählten Alkoholikers.
Zugleich aber ist der Tod durch Alkohol die wohl vollendetste Form der regressiven Bindung, ganz Vergangenheit, nie wieder Gegenwart.

Chronifizierte Schwellenrituale

Schweizer und von Schlippe beschreiben den Alkoholismus als eine Initiation, die nicht aufhört, als ein Übergangsprozess, der es nicht schafft, auf die andere, die neue Seite zu kommen (S. 201).
«Querelle lernte nach seinem ersten Mord jenes Gefühl kennen, tot zu sein ... Seine menschliche Form - was man die fleischliche Hülle nennt - fuhr jedoch fort, sich auf der Oberfläche der Erde zu regen ...»
Genet, Jean: Querelle de Brest, zit. nach: Sartre, Jean-Paul: St. Genet, S. 12
Ich vermute sogar, dass der australische Kinderkannibalismus teilweise auf die enorme Bedeutung zurückzuführen ist, die die Australier dem Initiationsritus als einem Mittel beimessen, um den extra-sozialen Jugendlichen in ein vollkommen soziales Wesen zu verwandeln.
Devereux, Georges: Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften, S. 255
Genet trägt in seinem Herzen einen alten Augenblick, der nichts von seiner Virulenz eingebüßt hat, eine winzige und heilige Leere, in der ein Tod aufhört und eine entsetzliche Metamorphose beginnt. Die Handlung dieses liturgischen Dramas ist folgende: ein Kind stirbt vor Scham, ein Ganove tritt an seine Stelle; der Ganove wird später von dem Kind heimgesucht. Man müsste von Auferstehung sprechen, an die alten Initiationsriten des Schamanismus und der Geheimgesellschaften erinnern, lehnte Genet es nicht kategorisch ab, ein Auferstandener zu sein. Es hat einen Toten gegeben, das ist alles.
Sartre, Jean-Paul: St. Genet, S. 12
Damit ist eine Art Forschungsparadigma umschrieben: Die Initiation ist ein Wandel der Adressabilität. Adressabilität ist, folgt man Peter Fuchs, der Übersprung von Kommunikation als psychisches Ereignis. Statt also die Eigendynamik der Kommunikation zu sehen, sieht man die Motiviertheit der Seele.
Initiation ist in diesem Fall ein Wandel der Motiviertheit, gleichwohl diese Motiviertheit, sowohl vorher als auch nachher, nur ein Trugschluss ist. Sie ist zunächst nur "in sich", in Differenz zueinander anders. Wenn aber diese Initiation nicht vollzogen werden kann, dann, weil in gewisser Weise der Wandel blockiert wird.
Sartres Äußerungen zu Genet zeigen diesen seltsamen Wandel. Zunächst ersetzt der Gauner das Kind. Statt von einer psychischen Entwicklung auszugehen, in der das Kind nach und nach dem Gaunertum geopfert wird (eine Art Kannibalismus), ist diese Struktur des Ersetzens metaphorisch. Die Metapher, die hier zugleich die Zeit des Erwachsenwerdens opfert, diese in die Vergangenheit schiebt und einen Mangel erzeugt (2. Zeit des Alkoholikers).
Die Adressabilität verändert sich nicht, sondern wird zugleich gebrochen (Ganove statt Kind) und aufrecht erhalten (Heimsuchung durch das Kind). In dem formuliert sich auch eine gewisse Nähe zu den Massenmedien: die Massenmedien inszenieren die Person als eine bestimmte und ersetzen so die "reale" Person. Gleichzeitig hört die reale Person nicht auf, die Massenmedien heimzusuchen (man denke an den Begriff des Fabelwesens für die Opfer von Amstetten, siehe hier).
Verschränken sich derart Person, Rolle, Adressabilität und Initiation, könnte man anhand dieser Begriffe eventuell eine dichtere Sicht sowohl auf das Koma-Saufen als auch auf den Amoklauf (vielleicht als Hyper-Initiation) formulieren. Das schwache Ich, das eingangs von Adorno genannt wird, ist dann vielleicht auch deshalb resistent gegen die Verwandlung, weil die Adressierbarkeit nicht greift, weil die Adressierbarkeit nicht in der Gegenwart, sondern immer in der Vergangenheit stattfindet und damit auch alle Folgen dieser Adressierbarkeit bereits stattgefunden haben: es gibt weder aktuelle Aktionen, noch aktuelle Passionen. Also kann sich der Alkoholiker auch nicht in ein Nashorn verwandeln.
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