26.03.2009

Systemische Kriminologie?

Bei der Arbeit an der massenmedialen Darstellung von Gewalt und Kriminalität bin ich über eine ganze Reihe von Beobachtungen gestolpert. Zudem hat mich natürlich die Diskussion in der Mailing-Liste zur Systemtheorie angeregt.
Ich habe die letzten drei Tage an einer Kurzdarstellung zu Täter-/Opferkonstruktionen in Massenmedien gesessen. Dabei wollte ich nur einen kurzen Appetizer geben, was man ungefähr aus systemischer Sicht dazu sagen kann.
Nun ist aus der Kurzdarstellung nicht nur eine Langdarstellung geworden, sondern diese Langdarstellung wuchert auch an ihren Rändern, schreibt Erläuterndes ein und zerreißt so den einheitlichen Faden, den ich mir am Anfang aufgestellt habe. Als ich mir den Fahrplan zusammengestellt habe, ahnte ich schon, dass ich hier auf ein großes Gebiet stoße, das ich noch kaum durchmessen habe.
Groß ist das Gebiet auch deshalb, weil ich hier die Rhetorik systemtheoretisch abhandeln musste, oder: hätte müssen. Doch genau da stehen bei mir so viele Fragezeichen, dass ich wieder zu Artikeln über die Rhetorik gesprungen bin.
Kurz: keine Anmerkungen zur Kriminologie, schon garnicht aus systemischer Sicht. Nur wieder massenweise Zettel in meinem Zettelkasten mit tausend Ideen.
Trotzdem, hier einige der Ideen:

Wuchern

Ihnen ist sicherlich aufgefallen, wie paradox umgedreht die Kommunikation in den Massenmedien wuchert, sobald die Tat passiert ist.
Selbstverständlich, werden Sie sagen. Über die Tat kann ja erst berichtet werden, wenn sie geschehen ist.
Doch wir sollten das nicht für allzu selbstverständlich halten. Amstetten, Winnenden, das sind ja Kürzel für einen Suchprozess, der sich nicht nur um den Schrecken (engl.: terror) der Tat dreht, sondern um Verdachtsmomente, dass diese Tat keine Einzeltat ist, ja, dass es noch mehr solcher Menschen geben könnte.
Dieses Wuchern jedenfalls zeichnet sich durch mehrere Aspekte aus.

Latenz/Delegation

Ist weiß nicht mehr, welcher Soziologe den Satz geäußert hat "Jede Gesellschaft bekommt die Verbrecher, die sie braucht."; ich glaube Durkheim.
Jedenfalls markiert dieser Satz die beunruhigende Vermutung, dass nicht Tim K. den Amoklauf begangen hat, sondern dass dieser Amoklauf gesellschaftlich delegiert worden ist, ja, dass eine soziale Latenz  nicht nur einen Menschen, sondern potentiell viele Menschen in diese Richtung treiben könnte.
Wäre also dieser Amoklauf, die Disposition zum Amoklauf ansozialisiert, und deren Ausführung erlernt?
Zwischenbemerkt: Luhmann unterscheidet zwischen Lernen und Sozialisation, wobei Lernen in bewusster, verhandelbarer Wissenszuwachs ist, während Sozialisation ein unbewusster (latenter) Wissenszuwachs ist, bzw., um es genauer zu sagen, eine Art Einimpfen latenter Strukturen in die Köpfe, die nicht als Faktenwissen, sondern als Dispositionen zur Wissensverarbeitung zu beobachten sind.
Was also sind amok(o)phile soziale Strukturen?

Ursachenseelen

Täter werden häufig auf Ursachen ihrer Tat hin angeklopft (in Massenmedien). Meist kommt man zu einer irrationalen Tendenz in der Seele, einem eigentlich guten Umfeld (sowohl beim Amoklauf in Winnenden als auch beim Inzestfall Amstetten), und damit zu einem so dezidiert psychischen Moment, dass eine genaue Aufklärung nicht möglich sei.
Zumindest findet man das in etwa in den Massenmedien.
Täter sind (Konstruktionen von) Ursachenseelen.
Die Ursachen seien nun gerade der Begründung entzogen. Das ist aber keine wissenschaftliche Feststellung, sondern zunächst nur ein massenmedialer Beitrag. Erstens blockiert ein solches Argument weitere Beschäftigungen mit dem Thema. Wenn Josef F. eine Persönlichkeitsstörung hat, wird dies nicht weiter erläutert. Tatsächlich ist der Begriff der Persönlichkeitsstörung durchaus ein streitbarer Begriff.
Zweitens aber etabliert sich durch diese Blockade und diesem Begriff eine mythische Letztbegründung. Es gibt, laut ICD-10, eine ganze Menge Persönlichkeitsstörungen. Wie man dies aber sozial verortet, wie man hier neben Psychischem auch Soziales sieht, wird oft auf ein Minimum zusammengeschrumpft: gewaltverherrlichende Spiele, Pornos (bei Tim K.); also eher so etwas wie mimetische Serien: gewaltverherrlichende Spiele --> Amoklauf. Strukturelle Momente dagegen werden kaum, allenfalls mal durch einen Spezialisten, hervorgehoben.

Wirkungsseelen

Faszinierend ist auch, dass Opfer (die Missbrauchten, die Überlebenden) ebenso wenig strukturell betrachtet werden.
Die Tat bricht in das Leben eines Menschen ein und ist ganz Wirkung, der Mensch ganz Spielball. Natürlich ist eine solche enorme Erschütterung schlimm. Trotzdem ist erstens die Art und Weise der Verarbeitung sehr spezifisch, je nach Mensch, und das eine oder andere Mal hatte ich das Gefühl, dass es sogar den Umstehenden ganz recht kommt. Der Amoklauf als Ventil und als Karneval (ich möchte hier nicht die Tat verharmlosen, nur auf eine gewisse traumatische Komplizenschaft hinweisen).
Wie oben zielt hier der Gedanke, der sehr unausgereifte Gedanke, auf soziale Latenzen, die "Amokläufe" nahelegen, und zwar anders nahelegen, als dies mimetische Serien machen würden (zur Unterscheidung von Serie und Struktur siehe z.B. Lévi-Strauss, Claude: Das wilde Denken, Frankfurt am Main 1997, S. 258ff.).
Opfer sind (Konstruktionen von) Wirkungsseelen.
Aufgefallen ist mir dieses Differenz zwischen Ursachen-/Wirkungsseelen übrigens auch dadurch, dass Täter beschrieben werden, als hätten sie einen geheimen Ursprung, wären Findelkinder in dieser Welt von normalen Persönlichkeiten. Auch wenn hier der Sprung weit scheint: man kann ähnliche narrative Muster zwischen Geschichten von Findelkindern und massenmedialen Täter-Rekonstruktionen entdecken.
Am berühmtesten ist wohl Kleists Novelle Der Findling. In dieser findet man gegen Ende folgenden gewaltigen und gewalttätigen Satz: "Durch diesen doppelten Schmerz gereizt, ging er [Piachi], das Dekret in der Tasche, in das Haus, und stark, wie die Wut ihn machte, warf er den von Natur schwächeren Nicolo nieder und drückte ihm das Gehirn an der Wand ein." Um diese Stelle herum weben sich sowohl familiäre wie auch juristische Deformationen. Diese gewisse Nähe zur Darstellung von Tätern dürfte sich wohl von alleine und ohne nähere Belege erschließen.
Wirkungsseelen, mithin Opfer, dagegen haben eine zu dem, was ich Ereignis-Eltern genannt habe: Ereignisse, die stark persönlichkeitsprägend sind und in fast jeder Spannungsgeschichte vorkommen. Beim Opfer ist es natürlich die Tat, die so prägend ist, und die durch die "mildere" Gewalt des öffentlichen Voyeurismus konterkariert wird. Ähnlich ist es ja bei Romanen. Ein Junge findet seinen jüngeren Bruder auf schreckliche Weise ermordet. Wir leiden mit ihm, aber es ist ein sehr voyeuristisches Mitleid. (Siehe dazu mein Skript Eine Abenteuergeschichte schreiben.)

Raumsoziologie

Was für den Krimischreiber selbstverständlich ist, den Tatort zu konstruieren, das wird von den Massenmedien ebenso durchexerziert. Hier werden Orte fotografiert, werden Polizeisperren, die Umgebung, die Innenräume (soweit der Presse zugänglich), usw. gefilmt, beschrieben. Wege werden aufgezeichnet. Das aktuelle Wetter spielt eine Rolle, als ob der Journalist bei Sonnenschein anderes zu berichten hätte als bei Regen.
Hier also werden Räume vermessen. Taträume, Tatumfelder, Gerichtsräume. Der Richter entscheidet über Gefängnis oder Psychiatrie. Trauerräume, Räume der psychotherapeutischen Betreuung, ja sogar unbekannte, anonyme Räume, wie bei der Familie aus Amstetten, die sich an unbekanntem Ort aufhält.
Hier also noch einmal die Frage: was ist ein Raum? wie wird er medial rekonstruiert?

Das also einige der Gedanken, die ich mir zu Winnenden/Amstetten gemacht habe.
Übrigens bin ich dabei wieder auf Jelinek gestoßen. Deren Roman Neid behandelt Amstetten, vorher auch mal Natascha Kampusch. (Auch dieser Roman, wie ihre österreichische Kollegin Friederike Mayröcker übrigens, traktieren den Raum durch Sprache und deformieren das Koordinatensystem. Kleist, zum Beispiel in Das Erdbeben in Chili, verzerrt ebenfalls den Raum. Doch das ist wieder ein anderes, noch weiteres Feld.)
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