20.08.2014

Figurenperspektive und Außenperspektive

Noch eine weitere Anmerkung zum Begriff der Perspektive: ein Anrufer fragte etwas verunsichert, wie dieser zu verwenden sei und verwies dabei auf meinen unterschiedlichen Gebrauch der Worte Figurenperspektive und Innen-/Außenperspektive.
Tatsächlich sind diese Begriffe verwirrend.

Figurenperspektive

Mit der Figurenperspektive ist die Sichtweise einer Figur in der fiktiven Welt gemeint. Dabei handelt es sich dann immer, laut Stanzel, um eine Ich- oder personale Erzählsituation. Allerdings muss man hier vorsichtig sein. Die personale Erzählsituation kann aber muss nicht von einer Figur aus geschildert werden. Zwar ist diese am allerdeutlichsten darauf bedacht, die fiktive Welt objektiv abzubilden, ist allerdings nicht immer mit einer Figur in dieser Welt verknüpft. Dann ist die personale Erzählsituation wie eine Kamera, die die Situationen und Handlungen filmt.

Innenperspektive

Die Innenperspektive verweist auf einen Erzähler innerhalb der Welt. In der Ich-Erzählsituation fällt die Innenperspektive mit der Figurenperspektive zusammen. In der personalen Erzählsituation muss dies, wie eben geschildert, nicht sein.

Außenperspektive

Hier tritt ein Erzähler auf, der nicht in dieser erzählten Welt lebt. Er kommt von außen hinzu. Die Außenperspektive ist keinesfalls die Figurenperspektive. Das gilt auch dann, wenn der Erzähler zwar auch als Figur auftaucht, zwischen beiden aber eine lange zeitliche Distanz liegt, so etwa, wenn jemand am Ende seines Lebens die Geschichte seiner Jugend aufschreibt. Ein typischer Roman für eine solche zeitliche Distanz ist Der Name der Rose von Umberto Eco. Andere Sonderformen der Auktorialität entstehen durch eine streng durchgeformte Prosa, die den Willen zur erzählerischen Gestaltung deutlich hervorhebt, wie in Brochs Der Tod des Vergil. Dabei tritt die Sprache so deutlich in den Vordergrund, dass der Akt des Erzählens in einen regen Austausch mit dem Inhalt tritt und der Inhalt seine "Natürlichkeit" deutlich verliert. Schließlich findet man, selten, noch das Phänomen der Schein-Auktorialität, bei dem ein Erzähler nur behauptet, er spreche aus großer Distanz. In Wirklichkeit aber gehört diese große Distanz zu einer Art pathologischem System, das die Welt verkennt.

Perspektivwechsel

So gesehen gibt es zwei Arten von Perspektivwechsel. Einmal kann die Perspektive von einer Figur zur anderen wandern; das andere Mal kann zwischen Außen- und Innenperspektive gewechselt werden. Dieser zweite Wechsel war schon immer typisch für den Unterhaltungsroman, noch zu einer Zeit, als nicht so leichtfertig zwischen verschiedenen Figur und deren Perspektive gewandert wurde.

Die Markierung des Perspektivwechsels

Besonders begeistert war der Anrufer über meine Aussage, dass der Perspektivwechsel deutlich markiert werden müsse. An dieser Stelle musste ich dann zurückrudern. Dies ist eine Empfehlung für den modernen Unterhaltungsroman. Und ich sage gleich dazu, dass es gut ist, sich an diese Empfehlung zu halten, wenn man einen Unterhaltungsroman schreibt. Allerdings gibt es auch gute Gründe, dieser Empfehlung nicht nachzukommen. King zum Beispiel hat in dem von mir analysierten Beispiel (der Beschreibung des Unwetters) einen schleichenden Übergang gewählt, der deshalb besonders eindrücklich ist, weil er die Figurenperspektive objektiviert, die Grenze zwischen Innen- und Außensicht verwischt und damit die Welt zu einem Ausdruck der inneren Verfassung des Protagonisten macht.
Gerade in der so genannten seriösen Literatur findet man zahlreiche Belegstellen, dass ein Perspektivwechsel nicht gekennzeichnet werden muss und dass ein solches Vorgehen für den Ausdruck einer Geschichte wichtig werden kann. Man denke nur an Christa Wolfs Kassandra oder an Max Frischs Homo Faber.
Kommentar veröffentlichen