07.08.2014

Willkommen bei Scientology

Dass der Mensch nur 10 % seines geistigen Potentials benutzt, dieser Spruch lacht mich zur Zeit von vielen Litfasssäulen an. Angeblich von Albert Einstein einmal in die Welt gesetzt, ist er längst von ominösen Sekten und Weltverbesserern usurpiert worden.
Gewonnen wurde dieser Spruch an den Querschnitten, die punktuell vom Gehirn angefertigt werden und die immer bestimmte Zonen in großer Aktivität zeigen, während andere „passiv“ bleiben. Doch diese Schlussfolgerung ist aus mehreren Gründen falsch.
(1) Was als Aktivität des Gehirns gemessen wird, ist der Energieverbrauch. Das geistige Potential bezieht sich aber auf den Inhalt des Denkens. Ob und wie dieser Inhalt kraftvoll ist, lässt sich vom Energieverbrauch überhaupt nicht deduzieren. Beim Betrachten eines Picasso wird der kleinbürgerliche Stümper dem klugen Kunstliebhaber wohl kaum ein anderes Energieniveau entgegensetzen. Für den Neurophysiologen nivelliert sich das Expertentum auf die gleichen farbigen Flecken.
(2) Die erste Aufgabe des Gehirns ist es, die Wachheit zu regulieren. Wachheit wird verstanden als die Auswahl bestimmter Hirnfunktionen. Sie ist damit ein Differenzbegriff. Wachheit besteht nicht aus Feldern mit hoher Aktivität, sondern aus der Differenz zu jenen, die eine niedrige Aktivität zeigen. Würden alle mit dem gleichen Verbrauch zusammenarbeiten, würde das Gehirn wohl zu viele konkurrierende Reize produzieren und damit das, worauf sich esoterische Sekten so gut verstehen: dem Brei des Denkens.
(3) Schließlich aber ist es das Gehirn, dass das Bewusstsein produziert, nicht umgekehrt. Nicht wir benutzen nur 10 % unseres geistigen Potentials, sondern unser geistiges Potential benutzt nur 10 % von uns. Darüber sollte man nachdenken.

Die Plakate bewerben den neuen Film von Luc Besson, Lucy, ein Riesen-Actionspaß ohne Sinn und Verstand (so die etwas freie Übersetzung einer amerikanischen Rezension), also die perfekte Werbung für Scientology.
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