04.08.2014

Minima Moralia — ein Theater der Imperative

Sollte ich heute erzählen, was ich alles gelesen haben, würde ich wohl den einen oder anderen neidisch machen. 

Provokation auf hohem Niveau

Ein paar der schmalen Bändchen von Sloterdijk waren darunter. Dazu hat mich neulich eine nette Zuschrift bewogen, die ich allerdings inhaltlich ablehnen musste. Betreffender Mensch fand sich geistreich, als er den Vortrag Menschenpark schmähte, dabei hatte dort Sloterdijk vor allem darauf hingewiesen, dass der Züchtungsgedanke, auch der der Selbstzüchtung, keineswegs neu ist. Nicht bei der damaligen Debatte keineswegs verwundert, dass die lautesten Gegenstimmen aus dem Lager kamen, die im Zweifelsfall zum Wohle der Menschen die normativsten Ideen auspacken. Und auch jetzt gefallen mir diese kleinen Schriften wieder ausgesprochen gut. Ich finde sie anregend. Sloterdijk provoziert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich gefügige Leser wünscht. Aber er provoziert auf hohem Niveau. Mir gefällt auch, dass seine Bücher Kabinette von Raritäten und Bizarrerien sind, zu Autoren und Zitaten, die einem noch nie untergekommen sind. 

Andere Themen

Vor anderthalb Jahren wollte ich mir Judith Butler zur Einführung kaufen. Es war vergriffen. Gestern habe ich es dann zufällig in einer Buchhandlung entdeckt. Jetzt habe ich es gelesen.

Und zwischendurch etwas ganz anderes: Mathematischer Anfangsunterricht in der Grundschule. Dieses Werk lese ich seit mehreren Jahren immer wieder und mache mir zu einzelnen Passagen meine Gedanken. Solche Abschnitte, die mich immer und immer wieder zum Neu-lesen reizen, nenne ich Nester. 

Exerzierplatz: Minima Moralia

Adorno. Auch den lese ich, seit einigen Jahren, immer wieder. Unter anderem die Minima Moralia. Was ich bisher noch nicht geschafft habe, aber das ändere ich gerade, ist eine Analyse der Methoden Adornos. So fern sich diese beiden Denker auch sind, so fruchtbar finde ich im Moment, sie zusammenzubringen. Ich lese Adorno durch die Augen Wittgensteins, also in Form von Sprachspielen.
Adornos Duktus ist streng, fast befehlend. Manchmal fühlt man sich an Schiller erinnert. Von Schiller sagte Novalis, dass man ihn, bzw. eins seiner Theaterstücke, in einzelne Zeile zerschneiden können und habe dann 2000 Sprüche für den Stammtisch. Genau so ergeht es mir mit Adorno. Er formuliert Sätze, die in sich geschlossen sind, so als müssten sie alleine stehen. Und weniger sind seine Sätze Beschreibungen, als Aufforderungen, den konstruierten Zusammenhang genau so zu sehen, wie Adorno das haben möchte. Schon vor Tagen habe ich das als Theater der Imperative bezeichnet. Es ist allerdings eher ein Exerzierplatz der Imperative. Die Imperative werden aufgerufen, ihre kleinen Gymnastiken vorzuführen. 

Gefüge der Hoffnungslosigkeit

Nehmen wir gleich den ersten Satz, und jenes Fragment, das mit ›Für Marcel Proust.‹ betitelt ist:
Der Sohn wohlhabender Eltern, der, gleichgültig ob aus Talent oder Schwäche, einen sogenannten intellektuellen Beruf, als Künstler oder Gelehrter, ergreift, hat es unter denen, die den degoutanten Namen des Kollegen tragen, besonders schwer.
Der Hauptsatz: eine Passiv-Konstruktion. Zudem ein Zustand. Die beiden Nebensätze, beides Spezifizierungen, sind indirekt. Der Beruf wird nur so genannt, die Intellektualität ist scheinbar, nicht wirklich. Und die Kollegen sind keine Kollegen, sondern sie tragen nur den Namen.
Alles wird auf Distanz gehalten, bleibt undeutlich. Dazu gehört auch, dass Adornos Text keine sinnlichen Eindrücke kennt, nicht rot und blau, nicht heiß und kalt, nicht feucht oder trocken, es sei denn als Metapher. Und doch kommen die Sätze despotisch daher. Schlag auf Schlag und Satz um Satz wird in jedem Fragment ein Gefüge der Hoffnungslosigkeit umrissen. So schreibt Adorno auch in der Zueignung:
Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muss dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins verborgenste bestimmen. Redet man unmittelbar vom Unmittelbaren, so verhält man kaum sich anders als jene Romanschreiber, die ihre Marionetten wie mit billigem Schmuck mit den Indikationen der Leidenschaft von ehedem behängen, und Personen, die nichts mehr sind als Bestandstücke der Maschinerie, handeln lassen, als ob sie überhaupt noch als Subjekte handeln könnten, und als ob von ihrem Handeln etwas abhinge. Der Blick aufs Leben ist übergegangen in die Ideologie, die darüber betrügt, dass es keines mehr gibt.
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