02.06.2013

Noch einmal: Paradigma und Syntagma; Erzählung und Stil

Vor ungefähr einem Monat habe ich anlässlich einiger Rezensionen zu einer Art Lernkarten eine Notiz geschrieben, obwohl das Thema, auf das ich mich bezogen habe, recht populär ist (Storytelling & Businessmetaphern). Meine Notiz erläutert insbesondere die Begriffe des Paradigmas und Syntagmas. Beide Begriffe sind recht abstrakt. Der Artikel selbst war nicht besonders beliebt. Doch aus den wenigen Rückmeldungen habe ich folgendes entnommen: es ist gar nicht die Abstraktion, die meine Leser gestört hat, sondern eher der Unglaube, dass ein so einfaches Schema die Grundlage einer ganzen Wissenschaftstheorie werden kann. Ich spreche hier vom russischen Konstruktionismus, bzw. vom Strukturalismus; beides hat es ja nie in reiner Form gegeben: selbst der "Vater" des Strukturalismus, der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss, kann diese Methode nicht in seiner Reinheit durchhalten.
Nun finde ich gerade einen Kommentar zur Stilistik. Ich habe ihn irgendwann im letzten Jahr geschrieben da ich gerade dabei bin, meine Notizen aus Dateien in meinen Zettelkasten zu übertragen, bin ich über ihn gestolpert.
Damals habe ich aber nicht die Begriffe Paradigma und Syntagma benutzt, die eher das Phänomen für sich selbst bezeichnen, sondern die Begriffe Selektion und Kombination, die auf Handlungen verweisen. Vielleicht ist dieser Zugang anschaulicher: 
Aus einem Paradigma muss ein Element ausgewählt werden. Der Unterrichtseinstieg ist zum Beispiel ein solches Paradigma. Man muss immer mit einem Unterrichtseinstieg beginnen, man kann aber nicht zwei verschiedene gleichzeitig unterrichten. Man muss einen auswählen, das ist die Selektion.
Ein Syntagma regelt, wie Elemente im Zusammenhang gebraucht, also kombiniert werden. Das beste Beispiel ist die Grammatik. Im Unterricht finden wir zum Beispiel folgendes Syntagma: Unterrichtseinstieg (oder: Motivationsphase), Erarbeitung, Vertiefung, Ergebnissicherung. Die Kombination kann man auch als geregelte Abfolge bezeichnen.
Für die Erzählung kann man dies nochmal verdeutlichen: es gibt Erzählelemente, also die Beschreibung, die Schilderung, der Dialog, etc.; und es gibt eine Anordnung dieser Elemente zu einer "vollständigen" Erzählung. Das Paradigma bestimmt die Elemente, die in einer Erzählung auftauchen können, das Syntagma bildet gleichsam den guten Geschmack, den ein Autor hat, sein Gespür für die gute Kombination der einzelnen Erzählelemente zu einer spannenden oder lehrreichen Geschichte.

Damals, also als ich die Notiz geschrieben habe, habe ich mich mit stilistischen Merkmalen beschäftigt. (Das mache ich heute noch, zweifle aber daran, ob Stilistik überhaupt ein guter Begriff ist; hier benutze ich lieber das Wort Rhetorik, das zwar auch unklar definiert ist, aber längst nicht so verwirrend wie die Stilistik.)
Hier also mein Kommentar, den man als Fragment lesen muss:
Vorweg: ein am Sprachgenie orientierter Stilbegriff (das Genie drückt sich eben sprachlich genial aus) interessiert mich nicht. Stil bezieht sich auf alles, was sprachlich festgehalten wird. Der erste Stilbegriff ist normativ (wertend), der zweite deskriptiv (beschreibend). 
Wenn wir von einer beschreibenden Stilistik ausgehen, dann muss man sich natürlich fragen: beschreibend in Bezug auf was? 
Hier folge ich Roman Jakobson, der von Selektionen und Kombinationen ausgeht. Eine Selektion findet sich dort, wo zwei oder mehrere Alternativen vorliegen und eine ausgewählt wird. So kann man zum Beispiel sagen: "Er kam auf einem Pferd." Alternativ könnte man sagen: "Er kam auf einem Ross." oder "Er kam auf einem Gaul (einer Mähre)." Die Selektion betrifft hier das Wort Pferd und seine Alternativen. Was für die Ebene des Wortes gilt, gilt natürlich auch für Satzteile, Sätze, Absätze, ja ganze umfangreiche Texte. Man könnte zum Beispiel Marlowes Faust, den von Goethe und den von Th. Mann als stilistische Alternativen auf der Ebene von Ganztexten sehen. 
Die Kombinationen sind die "Hintereinanderordnung" von sprachlichen Einheiten. So ist ein Satz eine Abfolge von Wörtern (meist begrenzt und strukturiert durch die Regeln der Grammatik), aber es macht einen Unterschied, ob ich schreibe: "Es war Nacht." oder "Falter flatterten durch das Düster, dessen schweres Massiv nur durch einen halb aufgegangenen Mond geisterhaft beleuchtet wurde." Bei beiden werden aber Wörter zu einem Satz kombiniert. Und genauso kann man solche Kombinationen auf der Handlungsebene finden: mal springt der Held ins Wasser und taucht nach dem Schatz, mal springt er nicht ins Wasser und flieht stattdessen in die Berge. 
In der Praxis lassen sich diese beiden Prozesse, die Selektion und die Kombination, nicht trennen. Jede Selektion verändert die Kombination und jede Kombination wirkt auf die Selektion ein. 
Stil ist das Ergebnis von solchen Selektionen und Kombinationen.
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