05.06.2013

Gauck, das Bundesverdienstkreuz und Ungarn. Oder: wann überhaupt kann man jemanden ehren?

Gauck ehrt Zoltán Balog. Warum, weiß die Zeit nicht zu berichten. Aber dafür weiß sie, dass die ungarische Regierung demokratiefeindlich ist. Und das ist natürlich richtig. Das ist guter Journalismus. Gauck hat, ohne das Umfeld zu beachten, einen Menschen geehrt, der an einer deutlich demokratiefeindlichen Regierung beteiligt ist. Während die halbe Welt Ungarn zu bewegen versucht, die Segregation von Roma und Sinti rückgängig zu machen, muss sich gerade der Bundespräsident aus sehr partiellen Gründen zu einer Würdigung herablassen. Dabei hätte eigentlich der nächste Schritt in Ungarn sein müssen, die Form der Lebensgemeinschaften, die nicht einem christlichen Konservativismus gehorchen, also zum Beispiel alleinerziehende Mütter, zu unterstützen. Denn das Roma und Sinti diskriminiert werden, ist nur die Spitze des Eisbergs. Wer sich darüber beklagt, dass in Deutschland Frauen immer noch schlechter bezahlt werden (und das werden sie ja tatsächlich, jedenfalls statistisch), sollte sich mal Ungarn ansehen. Das ist ein Skandal!
Reden wir überhaupt noch über die Homophobie im ungarischen Staatsapparat?

Nein, das Bundesverdienstkreuz ist keine Auszeichnung, die man mal eben so vergibt. Balog mag sich verdient gemacht haben, als er 1989 DDR-Flüchtlingen geholfen hat. Doch das ist leider nicht sein ganzes Leben. Derzeit scheint er, wenn man dem europäischen Gerichtshof für Menschenrechte glauben will, für eine Praxis der ethnischen Diskriminierung zu stehen.
Es ist nicht das erste Mal, dass man jemanden für eine sehr begrenzte und durchaus auch sehr wünschenswerte Hilfe ausgezeichnet hat, wobei man gleichzeitig die Augen vor allen anderen Verhaltensweisen verschlossen hat. So hat man Bushido mit dem Bambi ausgezeichnet, weil er sich maßgeblich für die Integration ausländischer Jugendlicher in die deutsche Gesellschaft verdient hat. Dass er gleichzeitig frauen- und homosexuellenfeindlich ist, hat man einfach unter den Tisch gekehrt.

Damit wären wir auch wieder bei der Diskussion um Stauffenberg. Irgendwo in meinem Blog habe ich mich darüber aufgeregt, dass Stauffenberg als der Widerstand gegen Hitler dargestellt werde. Das war damals, als Tom Cruise den Film Operation Walküre in Berlin drehte. Nein, Stauffenberg ist nicht der glänzende Held gewesen. Mutig war er mit Sicherheit. Mit Sicherheit war er auch ein kluger Mensch. Doch er war erzkonservativ. Das gehört zur Demokratie, aber es ist nicht die Demokratie. Und Stauffenberg hatte die Möglichkeit, einen groß angelegten Putsch zu organisieren. Das hatten die Geschwister Scholl nicht. Das hatten auch die Juden im Warschauer Ghetto nicht. Soll man deshalb ihre Leistung schmälern, weil sie sozial nicht privilegiert waren und weil sie nicht diese Art des Widerstandes zeigen konnten? Soll man nur dann den Widerstand gegen eine ungerechte Regierung leisten, wenn man die Möglichkeit des Putsches hat? Ich denke nicht. Mutig ist doch gerade der, der Widerstand leistet, auch wenn er keine geeigneten Waffen gegen ein Unrechtsregime hat.

Die Extrapolation gehört, folgt man Immanuel Kant, zu den Paralogismen. Das ist: Ein Merkmal, ein Phänomen oder eine Handlung wird als ungebührlich wichtig dargestellt (siehe dazu auch: Kapitalismuskritiker: Blockupy im Kessel). Ich möchte hier weder Bushido noch Stauffenberg schlecht machen, jedenfalls nicht schlechter, als sie sind. Meine Kritik richtet sich gegen diese einseitige Auswahl, die etwas Gutes ehrt und dabei gleichzeitig das Schlechte übersieht und akzeptiert. Als ob Hitler dadurch gut wäre, dass er Autobahnen gebaut hat. Und die hatte er ja noch nicht mal selbst gebaut. 6 Millionen Juden hat er nebenbei elendiglich krepieren lassen. Übrigens auch nicht alleine.
Stauffenberg kann nichts gegen seine fälschliche Ehrung. Gauck aber hätte deutlicher reflektieren können, wen er dort überhaupt ehrt. Wenn man den aktuellen Nachrichten aus Ungarn glauben schenken darf, keinesfalls einen Demokraten.

Die moderne Ethik hat leider die Ehre aus ihrem persönlichen Tugendkatalog ausgeschlossen. Aristoteles, dessen Nikomachische Ethik ich ausdrücklich als Diskussionsgrundlage empfehlen möchte, kannte diesen Begriff noch sehr gut. Ein Mensch ist ehrbar, wenn er seine Tugenden hat und wenn er diese gegen den Augenschein und im ganzen Umfang verwirklicht. (Meine Leser mögen mir verzeihen, dass ich hier undeutlich bleibe. Da ich hier einen Kunden betreue und ich normalerweise nicht parallel zu einem Coaching über die Inhalte in meinem Blog schreibe, halte ich mich zurück, entweder durch Schweigen oder, so wie hier, durch Undeutlichkeit. Damit vermeide ich mögliche Vorwürfe des Plagiats. Im übrigen ist das ein toller Kunde. Er will verstehen. Wer verstehen will, kann eigentlich nicht plagiieren. Wer nach „Echtheit“ strebt, nimmt die Täuschung nicht hin.)

So viel also zu dem Lieblingsthema unseres Bundespräsidenten, der Freiheit. Mir wurde schon immer unbehaglich, wenn Gauck von der Freiheit geredet hat. Das ist kein einfacher Begriff. Und vor allem ist es kein Begriff, der für sich alleine stehen kann. Er muss mit anderen Begriffen des politischen Feldes vermittelt sein. Keinesfalls darf man ihn allein stehend und monolithisch denken, sondern relational, in Bezug auf andere Begriffe wie zum Beispiel Gleichheit und Solidarität. Solidarität besteht zum Beispiel darin, dass man sich auch mal zurücknehmen kann und sagen kann: hier setze ich mir Regeln, die dem anderen helfen, aber nicht unbedingt mir.
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